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Schokolade und ihre dunkle Seite – was eine Studie wirklich zeigt (und was nicht)

Last updated on 16/06/2026

Eine viel zitierte Studie von Rose, Koperski und Golomb (Archives of Internal Medicine, 2010) ergab: Menschen mit höheren Werten auf der Depressionsskala essen etwa 55 % mehr Schokolade als Menschen ohne depressive Symptome. Doch der Befund wird oft falsch interpretiert. Es handelt sich um eine Querschnittsstudie – sie kann nicht klären, ob Schokolade depressive Stimmung mitverursacht, ob depressive Stimmung zu mehr Schokoladenkonsum führt, oder ob ein dritter Faktor beides bewirkt. Damit wird der Artikel weniger zu einer Aussage über Schokolade als zu einem Lehrstück über Wissenschaftsinterpretation.


Schokolade lacht uns in allen Variationen aus jedem Supermarktregal entgegen. Doch hinter der süßen Verführung steht eine „dunkle Seite“ – und ich spreche nicht von dunkler Schokolade, sondern von einem wissenschaftlichen Befund, der häufig missverstanden wird.


Die Studie: Was Rose et al. (2010) wirklich fanden

An der University of California, San Diego untersuchten Natalie Rose, Sabrina Koperski und Beatrice A. Golomb 931 erwachsene Teilnehmer:innen ohne Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Erfasst wurden zwei Variablen:

  • Schokoladenkonsum über Selbstauskunft per Fragebogen

  • Depressive Symptome über die validierte CES-D-Skala (Center for Epidemiologic Studies Depression Scale)

Das zentrale Ergebnis:

  • Personen ohne depressive Symptome: etwa 5 Portionen Schokolade pro Monat

  • Personen mit einzelnen Symptomen: 8 Portionen

  • Personen mit wahrscheinlicher Depression: 12 Portionen pro Monat

Das entspricht etwa 55 % mehr Schokoladenkonsum bei depressiven Symptomen. Der Befund konnte nicht durch allgemein höheren Kalorien-, Fett- oder Kohlenhydratkonsum erklärt werden – er war also spezifisch für Schokolade.


Was die Studie NICHT zeigt

Hier wird es interessant. Die Autorinnen selbst betonen ausdrücklich: Cross-sectional design ≠ Kausalität.

Drei Erklärungen sind gleich plausibel:

  1. Depression führt zu mehr Schokoladenkonsum – etwa als emotionale Selbstregulation, da Schokolade kurzfristig die Serotonin-Ausschüttung anregt.

  2. Schokoladenkonsum trägt zu depressiven Symptomen bei – etwa durch Blutzucker-Schwankungen oder andere physiologische Effekte.

  3. Ein dritter Faktor wirkt auf beides – etwa systemische Entzündungsprozesse, die sowohl Depression als auch Heißhunger beeinflussen.

Welche der drei Erklärungen stimmt, kann diese Studie schlicht nicht beantworten.


Die größere Lehre: Korrelation vs. Kausalität

Genau hier setzt das eigentliche Lehrstück an. Boulevardmedien interpretieren solche Studien gerne als „Schokolade macht depressiv“ oder umgekehrt – beides wäre wissenschaftlich falsch.

Diese Verzerrung ist Teil dessen, was Lewandowsky und Kollegen als systematische Fehlinformations-Dynamik beschreiben (Ecker et al. 2022) und worüber ich in dieser Serie geschrieben habe: Eine Korrelation wird als Kausalbehauptung verkauft, weil sie dann interessanter klingt.

Wer wissenschaftlich denken will, hält drei Ebenen auseinander:

  • Was wurde gefunden? → Korrelation

  • Was lässt sich daraus folgern? → Hypothesen für weitere Forschung

  • Was wird zur Klärung gebraucht? → Längsschnittstudien, idealerweise mit Interventions-Design


Aus Sicht der Ernährungswissenschaft

Als Oecotrophologin sehe ich in solchen Studien oft dasselbe Muster: Die Lebensumstände sind häufig die eigentliche Geschichte – nicht das Lebensmittel. Wer in schwierigen Lebensphasen vermehrt zu emotionalen Essroutinen greift, behandelt nicht primär ein Ernährungsthema, sondern ein Bewältigungsthema. Das gilt für Schokolade so wie für viele andere Trostlebensmittel.


Paracelsus formulierte es im 16. Jahrhundert klassisch: „Sola dosis facit venenum“ – die Dosis macht das Gift. Diese Studie verschiebt die Perspektive jedoch in eine andere Richtung: Vielleicht ist es seltener die Dosis, die zählt – und häufiger die Frage, warum sie überhaupt gebraucht wird.


Quellen:

  • Rose, N., Koperski, S. & Golomb, B. A. (2010): Mood Food: Chocolate and Depressive Symptoms in a Cross-sectional Analysis. Archives of Internal Medicine, 170(8), 699–703. DOI: 10.1001/archinternmed.2010.78

  • Ecker, U. K. H., Lewandowsky, S., Cook, J. et al. (2022): The psychological drivers of misinformation belief and its resistance to correction. Nature Reviews Psychology, 1, 13–29. DOI: 10.1038/s44159-021-00006-y

  • Radloff, L. S. (1977): The CES-D Scale: A Self-Report Depression Scale for Research in the General Population. Applied Psychological Measurement, 1(3), 385–401.

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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung

Published inMut tut gutWahrnehmung und DeutungWahrnehmung und Deutung