Last updated on 15/06/2026
Protein-Riegel, High-Protein-Pudding, Eiweiß-Shakes: Kaum ein Nährstoff wird derzeit so beworben wie Eiweiß. Eiweiß ist tatsächlich ein echtes „Mittel zum Leben“ – Bausteff für Muskeln, Enzyme, Hormone. Aber ist mehr automatisch besser? Ein nüchterner Blick auf den Hype.
Wie viel Eiweiß braucht der Körper?
Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) empfiehlt für gesunde Erwachsene von 19 bis 65 Jahren 0,8 g Protein pro Kilogramm Körpergewicht und Tag – bei 70 kg also rund 56 g. Ab 65 Jahren sind es 1,0 g/kg, um dem altersbedingten Muskelabbau entgegenzuwirken. Wer viel Sport treibt (mehr als fünf Stunden pro Woche), liegt je nach Ziel bei etwa 1,2 bis 2,0 g/kg. Bis rund 2 g/kg gilt für Gesunde als unbedenklich.
Der entscheidende Punkt, der im Hype gern untergeht: Die meisten Menschen in Deutschland nehmen ohnehin schon mehr Eiweiß auf, als sie brauchen – ganz ohne Pulver, allein über normale Mahlzeiten.
Braucht man dafür Proteinpulver?
Meistens nicht. Verbraucherzentrale und Bundeszentrum für Ernährung betonen, dass der Bedarf in aller Regel über gewohnte Lebensmittel gedeckt werden kann: Hülsenfrüchte, Quark, Eier, Tofu, Getreide, Nüsse. High-Protein-Produkte sind oft vor allem eines – teuer. Pulver kann eine praktische Ergänzung sein (etwa rund ums Training oder bei erhöhtem Bedarf), ist aber kein Muss. Hinzu kommt: Einzelne Produkte können Verunreinigungen oder unnötige Zusatzstoffe enthalten – ein Blick auf unabhängige Tests und eine kurze Zutatenliste lohnt sich.
Schadet zu viel Eiweiß den Nieren und der Leber?
Hier ist Sorgfalt gefragt, denn die verbreitete Pauschalwarnung trifft so nicht zu. Nach aktueller Studienlage gibt es bei gesunden Menschen keinen Beleg, dass eine hohe Proteinzufuhr Nieren oder Leber schädigt. Die häufig genannte „höhere Belastung der Niere“ (eine gesteigerte Filtrationsrate) ist nach heutigem Verständnis eine normale Anpassung des Stoffwechsels – kein Schaden.
Anders sieht es bei Menschen mit einer vorbestehenden Nieren- oder schweren Lebererkrankung aus: Für sie kann zu viel Eiweiß tatsächlich problematisch sein, und eine begrenzte, ärztlich begleitete Zufuhr ist wichtig. Genau hier hat die Warnung ihren berechtigten Kern – sie gilt aber nicht pauschal für alle. Und für dauerhaft sehr hohe Mengen (deutlich über 2 g/kg) fehlen Langzeitdaten; hier ist Zurückhaltung sinnvoll.
Wird überschüssiges Eiweiß zu Fett?
Indirekt ja – aber nicht so, wie oft gedacht. Nicht das Eiweiß an sich macht dick, sondern ein Kalorienüberschuss: Wer dauerhaft mehr Energie aufnimmt als verbraucht, lagert sie als Fett ein – egal, ob sie aus Eiweiß, Fett oder Kohlenhydraten stammt. Eiweiß hat dabei sogar einen Vorteil: Es sättigt stark und sein Abbau kostet den Körper vergleichsweise viel Energie. Entscheidend ist also die Gesamtbilanz, nicht der einzelne Shake.
Fazit
Eiweiß ist wichtig – aber mehr ist nicht automatisch besser. Für die allermeisten Menschen deckt eine ausgewogene Ernährung mit echten Lebensmitteln den Bedarf locker; Pulver braucht es nur in besonderen Situationen. Wer eine Nieren- oder Lebererkrankung hat, sollte die Eiweißmenge ärztlich abstimmen. Der Rest darf gelassen bleiben: Nicht der Hype zählt, sondern das eigene Maß – und das Wissen, es einzuordnen.
Quellen (Auswahl): Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Referenzwerte und Leitlinie Protein sowie Positionspapier Proteinzufuhr im Sport · Verbraucherzentrale und Bundeszentrum für Ernährung (BZfE) zu Proteinprodukten und Whey · Systematische Übersichtsarbeiten zur Nierenfunktion bei Gesunden (u. a. Devries et al. 2018; Schwingshackl & Hoffmann 2014) · Verbraucherservice Bayern: „Eiweißempfehlungen auf dem Prüfstand“.


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