Last updated on 16/06/2026
Partizipation ist in aller Munde – und wird oft inflationär behauptet, ohne gelebt zu werden. Schon 1969 hat Sherry Arnstein dafür die berühmte Leiter der Bürgerbeteiligung gezeichnet: von Manipulation über Alibi-Beteiligung bis zu echter Macht-Teilung. Wer Workshops, Tagungen oder Change-Prozesse plant, sollte die Stufen kennen – denn nichts zerstört Vertrauen schneller als Beteiligung, die keine ist.
Partizipation gehört zu den Begriffen, die durch häufigen Gebrauch dünn geworden sind. Entscheidend ist, die Stufen zu unterscheiden – und ehrlich zu benennen, auf welcher man sich gerade bewegt. Die Klassikerin dazu ist Sherry Arnstein, deren „Ladder of Citizen Participation“ (1969) bis heute eines der meistzitierten Beteiligungsmodelle ist: Ihre Leiter reicht von Nicht-Beteiligung über Stufen der Alibi-Beteiligung („Tokenism“) bis zu echter Bürgermacht. Für den deutschsprachigen Raum haben Gaby Straßburger und Judith Rieger das Modell zur Partizipationspyramide weiterentwickelt (Straßburger & Rieger 2014). Auf Lern- und Arbeitsformate übersetzt sehe ich drei Stufen:
Stufe 1: Nicht-Partizipation
Hierunter fällt Manipulation – propagandistische Reden, strategische Anweisungen im Beteiligungs-Gewand – ebenso wie Alibi-Partizipation: die rhetorische Frage im Vortrag, das Feedback-Formular, dessen Ergebnisse niemand liest. Arnsteins Pointe: Diese Stufen sind nicht einfach „wenig Beteiligung“, sie sind ihr Gegenteil – und werden als solches gespürt.
Stufe 2: Vorstufen der Partizipation
Drei Ebenen, alle legitim, solange sie nicht als mehr verkauft werden, als sie sind:
- Teilhabe: Teilnehmende diskutieren in kleinen Gruppen, etwa in Murmel-Runden.
- Information: Neues Wissen wird vermittelt und selbst reflektiert, etwa über Quizze.
- Mitwirkung: Arbeitsaufträge gehen an Kleingruppen, Ergebnisse kommen ins Plenum.
Stufe 3: Echte Partizipation
- Mitbestimmung: Formate wie Open Space, in denen Teilnehmende die Themen aktiv mitgestalten.
- Selbstbestimmung: Teilnehmende entscheiden, woran sie arbeiten – und woran nicht.
- Selbstverwaltung: Barcamps sind das schönste Beispiel – Themen und Durchführung kommen vollständig von den Teilnehmenden; manche zählen das schon als Stufe über der Partizipation.
Barcamps sind für echte Beteiligung besonders interessant, weil sie ein übergreifendes Thema mit den realen Interessen der Anwesenden verbinden. Gute Arbeitstagungen kombinieren bewusst mehrere Stufen als dynamischen Prozess – kleine und große Gruppenformate im Wechsel.
Warum die Ehrlichkeit über die Stufe entscheidet
Das eigentliche Risiko ist nicht die niedrige Stufe – Information ist oft genau richtig. Das Risiko ist das Etikett: Wer Mitwirkung verspricht und Manipulation liefert, beschädigt das Vertrauen nachhaltiger, als wenn er ehrlich „heute informiere ich nur“ gesagt hätte. Beteiligung, die keine ist, lehrt die Menschen, dass sich Engagement nicht lohnt – und produziert genau das Schweigen, das Organisationen dann beklagen (vgl. → Artikel „Eine Kerze anzünden, wo alle schweigen“). Echte Stufen-3-Formate dagegen sind gelebte Autonomie – das Grundbedürfnis, aus dem Motivation entsteht (vgl. → Artikel „Was hochmotivierte Menschen ausmacht – Selbstbestimmungstheorie“, und für die Architektur des Abstands → Artikel „Der Eltern-Parkplatz“).
Praxis: Der Stufen-Ehrlichkeits-Check
Nimm Dein nächstes Beteiligungsformat – Workshop, Townhall, Teamrunde – und beantworte vorab drei Fragen schriftlich:
- Welche Stufe ist es wirklich? (Nicht: Welche soll es wirken?)
- Was dürfen die Teilnehmenden tatsächlich entscheiden – und was steht schon fest?
- Wird beides ausgesprochen? Formuliere einen ehrlichen Eröffnungssatz: „Heute geht es um X; entschieden ist bereits Y; Euer Einfluss liegt bei Z.“
Dieser eine Satz zu Beginn ist die billigste Vertrauensinvestition, die ich kenne.
Zum Schluss
Stell Dir vor, alle Einladungen in Deiner Organisation müssten die Partizipationsstufe ehrlich im Betreff tragen – „Townhall (Stufe 1: Information mit Fragerunde)“. Was würde sich zuerst ändern: die Formate oder die Erwartungen?
Wie sich die Stufen in konkrete Tagungsdesigns übersetzen – von der Murmelgruppe bis zum Barcamp –, beschreibe ich ausführlich in meinem Buch Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten (Springer Gabler, 2025): 👉 tidd.ly/4clXpur (Affiliate-Link).
Quellen:
- Arnstein, S. R. (1969): A ladder of citizen participation. Journal of the American Institute of Planners, 35(4), 216–224. DOI: 10.1080/01944366908977225
- Straßburger, G. & Rieger, J. (Hrsg., 2014): Partizipation kompakt. Für Studium, Lehre und Praxis sozialer Berufe. Beltz Juventa, Weinheim.
- Voss, S. (2025): Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten. Springer Gabler, Wiesbaden.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 5: Lernende Organisation
Zusammenfassung: Sherry Arnsteins Beteiligungsleiter von 1969 und die Partizipationspyramide von Straßburger und Rieger unterscheiden, was im Alltag verschwimmt – Manipulation und Alibi-Beteiligung, legitime Vorstufen wie Information und Mitwirkung, und echte Partizipation von Open Space bis Barcamp. Entscheidend ist nicht die Höhe der Stufe, sondern die Ehrlichkeit über sie: Beteiligung, die keine ist, zerstört Vertrauen – der ehrliche Eröffnungssatz über Entschiedenes und Gestaltbares ist die billigste Vertrauensinvestition.


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