Last updated on 15/06/2026
Staunen verändert uns messbar: Die Emotionsforscherin Lani Shiota zeigt, dass das Erleben von Schönheit und Ehrfurcht das Ich kleiner und durchlässiger macht – wir treten aus dem Kreisen um uns selbst heraus. „Glück ist die Fähigkeit, Schönes zu erkennen“, sagt eine asiatische Weisheit. Und diese Fähigkeit lässt sich üben.
„Glück ist die Fähigkeit, Schönes zu erkennen.“
— asiatische Weisheit (Verfasser unbekannt)
Schönheit ist subjektiv und liegt im Auge der Betrachterin – geprägt von Persönlichkeit und Kultur. Doch sie betrifft nicht nur das Außergewöhnliche, sondern vor allem die kleinen Dinge des Alltags.
Schönheit im Alltag – eine Frage der Haltung
Wenn im Frühjahr die ersten Krokusse, Schneeglöckchen und Forsythien aus der Erde kommen, ist die Schönheit leicht zu sehen. Aber auch das Unscheinbare hat sie: das unbeschwerte Lachen eines Kindes, der erste Marienkäfer auf der Hand, ein berührendes Bild. Um all das wahrzunehmen, braucht es eine Haltung. Wir sind oft Opfer der selektiven Wahrnehmung – wir sehen, was wir sehen wollen. Wer sich vornimmt, das Schöne zu suchen, findet es auch.
Was Staunen mit uns macht
Dass dieses Suchen mehr ist als Esoterik, zeigt die Forschung zu Awe – Staunen, Ehrfurcht. Lani Shiota und Kolleg:innen beschreiben Staunen als Reaktion auf etwas, das größer ist als unsere bisherigen Denkmuster: Es wirkt selbst-verkleinernd im besten Sinn. Das eigene Ich rückt für einen Moment in den Hintergrund, der Blick weitet sich, das Gedankenkreisen verstummt. Schönheit zu entdecken ist deshalb kein Luxus, sondern eine kleine, kostenlose Form, aus der Enge des Alltags herauszutreten.
Praxis: Das Schönheits-Tagebuch
Eine einfache, gut erprobte Übung: Notiere jeden Abend eine schöne Sache, die Du heute gesehen hast – ein Licht, eine Geste, eine Farbe. Schreib nur, was es war. Nach einer Woche wirst Du merken, dass Dein Blick sich umstellt: Du beginnst tagsüber nach dem Schönen zu suchen, weil Du abends etwas notieren willst. So trainierst Du Deine Wahrnehmung darauf, das Gute zu finden – statt das Fehlende.
KI im Lernalltag
Eine KI kann den Blick weiten, wenn er eng geworden ist: „Nenne mir zehn unscheinbare Dinge in einem Büroalltag, die jemand als schön erleben könnte.“ Solche Anstöße helfen, die Aufmerksamkeit neu zu kalibrieren. Die kritische Kante: Das eigentliche Staunen passiert nicht im Chat, sondern wenn Du aufschaust und es selbst sieht. Die KI kann auf die Tür zeigen – hindurchgehen musst Du.
Zum Schluss
Wahres Glück entsteht oft nicht durch mehr Besitz, sondern durch das Entdecken der Schönheit, die schon da ist – und das kostet nichts. Lass uns die Welt mit offenen Augen ansehen. Wo hast Du heute schon etwas Schönes übersehen, das nur darauf wartet, bemerkt zu werden?
Wie Haltung und Wahrnehmung unser Erleben formen, klingt in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen an (tidd.ly/4vwIC98, *Affiliate-Link).
Quellen
- Shiota, M. N., Keltner, D. & Mossman, A. (2007): The Nature of Awe: Elicitors, Appraisals, and Effects on Self-Concept. Cognition and Emotion, 21(5), 944–963. DOI: 10.1080/02699930600923668
- Asiatische Weisheit (Verfasser unbekannt) – Glücks-/Schönheits-Aphorismus.
- Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler.
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie ‚Mut tut gut‘ – Cluster 1: Innere Haltung (Cluster-Zuordnung als Vorschlag)
Zusammenfassung: Schönheit zu erkennen ist eine übbare Haltung – und Staunen (Awe, Lani Shiota) lässt das Ich für einen Moment kleiner und den Blick weiter werden. Ein Schönheits-Tagebuch stellt die Wahrnehmung darauf um, das Gute zu finden statt das Fehlende – Glück, das nichts kostet.


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