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Glück suchen, nicht finden – Colette und die Paradoxie des Glücksstrebens

Last updated on 15/06/2026

Wer Glück zu sehr zum Ziel macht, fühlt sich oft unglücklicher – das zeigte die Psychologin Iris Mauss in mehreren Studien: Je höher Menschen Glück bewerteten, desto enttäuschter reagierten sie ausgerechnet in guten Situationen. Vielleicht liegt das Glück also nicht im Festhalten, sondern in der Suche und im Loslassen.

„Wir sind auf Erden, um das Glück zu suchen, nicht um es zu finden.“
— Sidonie-Gabrielle Colette zugeschrieben (1873–1954; eine eindeutige Werkquelle ist nicht belegt)

Dieser Satz hat mich zuerst irritiert. Sollten wir nicht alle nach dem Glück streben und es festhalten? Auch ich wollte ankommen – mein Glück finden und behalten. Je länger ich über die Worte nachdenke, desto mehr stimme ich ihnen zu.

Die Flüchtigkeit, die wir übersehen

Oft suchen wir nach einem Glück, das wir zu kennen glauben: „Mein Glück ist der Abschluss in XY.“ Erreichen wir das Ziel, sind wir glücklich – doch das Gefühl ist flüchtig. Wir verwechseln Glück mit dem, was uns vermeintlich glücklich macht. Genau hier setzt die Forschung an. Iris Mauss und ihr Team beschrieben 2011 die Paradoxie des Glücksstrebens: Wer Glück besonders hoch bewertet, legt die Latte so hoch, dass die Wirklichkeit fast zwangsläufig enttäuscht – und zwar gerade dann, wenn eigentlich aller Grund zur Freude bestünde. Das Streben sabotiert das Ziel.

Loslassen, um neu zu finden

Vielleicht liegt das Glück also in der Suche selbst – in der Hoffnung und der Bewegung. Und vielleicht in den kleinen, unscheinbaren Dingen: da sein, atmen, das Wunderbare des Alltäglichen bemerken. Diese Augenblicke lassen sich nicht festhalten. Genau das macht sie kostbar. Wir können das Glück nicht einsperren; wir können es nur jeden Tag neu entdecken, uns daran freuen und es wieder loslassen – ein Kreislauf, der das Glück lebendig hält (verwandt → Artikel zum Loslassen / Ajahn Chah; zur Eudaimonia → Artikel zu Demokrit).

Colette, die mit „Gigi“ Geschlechterrollen herausforderte und Frauen ermutigte, eigene Wege zu gehen, verband das Glücksstreben mit der Freiheit, sich nicht von fremden Erwartungen definieren zu lassen.

Praxis: Die Sammlung der flüchtigen Momente

Statt Glück als Ziel zu jagen, übe das Bemerken. Leg Dir für eine Woche ein kleines Glücks-Glas oder eine Notiz-App an:

  • Halte jeden Abend einen einzigen flüchtigen Moment fest, der heute gut war – ein Geruch, ein Satz, ein Licht.
  • Schreib nur, was es war, nicht warum es „zählt“.
  • Am Wochenende liest Du die Zettel und lässt sie dann bewusst wieder los – das Glas wird geleert, die Woche beginnt neu.

Du trainierst damit nicht das Festhalten, sondern das Wiederfinden.

Zum Schluss

Was, wenn Glück kein Besitz ist, den man erwirbt, sondern eine Art zu gehen? Vielleicht ist die ehrlichere Frage nicht „Wann bin ich endlich glücklich?“, sondern „Bemerke ich das Glück, während ich es suche?“

Wie sehr unsere Haltung und unsere Deutungsmuster darüber entscheiden, was wir als Glück erkennen, klingt auch in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen an (tidd.ly/4vwIC98, *Affiliate-Link).

Quellen

  • Mauss, I. B., Tamir, M., Anderson, C. L. & Savino, N. S. (2011): Can Seeking Happiness Make People Unhappy? Paradoxical Effects of Valuing Happiness. Emotion, 11(4), 807–815. DOI: 10.1037/a0022010
  • Colette, S.-G.: Glücks-Aphorismus (zugeschrieben; Werkquelle nicht eindeutig belegt). Romanbezug: Gigi (1944).
  • Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler.

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 1: Innere Haltung (Cluster-Zuordnung als Vorschlag)

Zusammenfassung: Glück zu sehr zum Ziel zu machen, kann unglücklicher machen (Mauss u. a. 2011) – das stützt Colettes zugeschriebenen Gedanken, dass wir das Glück suchen, nicht festhalten. Wer flüchtige Momente bemerkt und wieder loslässt, hält das Glück lebendig, statt es zu verfehlen.

Published inInnere HaltungInnere HaltungMut tut gut

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