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Der Radwechsel – Brecht, Nancy Schlossberg und die Kunst des Übergangs

Last updated on 16/06/2026

Übergänge sind nicht der Moment des Wechsels – sie sind die Zeit am Straßenrand davor und danach. Nancy Schlossberg, Pionierin der Übergangsforschung, hat gezeigt: Wie gut Menschen Lebensübergänge bewältigen, hängt nicht vom Ereignis ab, sondern von vier benennbaren Ressourcen. Und Bertolt Brecht hat das Wartegefühl dazwischen in sechs Zeilen unsterblich gemacht.

In Brechts später Gedichtsammlung, den Buckower Elegien (1953), findet sich ein Sechszeiler mit dem Titel „Der Radwechsel“: Jemand sitzt am Straßenrand, während der Fahrer das Rad wechselt. Die Person ist nicht gern dort, wo sie herkommt – und nicht gern dort, wohin sie fährt. Warum, fragt sie sich, schaut sie dem Radwechsel trotzdem mit Ungeduld zu? (Da Brechts Werk noch bis Ende 2026 urheberrechtlich geschützt ist, zitiere ich hier nicht wörtlich – das Gedicht ist in jeder Brecht-Ausgabe schnell gefunden und in einer Minute gelesen.)

Mich hat dieses Bild kürzlich in einem Gottesdienst wieder eingeholt – als Erfahrungsbericht, nicht als Predigt: Im Mittelpunkt stand die Geschichte von Martha und Maria (Lukas 10). Martha sorgt für das leibliche Wohl, wie es die Rolle verlangt; Maria setzt sich – gegen die Erwartung – dazu und hört zu. Und Jesus stellt sich auf die Seite derer, die gegen das „So macht man das“ ihre eigene Wahl trifft. Zwei Frauen, zwei Antworten auf dieselbe Frage: Lebe ich, was von mir erwartet wird – oder was ich gewählt habe?

Das Wartegefühl hat einen Namen

Was Brechts Reisender erlebt, beschreibt die Übergangsforschung präzise. Nancy Schlossberg (University of Maryland) hat Übergänge nicht als Ereignisse gefasst, sondern als Prozesse: Eine Transition ist jedes Ereignis – oder ausgebliebene Ereignis –, das unsere Beziehungen, Routinen, Annahmen und Rollen verändert (Schlossberg 1981). Entscheidend ist ihre Pointe: Nicht der Übergang bestimmt, wie es uns geht, sondern unsere Ressourcen im Umgang mit ihm. Vier Faktoren – die „4 S“ – lassen sich prüfen:

  • Situation: Kommt der Übergang gewählt oder ungewählt? Zur guten oder zur schlechten Zeit? Was läuft sonst noch?
  • Self: Welche Erfahrungen mit früheren Übergängen bringe ich mit? Wie sehr glaube ich, etwas bewirken zu können?
  • Support: Wer trägt mit – Menschen, Strukturen, Orte?
  • Strategies: Welche Bewältigungswege nutze ich – und nutze ich mehr als einen?

William Bridges hat ergänzt, dass jeder Übergang drei Phasen hat: ein Ende, eine neutrale Zone und einen Neuanfang (Bridges 2004). Brechts Straßenrand ist genau diese neutrale Zone – das Alte trägt nicht mehr, das Neue trägt noch nicht. Die Ungeduld des Wartenden ist also kein Charakterfehler, sondern das Normalgefühl der Zwischenzeit.

Erwartungen anderer, Wahl der eigenen Richtung

Die eigentliche Schärfe bekommt das Bild durch die Frage, wessen Reise es überhaupt ist. Vieles tun wir, weil es erwartet wird: Karrierestufen, die „dran“ sind; Feste, die man feiert, weil alle feiern; Wege, die man weitergeht, weil man sie begonnen hat. Glaubenssätze wie „So macht man das eben“ halten uns auf Straßen, die wir nie selbst gewählt haben (vgl. → Artikel „Sei stark, sei perfekt, beeil dich – Kahlers fünf Antreiber“). Die Forschung zu Lebensrückblicken zeigt, wohin das führen kann: Der am häufigsten genannte Wunsch am Lebensende ist, den Mut gehabt zu haben, das eigene statt das erwartete Leben zu leben (vgl. → Artikel „Mit dem Ende im Sinn beginnen“ und → Artikel „Vergänglichkeit als Lehrerin – Carstensen“).

Maria aus der Lukas-Geschichte ist dafür ein altes Lehrstück: Sie entscheidet im Moment, aufmerksam und gegen die Erwartung – und bleibt damit beweglich für das, was sie wirklich hören will. Der Radwechsel wird erst dann zur Chance, wenn ich die Wartezeit nutze, um zu prüfen, ob die Richtung noch stimmt.

Was das praktisch bedeutet

Aus Erfahrung weiß ich: Auch berufliche Übergänge – neue Rolle, neues Team, auslaufendes Projekt – werden fast immer als Logistik behandelt und fast nie als neutrale Zone gewürdigt. Dabei entscheidet sich genau dort, ob wir nur das Rad wechseln oder auch die Richtung prüfen. Schlossbergs 4 S geben dafür eine einfache Sprache: Wer Situation, Selbstvertrauen, Unterstützung und Strategien einzeln anschaut, verwandelt diffuses Warten in benennbare Arbeit (zur Gestaltung solcher Phasen vgl. → Artikel „Vom Krebsgang zur Verpuppung“).

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Praxis: Der Radwechsel-Spaziergang

Nimm auf einen Spaziergang von etwa zwanzig Minuten drei Fragen mit – eine pro Wegdrittel:

  1. Woher komme ich gerade? Was geht in meinem Leben zu Ende oder trägt nicht mehr – und habe ich es schon als Ende gewürdigt?
  2. Wohin fahre ich? Und: Wer hat diese Richtung eigentlich gewählt – ich oder das „So macht man das“?
  3. Was brauche ich am Straßenrand? Geh die 4 S durch: Was an meiner Situation, meinem Zutrauen, meiner Unterstützung, meinen Strategien ist schon da – und was fehlt als Nächstes?

Keine Antworten erzwingen. Übergänge antworten langsam – aber sie antworten denen zuerst, die fragen.

Zum Schluss

Stell Dir vor, das Rad ist gewechselt und der Wagen springt an: Wenn Du jetzt frei wählen könntest, ohne eine einzige Erwartung enttäuschen zu müssen – würdest Du dieselbe Richtung nehmen?

Quellen:

  • Brecht, B. (1953): Der Radwechsel. In: Buckower Elegien. (z. B. in: Gesammelte Gedichte. Suhrkamp, Frankfurt a. M.)
  • Schlossberg, N. K. (1981): A model for analyzing human adaptation to transition. The Counseling Psychologist, 9(2), 2–18. DOI: 10.1177/001100008100900202
  • Bridges, W. (2004): Transitions: Making Sense of Life’s Changes. 2. Auflage, Da Capo Press, Cambridge MA.
  • Lukas 10, 38–42 (Martha und Maria).

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

Zusammenfassung: Brechts „Radwechsel“ beschreibt das Normalgefühl der Zwischenzeit, das Nancy Schlossbergs Übergangsforschung erklärbar macht – nicht das Ereignis bestimmt, wie wir Übergänge bewältigen, sondern die vier Ressourcen Situation, Self, Support und Strategies, ergänzt um William Bridges‘ neutrale Zone zwischen Ende und Neuanfang. Wer die Wartezeit am Straßenrand nutzt, um Richtung und Erwartungen zu prüfen, wechselt nicht nur das Rad, sondern wählt die eigene Reise.

Published inInnere HaltungInnere HaltungMut tut gut

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