Last updated on 16/06/2026
Wir sehen selten, was ist – wir sehen, was wir erwarten. Die Philosophin Edith Stein, Schülerin Husserls, hat ein Werkzeug dagegen verfeinert: die phänomenologische Methode. Ihr Kern ist die Epoché – das bewusste Aussetzen von Vorannahmen und Urteilen, um eine Situation erst einmal zu beschreiben, statt sie sofort zu erklären und einzuordnen. Eine erstaunlich praktische Haltung für jeden, der Menschen und Lagen klarer wahrnehmen will.
„Wir wollen jeden Tag ein neues Leben beginnen.“ – Edith Stein
Edith Stein, geboren in eine jüdische Familie, später Karmelitin (Schwester Teresa Benedicta vom Kreuz), war eine bedeutende Philosophin und Theologin. Ihre Arbeit zur phänomenologischen Methode wirkt bis heute in viele Disziplinen.
Vier Bewegungen einer klaren Wahrnehmung
- Erscheinungsweise: Ich nehme wahr, wie mir etwas erscheint – nicht, was ich darüber zu wissen glaube.
- Epoché: Ich klammere Vorannahmen und schnelle Urteile bewusst ein – ich „setze sie in Klammern“, statt ihnen sofort zu folgen.
- Intentionalität: Bewusstsein ist immer auf etwas gerichtet. Ich frage mich, worauf meine Aufmerksamkeit gerade zielt – und ob das die ganze Situation ist.
- Beschreiben statt erklären: Ich beschreibe zuerst, was ist, bevor ich deute und bewerte.
Diese Haltung half Stein, die Angst nicht überhandnehmen zu lassen: Sie nahm die Realität an, ohne vorschnell zu urteilen, und richtete ihre Aufmerksamkeit bewusst aus. Genau das ist im Berufsalltag wertvoll – wo wir Menschen oft in Sekunden in Schubladen stecken.
Die Brücke
- Haltung: Ich nehme an, dass mein erster Eindruck eine Deutung ist, nicht die Wirklichkeit.
- 1, 2, 3 – mein Handeln: Ich beschreibe eine Situation erst (Was sehe/höre ich konkret?); ich setze mein schnelles Urteil bewusst in Klammern; ich frage nach, bevor ich einordne.
- a, b, c – Wirkung im System: Wer urteilsfrei beschreibt, verhindert Vorverurteilungen · Konflikte werden um Fakten statt um Zuschreibungen geführt · es entsteht eine Kultur, die Menschen neu sehen kann, statt sie auf alte Bilder festzulegen.
Praxis: Die Klammer-Übung
- Wenn du dich bei einem schnellen Urteil ertappst („typisch X“), halte inne und beschreibe nur, was tatsächlich passiert ist – ohne Wertung.
- Frage dich: Worauf war meine Aufmerksamkeit gerichtet – und was habe ich dabei nicht gesehen?
- Beginne das Gespräch mit einer Beschreibung, nicht mit einer Diagnose.
KI im Lernalltag
Ein KI-Sprachmodell kann beim Trennen von Beobachtung und Deutung helfen: „Hier ist meine Schilderung – markiere, was Beobachtung ist und was schon Bewertung.“ Die kritische Kante: Die Klammer setzen musst du selbst – die KI zeigt die Naht zwischen Sehen und Urteilen, das Innehalten bleibt deins.
Zum Schluss
Jeden Tag ein neues Leben beginnen – das heißt vielleicht zuerst: jeden Tag mit etwas weniger Vorurteil sehen. Wo könntest du heute dein schnelles Urteil einmal in Klammern setzen?
Wie Wahrnehmung und Deutung unsere Gespräche formen, beschreibe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (tidd.ly/4vwIC98, *Affiliate-Link).
Quellen
- Stein, E. (1891–1942): Phänomenologische Methode (Erscheinungsweise, Epoché, Intentionalität, Beschreibung statt Erklärung); in der Tradition Edmund Husserls. (Werk gemeinfrei)
- Cross-Ref: „Embracing new beginnings / Edith Stein“ (B26, Fokus Neuanfang).
- Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung (Cluster-Zuordnung als Vorschlag)
Zusammenfassung: Edith Steins phänomenologische Methode – besonders die Epoché, das Einklammern von Vorannahmen – ist ein praktisches Werkzeug, um Menschen und Situationen klarer und urteilsfreier wahrzunehmen. Wer erst beschreibt und dann deutet, verhindert Vorverurteilungen – im eigenen Kopf und im Team.


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