Last updated on 16/06/2026
Sibilla Aleramo, eine der wichtigsten frühen feministischen Stimmen Italiens (1876–1960), schrieb: Die Liebe war der Grund meiner Existenz und der der ganzen Welt. Erich Fromm formulierte eine ähnlich radikale Pointe in Die Kunst des Liebens (1956): Liebe ist keine Emotion, die uns zustößt – sondern eine Praxis, die wir lernen können. Barbara Fredrickson hat diese Einsicht 2013 in Love 2.0 neurowissenschaftlich unterfüttert: Liebe entsteht in Mikromomenten der Resonanz zwischen zwei Menschen – Augenblicken geteilter Aufmerksamkeit, in denen Oxytocin freigesetzt und der Vagusnerv stimuliert wird. John Gottmans Jahrzehnte-Forschung an über 3.000 Paaren ergänzt: Was Beziehungen langfristig trägt, sind nicht die großen Erklärungen, sondern die unscheinbaren Bids for Connection – kleine Einladungen zur Verbindung, die im Alltag entstehen oder verschluckt werden.
„L’amore era la ragione della mia esistenza e di quella del mondo intero.“ („Die Liebe war der Grund meiner Existenz und der der ganzen Welt.“) — Sibilla Aleramo (1876–1960)
Als ich in jungen Jahren in der Studentenmission Deutschland aktiv war, sangen wir oft: „Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab“ (Joh. 3,16). Was mich damals beeindruckte, wirkt heute aus anderer Perspektive nach: Die Geste, sich selbst zurückzunehmen, damit ein anderes Wesen sein kann. Im Altgriechischen heißt diese Form der Liebe Agape – die gebende, nicht-besitzende Liebe. C. S. Lewis hat in The Four Loves (1960) gezeigt, dass viele Traditionen – christliche, stoische, buddhistische – dieselbe Bewegung beschreiben. Die zentrale Pointe: Liebe ist nicht primär ein Gefühl, sondern eine Haltung im Handeln.
Fromm: Die Kunst des Liebens als Praxis
Erich Fromm (1900–1980) hat in Die Kunst des Liebens (1956) eine bemerkenswerte These vertreten: Die meisten Menschen halten Liebe für ein Problem des Geliebt-Werdens – wie kann ich für andere attraktiv sein? – statt für ein Problem des Liebens – wie kann ich die Fähigkeit entwickeln, einen anderen Menschen wirklich zu sehen, anzunehmen, zu unterstützen? Fromm zufolge ist Liebe eine Kunst wie die Musik oder das Handwerk: Sie braucht Disziplin, Konzentration, Geduld und höchstes Engagement. Sie ist nicht angeboren, sondern gelernt.
Was wir umgangssprachlich „verlieben“ nennen, ist nach Fromm vor allem die Erfahrung intensiven Empfindens. Die eigentliche Liebe – die Beziehung, die fünf, zehn, dreißig Jahre trägt – ist eine tägliche Praxis des Aufeinander-Bezogen-Bleibens. Sie zeigt sich nicht in Weihnachtsgeschenken, sondern in der Frage, ob ich morgens den Kaffee schon aufgebrüht habe, wenn die andere Person aufsteht.
Fredricksons Mikromomente: Was Resonanz wirklich ist
Barbara Fredrickson, Psychologin an der University of North Carolina (die wir aus den Cluster-1-Beiträgen zur Broaden-and-Build-Theorie kennen, siehe Artikel zu Hoffnung und Herbstlaub), hat in Love 2.0 (2013) ein neues Verständnis von Liebe vorgeschlagen. Liebe ist demnach nicht ein dauerhafter Zustand zwischen zwei Personen – sondern eine wiederholbare, zwischenmenschliche Erfahrung von Mikromomenten der Resonanz, in denen drei Dinge gleichzeitig passieren:
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Geteilte positive Emotion zwischen zwei Menschen
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Geteilte biobehaviorale Synchronizität (Mimik, Gestik, Atemrhythmus)
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Eine reziproke Sorge um das Wohlergehen des anderen
Diese Mikromomente lassen sich physiologisch messen: Oxytocin steigt, der vagale Tonus (siehe Artikel zu Gesprächsvorbereitung – Polyvagal-Theorie) verbessert sich. Fredricksons These ist provokant: Liebe entsteht überall dort, wo zwei Menschen einen solchen Mikromoment teilen – mit der Lebenspartnerin, dem Kollegen, einem Fremden im Bus. Sie ist nicht an exklusive Beziehungen gebunden.
Für die Holiday-Frage heißt das: Die liebevollsten Momente einer Woche sind selten die geplanten Großereignisse. Sie sind die Mikromomente, in denen jemand wirklich da war.
Gottmans Bids for Connection: Die Forschung der kleinen Einladungen
John Gottman, Begründer des Gottman Institute, hat über vier Jahrzehnte mehr als 3.000 Paare in seinem „Love Lab“ beobachtet (Gottman & Silver 1999, The Seven Principles for Making Marriage Work). Eine seiner zentralen Beobachtungen: Beziehungen scheitern oder gelingen nicht an großen Konflikten, sondern an dem Umgang mit Bids for Connection – kleinen Einladungen zur Verbindung.
Ein Bid kann ein Satz sein: „Schau mal, der Vogel da.“ Eine Frage: „Wie war Dein Tag?“ Eine Geste: ein Lächeln, eine Hand auf der Schulter. Auf jeden Bid gibt es drei Reaktionsmöglichkeiten:
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Turning toward – sich zuwenden, antworten, registrieren
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Turning away – nicht reagieren, abgelenkt sein
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Turning against – abweisen, schroff reagieren
Gottmans Studien zeigen: In stabilen Beziehungen wird etwa 86 % der Bids mit Turning toward beantwortet. In Beziehungen, die später scheitern, sind es etwa 33 %. Der Unterschied liegt nicht in der Größe der Gesten, sondern in der Frequenz der Mikro-Wendungen zueinander – über Jahre hinweg.
Bell Hooks: Liebe als Verb
Bell Hooks (1952–2021), feministische Theoretikerin und Schriftstellerin, hat in All About Love (1999, dt. 2021) eine wichtige sprachliche Pointe formuliert: Im Englischen wie im Deutschen ist Liebe ein Substantiv – aber ihre eigentliche Form ist verbal. To love – lieben. Hooks bezieht sich auf M. Scott Pecks Definition: „Liebe ist der Wille, sich selbst auszudehnen, um das geistige Wachstum eines anderen Menschen oder das eigene zu fördern.“ Liebe ist nach hooks niemals bedingungslos im Sinne von „egal, was passiert“ – sondern bedingungslos im Sinne von „nicht abhängig von der Gegenleistung“. Sie wählt, sich auszudehnen. Sie wählt, zuzuhören. Sie wählt das Verb.
Das deckt sich mit Sue Johnsons Forschung zur Emotionally Focused Therapy (EFT), einer der wissenschaftlich am besten validierten Beziehungstherapien: Liebe besteht aus Tausenden von kleinen Erreichbarkeits-Signalen, die wir aussenden und beantworten. Wer sich aus dem Verb in das Substantiv zurückzieht – „Ich liebe Dich doch, das weißt Du“ – kappt langsam die Erreichbarkeit, ohne es zu merken.
Praxis: Ein 7-Tage-Liebes-Inventar
Statt einer großen Geste diesmal eine kleine Bestandsaufnahme über sieben Abende. Du brauchst nichts außer einem Notizbuch und fünf Minuten am Abend.
Jeden Abend, vor dem Schlafen, drei Fragen:
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Wer hat mir heute Liebe gezeigt – in welcher Form auch immer? Notiere zwei oder drei konkrete Mikromomente. Nicht die großen Gesten, sondern die kleinen: jemand hat Dir die Tür aufgehalten und gelächelt; eine Kollegin hat sich erinnert, wie Deine Präsentation gestern lief; jemand hat Dir Kaffee gebracht, ohne dass Du gefragt hattest.
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Wem habe ich heute Liebe gezeigt? Notiere konkrete eigene Mikromomente. Nicht „ich war freundlich“, sondern „ich habe meinem Sohn länger zugehört als nötig, als er das gleiche Spielzeug zum dritten Mal erklärt hat.“
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An welchem Bid for Connection bin ich heute vorbeigegangen? Notiere einen Moment, in dem jemand eine kleine Einladung zur Verbindung ausgesendet hat – und Du sie nicht beantwortet hast. Nicht zur Selbstkritik, sondern zur Wahrnehmung. Diese Frage allein verändert nach wenigen Tagen, wie aufmerksam Du im Alltag wirst.
Nach sieben Tagen blätterst Du zurück. Du wirst zwei Dinge bemerken: Erstens, dass die Anzahl der Mikromomente, die Du zunächst wahrnimmst, von Abend zu Abend wächst – nicht weil die Welt sich verändert hat, sondern weil Deine Aufmerksamkeit es tut. Zweitens, dass Liebe in dieser Granularität meistens da ist, wo wir sie nicht erwarten – nicht in den feierlichen Momenten, sondern in den Zwischenräumen.
Wie sich diese Form der Aufmerksamkeit – das Turning toward eines Gegenübers in jedem einzelnen Gespräch – als berufliche Haltung kultivieren lässt, ist eines der unterschwelligen Themen meines Buches Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)
Sibilla Aleramo, Erich Fromm, Barbara Fredrickson, John Gottman, Bell Hooks, Sue Johnson – aus einem halben Jahrhundert Beziehungsforschung kommt dieselbe Einsicht in unterschiedlicher Sprache: Liebe ist weniger das, was man hat, als das, was man tut. Sie wohnt nicht in den großen Erklärungen, sondern in den tausend kleinen Momenten, in denen jemand sich entscheidet, der anderen Person zugewandt zu bleiben – auch nach dem zehnten Erzählen derselben Geschichte, auch wenn der eigene Tag voll war, auch wenn das Aufbrühen des Kaffees morgens für niemanden besonders sichtbar ist.
Genau dort wird Aleramos großer Satz konkret: Die Liebe als Grund unserer Existenz und der der ganzen Welt – nicht als Pathos, sondern als sehr leise, sehr alltägliche Praxis.
Quellen
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Aleramo, S. (1906): Una donna. — Dt.: Eine Frau (1982). Suhrkamp.
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Fredrickson, B. L. (2013): Love 2.0. How Our Supreme Emotion Affects Everything We Feel, Think, Do, and Become. Hudson Street Press.
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Fromm, E. (1956): The Art of Loving. Harper & Row. — Dt.: Die Kunst des Liebens (1956). Ullstein.
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Gottman, J. M. & Silver, N. (1999): The Seven Principles for Making Marriage Work. Crown. — Dt.: Die 7 Geheimnisse der glücklichen Ehe (2014). Ullstein.
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Gottman, J. M., Coan, J., Carrère, S. & Swanson, C. (1998): Predicting marital happiness and stability from newlywed interactions. Journal of Marriage and Family, 60(1), 5–22. DOI: 10.2307/353438
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Hooks, B. (1999): All About Love. New Visions. William Morrow. — Dt.: Alles über Liebe. Neue Sichtweisen (2021). HarperCollins.
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Johnson, S. M. (2008): Hold Me Tight. Seven Conversations for a Lifetime of Love. Little, Brown. — Dt.: Halt mich fest. Sieben Gespräche für ein Leben voller Liebe (2009). Junfermann.
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Lewis, C. S. (1960): The Four Loves. Geoffrey Bles. — Dt.: Was man Liebe nennt (1968). Brunnen.
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Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)
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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 3: Begegnung & Dialog.

