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Drei Menschen, ein Apfel, drei Wirklichkeiten – Watzlawick, von Glasersfeld und die Verantwortung für die eigene Deutung

Last updated on 16/06/2026

Wer Verantwortung für das eigene Leben übernimmt, gewinnt etwas, das kein Lob von außen geben kann: Selbstachtung. Doch diese Verantwortung beginnt nicht beim Handeln, sondern bei der Deutung. Der radikale Konstruktivismus (Ernst von Glasersfeld, Paul Watzlawick) zeigt: Wirklichkeit ist keine objektive Gegebenheit, sondern eine Konstruktion – drei Menschen erleben denselben Wurm im selben Apfel als drei verschiedene Wirklichkeiten. Julian Rotters Forschung zum Locus of Control belegt zudem: Wer Ereignisse dem eigenen Handeln und der eigenen Deutung zuschreibt, bewältigt Krisen besser und achtet sich selbst mehr. Verantwortung für die eigene Deutung ist damit die Wurzel der Selbstachtung.

„Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Urteile und Meinungen über die Dinge.“
— Epiktet, Encheiridion (Handbüchlein der Moral), Kap. 5 (um 125 n. Chr.)

Das eigene Leben anzunehmen und Verantwortung für das eigene Verhalten zu übernehmen, ist einer der herausforderndsten Aspekte überhaupt. Denn dann können wir niemanden mehr für das verantwortlich machen, was uns widerfährt. Wir verstehen, dass wir einen Anteil haben.

Es gibt viele Situationen, die uns geschehen, ohne dass wir die Entscheidung dafür getroffen hätten. Doch auch dann liegt es bei uns, das, was uns widerfährt, anzunehmen und als das eigene anzuerkennen. Verantwortung beginnt nicht erst beim Tun, sondern viel früher – bei der Deutung dessen, was geschieht. Genau das, was Epiktet vor fast zweitausend Jahren formulierte, fundiert die moderne Forschung auf drei Linien.

Wirklichkeit ist konstruiert: von Glasersfeld und Watzlawick

Der radikale Konstruktivismus (Ernst von Glasersfeld, Radikaler Konstruktivismus, 1997; Paul Watzlawick, Die erfundene Wirklichkeit, 1981) erklärt das erkenntnistheoretisch: Wirklichkeit ist keine objektive Gegebenheit, die wir nur „abbilden“ – sie ist eine Konstruktion. Wir erschaffen unsere Welt durch unsere Deutungsmuster. Watzlawick unterscheidet zwischen Wirklichkeit erster Ordnung (den faktischen Abläufen) und Wirklichkeit zweiter Ordnung (der Bedeutung, die wir ihnen geben). Es gibt also keine universelle Realität – sondern nur unsere Interpretation eigener Erfahrungen, geprägt von Erlebnissen, Werten und Mustern.

Das beste Beispiel ist der Wurm im Apfel – drei Menschen, drei Wirklichkeiten:

  • Der eine betrachtet den Wurm wertfrei, schneidet die Stelle heraus und isst den Rest.
  • Der zweite empfindet den Wurm als ekelig und entsorgt den ganzen Apfel.
  • Der dritte sieht im Wurm den Beweis biologischen Anbaus – und freut sich.

Die Tatsache (ein Wurm im Apfel) ist identisch. Die Wirklichkeit ist es nicht. Diese Erkenntnis ist befreiend und herausfordernd zugleich – denn sie macht uns für unsere eigenen Deutungen verantwortlich.

Selbstachtung als innere Disziplin: Joan Didion

Joan Didion hat in ihrem Essay On Self-Respect (1961, später in Slouching Towards Bethlehem, 1968) einen klassischen Gedanken neu formuliert: Selbstachtung ist nicht das Ergebnis von Erfolg, Anerkennung oder Lob, sondern eine innere Disziplin. Sie entsteht aus der Bereitschaft, das eigene Leben in seiner Ganzheit – auch in seinen Misserfolgen und Wunden – als das eigene anzunehmen. Wer hingegen ständig auf die Anerkennung anderer angewiesen ist, lebt im Schatten fremder Urteile.

Verantwortung wirkt messbar: Julian Rotter

Julian B. Rotter (Psychological Monographs 1966) hat dies mit dem Konzept des Locus of Control empirisch fundiert. Menschen mit internalem Kontrollerleben schreiben Ereignisse stärker dem eigenen Handeln und der eigenen Deutung zu; Menschen mit externalem Kontrollerleben dem Schicksal, dem Zufall oder anderen. Über fünf Jahrzehnte Forschung zeigen: Internales Kontrollerleben korreliert mit höherem Wohlbefinden, besserer Krisenbewältigung, größerer Lernmotivation – und mit Selbstachtung. Wer Verantwortung übernimmt, erlebt sich als wirksam. Wer sich als wirksam erlebt, achtet sich selbst.

Was bedeutet das für Learning & Development?

In der Weiterbildung begegnet dieser Gedanke täglich. Teilnehmende, die kritische Erfahrungen als „mir wurde das angetan“ deuten, lernen anders als jene, die fragen: „Was kann ich daraus lernen?“ Das ist keine Schuldzuweisung an die Lernenden, sondern eine didaktische Aufgabe. Lernarchitekturen, die Selbstreflexion und Eigenverantwortung fördern, schaffen die Voraussetzung für echtes Wachstum.

Verantwortung übernehmen heißt nicht, sich für alles selbst zu beschuldigen. Es heißt: anzuerkennen, dass meine Deutung der Situation meine ist – und dass ich sie ändern darf, wenn sie mir nicht dient.

Praxis: Die drei Lesarten

Nimm eine Situation, die Dich gerade ärgert oder belastet – nicht die größte, eine konkrete. Schreib in einem Satz auf, was tatsächlich geschehen ist (die Wirklichkeit erster Ordnung: Wer hat was getan oder gesagt? Nur Fakten, keine Wertung).

Dann formuliere – wie die drei Menschen vor dem Apfel – drei verschiedene Deutungen desselben Vorgangs:

  1. Die Deutung, die Du gerade hast (meist die belastende).
  2. Eine wohlwollende Deutung: Was, wenn die andere Person aus einem nachvollziehbaren Grund so gehandelt hat?
  3. Eine nüchtern-funktionale Deutung: Was lässt sich aus der Situation lernen oder gestalten – unabhängig davon, wer „recht“ hat?

Zum Schluss eine einzige Frage: Welche dieser Lesarten dient mir – und welche halte ich gerade fest? Du musst die Deutung nicht wechseln. Aber Du erlebst, was Epiktet meinte: dass zwischen dem Ereignis und Deiner Beunruhigung ein Urteil steht – und dass dieses Urteil Dir gehört.

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Selbstachtung entsteht dort, wo wir Verantwortung übernehmen – nicht für das, was geschieht, aber für das, was wir daraus machen.

Quellen

  • Epiktet (um 125 n. Chr.): Encheiridion (Handbüchlein der Moral).
  • von Glasersfeld, E. (1997): Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme. Suhrkamp.
  • Watzlawick, P. (1981): Die erfundene Wirklichkeit. Piper.
  • Didion, J. (1968): On Self-Respect. In: Slouching Towards Bethlehem. Farrar, Straus and Giroux. (Erstveröffentlichung: Vogue, 1961.)
  • Rotter, J. B. (1966): Generalized expectancies for internal versus external control of reinforcement. Psychological Monographs: General and Applied, 80(1), 1–28. DOI: 10.1037/h0092976

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung


Zusammenfassung: Wirklichkeit ist keine objektive Gegebenheit, sondern eine Konstruktion – drei Menschen erleben denselben Wurm im selben Apfel als drei verschiedene Wirklichkeiten (Watzlawick, von Glasersfeld), und wer Ereignisse der eigenen Deutung zuschreibt, bewältigt Krisen besser (Rotters Locus of Control). Verantwortung beginnt damit nicht beim Handeln, sondern bei der Deutung – und genau darin wurzelt Selbstachtung.


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