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Was niemand uns nehmen kann – über Resilienz als innere Freiheit

Last updated on 15/06/2026

Identität ist nicht das, was wir besitzen, sondern das, was übrig bleibt, wenn der Besitz fortfällt. Wilhelmine von Hillern hat das 1872 in Aus eigener Kraft in einem Satz formuliert. Viktor Frankls Logotherapie, Edith Eva Egers therapeutische Arbeit und die Resilienzforschung von Emmy Werner und Ann Masten zeigen über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg dasselbe Muster: Was Menschen innerlich bewahren, lässt sich nicht enteignen. Dietrich Bonhoeffer hat das im Dezember 1944 in Tegel mit Von guten Mächten zum Choral verdichtet.

„Was wir haben, können wir verlieren, aber doch niemals, was wir sind!“ — Wilhelmine von Hillern, Aus eigener Kraft (1872)

Hillerns Satz ist eine Adelsfigur in einem Roman, der vom Verlust überkommener Privilegien handelt. Aber die Pointe trägt weit über ihren Kontext hinaus. Sie beschreibt eine Erfahrung, die seit der Antike bei Stoikern, Christen, jüdischen Mystikern, buddhistischen Mönchen und säkularen Psychologen unter verschiedenen Namen auftaucht: dass es einen inneren Raum gibt, der nicht enteignet werden kann – wenn man ihn pflegt.

Gedanken sind frei – die kulturelle Tiefenschicht

Meine Mutter, die als Kind den Zweiten Weltkrieg erlebte und 2021 starb, hat uns das Lied oft vorgesungen, das schon im 18. Jahrhundert kursierte und das Hoffmann von Fallersleben Mitte des 19. Jahrhunderts schriftlich festhielt: „Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten? Sie fliehen vorbei wie nächtliche Schatten. Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen, es bleibet dabei: Die Gedanken sind frei.“ Wer in einer Diktatur aufgewachsen ist, kennt den Wert dieser Zeilen anders als wer sie als Folklore singt.

Das Lied ist mehr als Folklore. Es ist die volksliedhafte Vorform dessen, was hundert Jahre später die Resilienzforschung empirisch belegen würde.

Was Forschung über innere Freiheit weiß

Viktor Frankl hat in Trotzdem Ja zum Leben sagen (1946) seine Erfahrungen aus den Konzentrationslagern Theresienstadt, Auschwitz, Kaufering und Türkheim verarbeitet. Sein Befund: Selbst unter Bedingungen totaler Entwürdigung blieb eine Freiheit – die innere Haltung gegenüber dem, was geschah. Er nannte sie „die letzte der menschlichen Freiheiten“. Aus dieser Beobachtung entwickelte er die Logotherapie – einen Ansatz, der Sinn als therapeutischen Kern begreift (vgl. Artikel zu Sinn in dieser Serie).

Edith Eva Eger, ungarische KZ-Überlebende und später klinische Psychologin in San Diego, hat Frankls Einsicht weitergetragen. Ihr Buch Ich bin hier, und alles ist jetzt (engl. The Choice, 2017) trägt eine zentrale These: „Wir können nicht ändern, was uns geschehen ist. Wir können nur ändern, was wir damit machen.“ Sie nennt das „die einzige Freiheit, die niemand uns nehmen kann“ – und meint damit nicht Trotz, sondern eine kultivierte Aufmerksamkeit für die Wahlmöglichkeit, die in jedem Moment liegt.

Emmy Werner hat in der Kauai-Längsschnittstudie über 40 Jahre Kinder begleitet, die unter schwierigsten Bedingungen aufwuchsen (Werner & Smith 2001). Etwa ein Drittel entwickelte sich entgegen aller Erwartung gut. Was sie schützte, war nicht das Fehlen von Belastung – sondern das Vorhandensein stabiler Bindungen, eines Sinngefühls und eines aktiven Coping-Repertoires (vgl. Artikel zu Coping). Ann Masten hat diesen Befund in Ordinary Magic (2001) zum Konzept der „normalen Resilienz“ weiterentwickelt: Resilienz ist nicht Heldentum, sondern das Aktivieren ohnehin vorhandener menschlicher Kapazitäten.

Die vier kommen aus sehr verschiedenen Welten – einem Wiener Lager-Überlebenden, einer ungarischen Auschwitz-Überlebenden, einer kalifornischen Entwicklungspsychologin, einer Minneapolis-Forscherin. Ihre Befunde überschneiden sich frappierend: Identität ist trainierbar. Das, was uns ausmacht, ist weniger Gegebenes als Praxis.

Bonhoeffer – Theorie im Ernstfall

Dietrich Bonhoeffer hat keine Resilienzforschung betrieben. Er hat sie gelebt – als evangelischer Theologe und Mitglied des Widerstands, der nach zwei Jahren Gefängnis am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde, vier Wochen vor Kriegsende.

Im Dezember 1944 schrieb er im Wehrmachtsgefängnis Tegel das Gedicht, das später als Choral berühmt wurde und das er als Neujahrsgruß seiner Verlobten Maria von Wedemeyer und seiner Mutter schickte. Die fünfte Strophe lautet:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiß an jedem neuen Tag.“

Es ist gleichgültig, ob man Bonhoeffers theologische Grundlagen teilt. Was ihn bemerkenswert macht, ist, dass er unter Bedingungen, die Menschen üblicherweise zerbrechen, Kohärenz behielt – und dass diese Kohärenz nicht trotzig war, sondern getragen (vgl. Artikel zu Mut). Die Forschung würde das heute mit Aaron Antonovskys Konzept des Kohärenzgefühls beschreiben: das Erleben von Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Sinnhaftigkeit.

Bonhoeffer hat in extremis das gezeigt, was Frankl, Eger, Werner und Masten in Datensätzen und Therapieräumen sichtbar machten: Es gibt einen inneren Ort, der unter Druck nicht zwangsläufig nachgibt. Aber er gibt nicht von selbst nach – er wird gepflegt.

Praxis: Innere Räume bewahren

Was die Forschung als Bausteine identifiziert, lässt sich in alltägliche Praxis übersetzen:

  1. Eine geistige Heimat pflegen – Lieder, Gedichte, Texte, die man auswendig kennt. Sie sind im Krisenfall verfügbar, wenn alles andere weggenommen ist.

  2. Sinn vor Glück – Frankl: Sinn entsteht durch das, wofür man da ist, nicht durch das, was man bekommt. Eine wöchentliche Frage: Wofür war ich diese Woche da?

  3. Wahlmomente erkennen – Eger: Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. Diesen Raum bewusst weiten, statt automatisch zu reagieren.

  4. Bindungen halten – Werner: Die robusten Kinder der Kauai-Studie hatten alle mindestens eine stabile Bezugsperson. Wer als Erwachsener Bindungen pflegt, baut Resilienz auf.

  5. Etwas tun, das größer ist als man selbst – Masten: Engagement für andere ist einer der robustesten Resilienzfaktoren überhaupt.


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Hillerns Satz, das Volkslied meiner Mutter, Frankls Logotherapie, Egers Wahlmoment, Werners Kauai-Kinder, Bonhoeffers Tegel-Strophe – das sind sechs sehr verschiedene Stimmen über zweihundert Jahre hinweg. Sie sagen dasselbe.

Vielleicht ist die ernsteste Frage, die ein Leben stellen kann, nicht Was hast du erreicht? – sondern Was hat dich nicht erreicht?


Quellen

  • Antonovsky, A. (1987): Unraveling the Mystery of Health. How People Manage Stress and Stay Well. Jossey-Bass. — Dt.: Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit (1997). dgvt-Verlag.

  • Bonhoeffer, D. (1951): Widerstand und Ergebung. Briefe und Aufzeichnungen aus der Haft. Hrsg. v. Eberhard Bethge. Kaiser Verlag, München. (Darin: Von guten Mächten, Dezember 1944).

  • Eger, E. E. (2017): The Choice. Embrace the Possible. Scribner. — Dt.: Ich bin hier, und alles ist jetzt (2018). btb.

  • Frankl, V. E. (1946): …trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager. Verlag für Jugend und Volk, Wien. (Spätere Ausgaben: Kösel)

  • Hillern, W. v. (1872/1886–87): Aus eigener Kraft. 3 Bde. Berliner Verlag.

  • Hoffmann von Fallersleben, A. H. (1842): Schlesische Volkslieder mit Melodien. Breitkopf und Härtel. (Darin: Die Gedanken sind frei, aus mündlicher Überlieferung)

  • Masten, A. S. (2001): Ordinary Magic. Resilience Processes in Development. American Psychologist, 56(3), 227–238. DOI: 10.1037/0003-066X.56.3.227

  • Werner, E. E. & Smith, R. S. (2001): Journeys from Childhood to Midlife. Risk, Resilience, and Recovery. Cornell University Press.

  • Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)

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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung.

Published inInnere HaltungInnere HaltungMut tut gut