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Was eine Handlung mutig macht – Cynthia Pury, Stanley Rachman und die Psychologie des Mutes

Last updated on 16/06/2026

Mut gilt landläufig als Furchtlosigkeit – die Forschung zeigt das Gegenteil. Stanley Rachman hat in seinen Studien an Fallschirmspringern und Bombenentschärfern drei Gruppen gefunden: die Furchtlosen, die Furchtsamen, die versagen, und die Mutigen, die dieselbe Furcht erleben und trotzdem handeln. Daraus folgt seine zentrale Einsicht: Wir sollten von mutigen Handlungen sprechen, nicht von mutigen Menschen. Cynthia Pury rückt das Risiko ins Zentrum und unterscheidet allgemeinen von persönlichem Mut – und warnt, dass Mut auch schädlichen Zielen dienen kann. Mutiges Handeln ist damit keine Charaktereigenschaft, sondern eine Frage von Risiko, Furcht und sinnvollem Ziel.

„Mut ist Widerstand gegen die Furcht, Beherrschung der Furcht – nicht Abwesenheit der Furcht.“
— Mark Twain, Pudd’nhead Wilson (1894)

Lange dachte ich, mutig seien die, die keine Angst haben. Je genauer ich hinschaue – bei mir und bei anderen –, desto klarer wird das Gegenteil: Die eindrucksvollsten mutigen Handlungen, die ich erlebt habe, kamen von Menschen, die sichtlich Angst hatten und trotzdem den Schritt taten. Genau das ist es, was die Forschung als Kern des Mutes herausgearbeitet hat.

Mut ist nicht Furchtlosigkeit: Rachmans Fallschirmspringer

Stanley Rachman (Fear and Courage 1990) stieß auf einen klinischen Befund: Patient:innen mit großer Angst führten in Verhaltenstherapien dennoch angstauslösende Handlungen aus – sie handelten mutig. Parallel untersuchte er Fallschirmspringer und Bombenentschärfer. Unter den Fallschirmspringern fand er drei Gruppen: die Furchtlosen (geringe Erregung, leichter Sprung), die Furchtsamen (hohe Erregung, Versagen) – und eine dritte Gruppe, die ebenso hohe physiologische Erregung zeigte wie die Furchtsamen, den Sprung aber trotzdem vollzog. Diese Dritten sind die eigentlich Mutigen. Rachmans Definition: Mut ist Annäherungsverhalten trotz erlebter Furcht. Wer keine Furcht empfindet, braucht keinen Mut.

Mutige Handlungen, nicht mutige Menschen

Aus dieser Beobachtung folgt eine Verschiebung der Perspektive, die für die Praxis entscheidend ist: Weil dieselbe Person in der einen Situation mutig und in der anderen ängstlich handelt, sollten wir – so Rachman – von mutigen Handlungen sprechen statt von mutigen Charakteren. Mut ist nicht, wer man ist, sondern was man in einem bestimmten Moment tut. Das ist eine gute Nachricht: Mut wird damit zu etwas, das in jeder konkreten Situation neu zur Verfügung steht – unabhängig davon, ob man sich für einen „mutigen Typ“ hält.

Das Risiko im Zentrum: Cynthia Pury

Cynthia Pury (Clemson University; The Psychology of Courage, hrsg. mit Shane Lopez, 2010) hat den Blick von der Furcht auf das Risiko verschoben. Eine Handlung ist mutig, wenn sie ein lohnendes Ziel verfolgt und dabei ein – reales oder wahrgenommenes – Risiko in Kauf nimmt. Pury, Kowalski und Spearman (2007) unterscheiden zwei Formen: allgemeinen Mut (Handlungen, die für jeden mutig wären) und persönlichen Mut (Handlungen, die nur für diese bestimmte Person mutig sind). Ihr Befund: Handlungen mit hohem persönlichem Mut werden mit mehr Furcht und trotz größerer Hindernisse vollzogen – während allgemein mutige Handlungen oft mit mehr Zuversicht und weniger Furcht einhergehen. Was für die eine Person ein gewöhnlicher Schritt ist, kann für eine andere ein großer Akt von Mut sein.

Wenn Mut schadet

Pury weist auf eine Seite hin, die in der Mut-Begeisterung oft untergeht: Mut ist nicht per se gut. Eine Handlung kann alle Merkmale von Mut tragen – Risiko, überwundene Furcht, Entschlossenheit – und trotzdem einem schädlichen oder rücksichtslosen Ziel dienen. Mut ist eine Eigenschaft der Handlung, nicht ein moralischer Freibrief. Erst das sinnvolle, wertegeleitete Ziel macht aus riskantem Handeln Mut im guten Sinne. Das ist gerade für Organisationen relevant, die „mutige Entscheidungen“ zur Tugend erklären.

Was bedeutet das für Wirksames Handeln und L&D?

Wenn Mut eine Eigenschaft von Handlungen ist, dann lässt er sich gestalten – nicht durch Appelle an den Charakter, sondern durch Bedingungen. Drei Konsequenzen: Erstens, Furcht anerkennen statt sie zu beschämen – mutiges Handeln setzt Furcht voraus, nicht ihr Fehlen. Zweitens, persönlichen Mut sehen: Der leise Beitrag eines zurückhaltenden Menschen im Meeting kann ein größerer Akt von Mut sein als der laute Auftritt eines Selbstsicheren. Drittens, nach dem Ziel fragen: Nicht jede riskante Handlung verdient Applaus; Mut, der niemandem dient, ist nur Risiko.

Praxis: Die persönliche Mut-Landkarte

Diese Übung nutzt Purys Unterscheidung zwischen allgemeinem und persönlichem Mut. Nimm ein Blatt und schreib drei bis fünf Handlungen auf, die Dir persönlich Mut abverlangen – unabhängig davon, ob andere sie mutig fänden. Für die eine ist es, im Meeting zu widersprechen; für die andere, um Hilfe zu bitten; für die dritte, eine unbequeme Wahrheit auszusprechen oder Nein zu sagen.

Markiere hinter jeder Handlung zwei Dinge: das Risiko (was könnte passieren?) und das Ziel (wofür lohnt es sich?). Wähl dann eine einzige aus, bei der das Ziel das Risiko klar wert ist, und plane den nächsten konkreten Schritt.

Der Sinn der Landkarte: Du hörst auf, Dich mit dem allgemeinen Maßstab anderer zu vergleichen, und erkennst, wo Dein Mut liegt. Genau dort, wo die Furcht am größten ist und das Ziel es trotzdem wert ist, beginnt persönlicher Mut.

Wie sich solches mutige, klare Handeln im Gespräch zeigt – das Ansprechen des Unbequemen, das ehrliche Wort zur richtigen Zeit –, beschreibe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98* (*Affiliate-Link)

Twain hatte die Forschung um ein Jahrhundert vorweggenommen: Mut ist nicht die Abwesenheit der Furcht, sondern ihre Beherrschung. Was Rachman und Pury hinzufügen, ist die praktische Pointe – es geht nicht darum, ein mutiger Mensch zu sein, sondern darum, in dem Moment, der zählt, eine mutige Handlung zu wählen.

Quellen

  • Rachman, S. J. (1990): Fear and Courage (2nd ed.). W. H. Freeman.
  • Pury, C. L. S. & Lopez, S. J. (Hrsg.) (2010): The Psychology of Courage: Modern Research on an Ancient Virtue. American Psychological Association.
  • Pury, C. L. S., Kowalski, R. M. & Spearman, J. (2007): Distinctions between general and personal courage. The Journal of Positive Psychology, 2(2), 99–114. DOI: 10.1080/17439760701237962
  • Rate, C. R., Clarke, J. A., Lindsay, D. R. & Sternberg, R. J. (2007): Implicit theories of courage. The Journal of Positive Psychology, 2(2), 80–98. DOI: 10.1080/17439760701228755

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 4: Wirksames Handeln


Zusammenfassung: Mut ist nicht Furchtlosigkeit, sondern Handeln trotz Furcht für ein sinnvolles Ziel – Rachmans Studien an Fallschirmspringern zeigen, dass die Mutigen dieselbe Furcht erleben wie andere und trotzdem handeln, und Pury rückt das Risiko ins Zentrum (allgemeiner vs. persönlicher Mut). Wer mutiges Handeln fördern will, betrachtet Handlungen statt Charaktere – und behält im Blick, dass Mut auch schädlichen Zielen dienen kann.


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