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Das Märchen des Lebens – Hans Christian Andersen und die Geschichte, die wir uns erzählen

Last updated on 15/06/2026

Wir werden zu der Geschichte, die wir über uns erzählen: Die Psychologin Kate McLean zeigt mit der Forschung zur narrativen Identität, dass wir unser Selbst aus Erzählungen bauen – und dass wir die Deutung wählen können. „Das wunderbarste Märchen ist das Leben selbst“, schrieb Andersen. Welche Rolle wir darin einnehmen, ist nicht nur Schicksal, sondern auch Erzählung.

„Das wunderbarste Märchen ist das Leben selbst.“
— Hans Christian Andersen (1805–1875)

Märchen haben Elemente, die sich auch in unserem Alltag finden – wenn wir neugierig sind und die Perspektive wechseln.

Märchenhafte Elemente im eigenen Leben

  • Magische Begegnungen: Man trifft unerwartet die Person, die einen auf den passenden Weg bringt.
  • Trost durch Tiere: ein Schmetterling, der ein Stück mitfliegt, ein Rotkehlchen, das im Vorbeigehen seine Stimme hebt.
  • Verwandlungen: die erste Liebe, das eigene Kind zum ersten Mal im Arm – Momente, die uns verändern.
  • Prüfungen: ein Abschluss, ein Konflikt, eine Krise, die bewältigt werden will.
  • Gegensätze: Gut und Böse, Glück und Mühe – sie machen die Geschichte bunt.

Warum die Erzählung zählt

Dass dieses „Lesen“ des eigenen Lebens als Märchen mehr ist als eine schöne Idee, zeigt die Forschung zur narrativen Identität. Kate McLean (mit Dan McAdams) beschreibt, wie Menschen ihr Selbst aus Geschichten formen – aus der Art, wie sie Erlebnisse erzählen und deuten. Entscheidend ist nicht nur, was passiert, sondern wie wir es in unsere Geschichte einweben: als Niederlage oder als Wendepunkt, als Opfer- oder als Heldenrolle. Diese Deutung ist veränderbar – und genau darin liegt die Freiheit. Wir können entscheiden, welche Rolle wir einnehmen, angepasst an unsere Fähigkeiten und Umstände, und uns dabei mit Stärken und Schwächen annehmen.

Kein dauerhaftes Happy End – und das ist gut so

Im Märchen markiert das Happy End den Schluss. Im Leben geht die Geschichte weiter – jedes Ende ist auch ein Anfang. Manchmal fühlen wir uns nicht wie in einem Märchen, obwohl wir mittendrin sind. Jeder von uns ist Teil einer einzigartigen Geschichte.

Praxis: Erzähl deine Woche als Märchen

Eine kleine, erstaunlich wirksame Übung:

  • Nimm die vergangene Woche und erzähl sie Dir in drei Sätzen als Märchen – mit einer Heldin, einer Prüfung und einem Hinweisgeber (Mensch, Tier, Zufall).
  • Achte darauf, welche Rolle Du Dir gibst: Erleidende oder Handelnde?
  • Erzähl dieselbe Woche dann einmal anders – mit Dir als der Person, die etwas gelernt oder bewegt hat.

Du wirst merken: Beide Versionen sind „wahr“ – aber sie fühlen sich völlig verschieden an. Genau das ist die Macht der Erzählung.

KI im Lernalltag

Ein KI-Sprachmodell kann beim Perspektivwechsel helfen: „Hier sind die Stichpunkte meiner Woche – erzähl sie einmal als Heldenreise und einmal als ruhige Alltagsgeschichte.“ Zwei Fassungen nebeneinander machen sichtbar, wie viel Deutung in jeder Geschichte steckt. Die kritische Kante: Die KI erfindet leicht dramatische Wendungen, die nicht Deine sind. Deine echte Geschichte schreibst Du – das Modell liefert nur Spiegelvarianten.

Zum Schluss

Welche Rolle möchtest Du im nächsten Kapitel einnehmen – und welche Geschichte über die letzte Prüfung würdest Du Dir lieber erzählen? Lass uns unsere Märchen bewusst leben.

Wie Deutungsmuster unser Selbstbild formen, klingt in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen an (tidd.ly/4vwIC98, *Affiliate-Link).

Quellen

  • McLean, K. C. & McAdams, D. P. (2013): Narrative Identity. Current Directions in Psychological Science, 22(3), 233–238. DOI: 10.1177/0963721413475622
  • Andersen, H. C. (1805–1875): zugeschrieben, vermutlich aus Das Märchen meines Lebens (1855); gemeinfrei.
  • Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler.

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 1: Innere Haltung (Cluster-Zuordnung als Vorschlag)

Zusammenfassung: Wir bauen unser Selbst aus Geschichten (narrative Identität, Kate McLean & Dan McAdams) – nicht nur das Was zählt, sondern das Wie der Deutung. Wer sein Leben bewusst als Märchen mit wählbarer Rolle liest, gewinnt Freiheit: Dieselbe Woche lässt sich als Niederlage oder als Wendepunkt erzählen.

Published inInnere HaltungInnere HaltungMut tut gut

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