Last updated on 15/06/2026
Wer sich vorstellt, ein gutes Ereignis im eigenen Leben hätte nie stattgefunden, schätzt es danach mehr – und fühlt sich besser. Diesen verblüffenden Befund nennt die Forschung den „George-Bailey-Effekt“. Er erklärt, warum wir, wie Schopenhauer schrieb, das Schöne oft erst vermissen, wenn es vorbei ist – und wie wir das umdrehen können.
„Wir verleben unsere schönen Tage, ohne sie zu bemerken: Erst wenn die schlimmen kommen, wünschen wir jene zurück.“
— Arthur Schopenhauer
Diese Erkenntnis ist leider zu wahr. Wie oft genießen wir die schönen Momente zu wenig? Wie häufig bemerken wir gar nicht, dass der Augenblick, den wir gerade erleben, einer der wertvollsten sein könnte? Manchmal halten wir uns für am Tiefpunkt – und merken später, dass es ein Wendepunkt war.
Warum uns das Gute entgeht
Unser Erleben gewöhnt sich an das Gute. Was beständig da ist, rückt in den Hintergrund – ein psychologischer Spareffekt, der uns blind macht für das, was selbstverständlich scheint. Genau hier setzt eine elegante Studie an: Minkyung Koo, Sara Algoe und Kolleg:innen ließen Menschen entweder beschreiben, wie ein schönes Ereignis in ihr Leben kam – oder sich vorstellen, es wäre nie passiert. Wer die Abwesenheit durchdachte, fühlte sich danach besser und dankbarer. Die Vorstellung des Verlusts macht das Vorhandene wieder sichtbar. Benannt ist der Effekt nach George Bailey aus „Ist das Leben nicht schön?“, dem gezeigt wird, wie die Welt ohne ihn aussähe.
Den Moment zurückholen
Es geht nicht darum, schwierige Situationen wegzureden. Es gibt echte Härten – und Momente, in denen Menschen Gewalt erfahren, körperlich oder seelisch; solche Erfahrungen können tief verletzen und verdienen echte Unterstützung, nicht bloß guten Willen. Wertschätzung der Momente meint etwas anderes: in den gewöhnlichen, guten Augenblicken präsent zu sein, statt sie unbemerkt verstreichen zu lassen – und in sich einen inneren Rückzugsort zu pflegen, aus dem heraus man wieder nach vorn blicken kann.
Praxis: Die mentale Subtraktion
Probier den George-Bailey-Effekt selbst:
- Wähl etwas Gutes in Deinem Leben, das selbstverständlich geworden ist – ein Mensch, eine Fähigkeit, ein Ort.
- Stell Dir konkret vor, eine Kette von Zufällen wäre anders verlaufen und es gäbe es nicht. Wie sähe Dein Leben aus?
- Kehr dann zurück ins Jetzt – und bemerke, dass es da ist.
Diese Übung wirkt oft stärker als das bloße Aufzählen von Dankbarem, weil sie das Gewohnte aus der Selbstverständlichkeit holt.
Zum Schluss
Was sind Deine Wege, die schönen Momente zu erkennen, während sie da sind – nicht erst, wenn sie fehlen? Vielleicht reicht es, ab und zu zu fragen: Was hier würde ich vermissen, wenn es morgen nicht mehr wäre?
Wie Haltung und Deutungsmuster unser Erleben formen, klingt in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen an (tidd.ly/4vwIC98, *Affiliate-Link).
Quellen
- Koo, M., Algoe, S. B., Wilson, T. D. & Gilbert, D. T. (2008): It’s a Wonderful Life: Mentally Subtracting Positive Events Improves People’s Affective States, Contrary to Their Affective Forecasts. Journal of Personality and Social Psychology, 95(5), 1217–1224. DOI: 10.1037/a0013316
- Schopenhauer, A.: Aphorismen zur Lebensweisheit (gemeinfrei).
- Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen. Bei belastenden oder traumatischen Erfahrungen ist professionelle Unterstützung der richtige Weg.
Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 1: Innere Haltung (Cluster-Zuordnung als Vorschlag)
Zusammenfassung: Wir bemerken das Schöne oft erst, wenn es fehlt (Schopenhauer) – der „George-Bailey-Effekt“ (Koo, Algoe u. a. 2008) zeigt: Wer sich die Abwesenheit eines guten Ereignisses vorstellt, schätzt es danach mehr. Mentale Subtraktion holt das Gewohnte aus der Selbstverständlichkeit und macht den Moment wieder sichtbar.


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