Last updated on 16/06/2026
Knapp die Hälfte aller Hinterbliebenen berichtet von Wahrnehmungen verstorbener Angehöriger – einer vertrauten Stimme, einer Präsenz im Raum, einem Duft. Über Jahrzehnte galt das in der Psychologie als Symptom, das verschwinden müsse. Die neuere Trauerforschung kommt zu einem anderen Schluss: Diese Erfahrungen sind in aller Regel weder Einbildung noch Krankheit, sondern Ausdruck einer Bindung, die den Tod überdauert. Wie wir darauf reagieren, entscheidet darüber, ob Trauernde sich öffnen oder verstummen.
„Der Gedanke an die Vergänglichkeit aller irdischen Dinge ist ein Quell unendlichen Leids – und ein Quell unendlichen Trostes.“
— Marie von Ebner-Eschenbach, Aphorismen (1893)
Diesen Doppelcharakter kennt jeder, der einen nahen Menschen verloren hat: Dieselbe Endlichkeit, die schmerzt, kann auch tragen. Die Trauerforschung der letzten Jahrzehnte hat genau dafür eine Sprache gefunden – und sie widerspricht vielem, was wir im Alltag über „richtiges“ Trauern zu wissen glauben.
Vom „Loslassen“ zur fortbestehenden Bindung
Lange prägte ein einziger Aufsatz das Verständnis von Trauer. Sigmund Freud beschrieb sie 1917 in Trauer und Melancholie als „die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person“. Gesunde Trauerarbeit, so die Folgerung über Generationen, bestehe darin, sich vom Verstorbenen zu lösen, die Bindung aufzukündigen und frei zu werden für Neues.
1996 kehrten Dennis Klass, Phyllis Silverman und Steven Nickman dieses Modell um. Ihr Band Continuing Bonds zeigte: Gesunde Trauer heißt gerade nicht loslassen, sondern die Beziehung neu ordnen. Der oder die Verstorbene bekommt einen anderen Platz – aber bleibt präsent. Silvermans Arbeiten mit Witwen und verwaisten Kindern machten deutlich, dass eine fortbestehende innere Verbindung nicht Stagnation bedeutet, sondern oft Stabilität.
Wie verbreitet diese Erfahrungen sind
Die wohl bekannteste Untersuchung stammt von W. Dewi Rees, der 1971 im British Medical Journal 293 Verwitwete in Wales befragte: 46,7 Prozent berichteten von sensorischen Wahrnehmungen der Verstorbenen. Ein neuerer Übersichtsartikel von Castelnovo und Kolleg:innen (2015) ordnet die Befunde ein – je nach Studie liegen die Werte zwischen rund 30 und 60 Prozent. Bemerkenswert war schon bei Rees: Die wenigsten hatten je davon erzählt, viele aus Angst, für verrückt gehalten zu werden.
Diese Erfahrungen sind also häufiger als manche Depression – und in der überwiegenden Zahl der Fälle nicht mit psychischer Erkrankung verbunden.
Trauer verläuft nicht in Phasen
Hartnäckig hält sich die Vorstellung der „fünf Phasen“. Elisabeth Kübler-Ross hatte sie an Sterbenden beobachtet, nicht an Hinterbliebenen – die Übertragung auf Trauernde war eine spätere Vereinfachung. Margaret Stroebe und Henk Schut beschrieben 1999 mit dem Dual Process Model etwas Realistischeres: ein Pendeln zwischen verlustorientierter und wiederherstellungsorientierter Bewältigung. Kein Stufengang, sondern eine Oszillation. George Bonanno ergänzte, dass der häufigste Trauerverlauf nicht die schwere, lang anhaltende Krise ist, sondern Resilienz (vgl. Artikel zu Coping und Lebensphasen).
Die Grenze zur Störung – und warum sie heikel ist
Es gibt eine behandlungsbedürftige Form, die anhaltende Trauerstörung (Prigerson; Shear), die laut Shear (2015) etwa 2 bis 3 Prozent der Bevölkerung betrifft und ernst zu nehmen ist. Doch die Grenze ist umstritten: Als 2013 im DSM-5 der „Trauer-Ausschluss“ bei der Depressionsdiagnose fiel, warnten viele Fachleute vor einer Medikalisierung normaler Trauer. Entscheidend für die Praxis: Wahrnehmungen Verstorbener gehören ausdrücklich nicht zu den Kriterien einer Trauerstörung. Sie pathologisch zu deuten, verkennt den Forschungsstand.
Was das für Organisationen bedeutet
Trauer ist eines der häufigsten einschneidenden Lebensereignisse in jeder Belegschaft – und eines der am seltensten besprochenen. Wer eine ungewöhnliche Erfahrung gemacht hat, schweigt meist, aus Furcht, instabil zu wirken. Hier greift Amy Edmondsons Konzept der psychologischen Sicherheit: Ob Menschen sich verletzlich zeigen, hängt nicht von ihrer Stärke ab, sondern vom Raum, den ein Umfeld dafür lässt (vgl. Artikel zu psychologischer Sicherheit und Feedback). Wie Führungskräfte und Kolleg:innen auf Trauer reagieren, entscheidet darüber, ob sie integriert oder versteckt wird – mit realen Folgen für Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit.
Praxis: Begleiten statt bewerten
Wenn ein Mensch Dir von einer Trauer-Erfahrung erzählt, brauchst Du keine Erklärung parat. Hilfreich sind drei Haltungen:
- Da bleiben statt deuten. Halte den Moment aus, ohne ihn einzuordnen. „Erzähl mir mehr davon“ trägt weiter als jede Interpretation.
- Nicht korrigieren. Sätze wie „das bildest du dir ein“ verschließen das Gegenüber sofort. Die Wahrnehmung eines Trauernden ist keine Behauptung über die Physik, sondern ein Bericht über sein Erleben (vgl. Artikel zu den vier Ebenen des Zuhörens).
- Fragen statt füllen. Eine offene Frage – „Was hat dir das bedeutet?“ – öffnet mehr Raum als jeder gut gemeinte Rat.
Vielleicht ist die wissenschaftlich ehrlichste Haltung auch die menschlichste: Wir müssen nicht entscheiden, was solche Erfahrungen „in Wirklichkeit“ sind, um angemessen auf sie zu reagieren. Sobald uns jemand davon erzählt, beantworten wir ohnehin eine andere Frage – ob wir einen Raum schaffen, in dem das Unfassbare ausgesprochen werden darf, oder einen, in dem ein Mensch lernt zu schweigen.
Welchen dieser beiden Räume haben wir zuletzt geöffnet, wenn jemand in unserer Nähe etwas erlebt hat, das sich nicht erklären ließ?
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Quellen
- Freud, S. (1917): Trauer und Melancholie. Internationale Zeitschrift für ärztliche Psychoanalyse.
- Rees, W. D. (1971): The hallucinations of widowhood. British Medical Journal, 4(5778), 37–41. DOI: 10.1136/bmj.4.5778.37
- Klass, D., Silverman, P. R. & Nickman, S. L. (1996): Continuing Bonds: New Understandings of Grief. Taylor & Francis.
- Stroebe, M. & Schut, H. (1999): The dual process model of coping with bereavement. Death Studies, 23(3), 197–224. DOI: 10.1080/074811899201046
- Castelnovo, A., Cavallotti, S., Gambini, O. & D’Agostino, A. (2015): Post-bereavement hallucinatory experiences: A critical overview of population and clinical studies. Journal of Affective Disorders, 186, 266–274. DOI: 10.1016/j.jad.2015.07.032
- Bonanno, G. A. (2009): The Other Side of Sadness. Basic Books.
- Prigerson, H. G. et al. (2009): Prolonged grief disorder: Psychometric validation of criteria proposed for DSM-V and ICD-11. PLoS Medicine, 6(8), e1000121. DOI: 10.1371/journal.pmed.1000121
- Shear, M. K. (2015): Complicated grief. New England Journal of Medicine, 372(2), 153–160. DOI: 10.1056/NEJMcp1315618
- Edmondson, A. (1999): Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383. DOI: 10.2307/2666999
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 3: Begegnung & Dialog
Zusammenfassung: Knapp die Hälfte aller Trauernden erlebt sensorische Wahrnehmungen Verstorbener, die die Forschung als normalen Ausdruck einer fortbestehenden Bindung versteht, nicht als Krankheit. Wer Trauernden begegnet, sollte begleiten statt bewerten – denn ob ein Mensch das Unfassbare ausspricht oder verschweigt, entscheidet sein Gegenüber mit.

