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Man kann nicht nicht handeln – aber Handeln allein reicht nicht

Last updated on 16/06/2026

William James, Begründer des amerikanischen Pragmatismus, soll geschrieben haben: Act as if what you do makes a difference. It does. Paul Watzlawick formulierte 1967 das erste Axiom seiner Kommunikationstheorie: Man kann nicht nicht kommunizieren. Beide Sätze gehören zusammen, weil sie dasselbe Phänomen aus zwei Richtungen beleuchten: Jede Handlung – auch das Unterlassen – wirkt. Aber wie sie wirkt, bestimmen wir nicht allein. Friedemann Schulz von Thuns Vier-Ohren-Modell zeigt seit den 1980er Jahren, dass jede Botschaft – und damit auch jede Handlung – auf vier Ebenen empfangen wird, von denen mindestens drei nicht in unserer Kontrolle liegen. Reinhard Haller hat in Das Böse (2017) ergänzt, dass auch das Nicht-Handeln eine Form des Handelns ist – manchmal die destruktivste.

„Act as if what you do makes a difference. It does.“ — William James (1842–1910), zugeschrieben (exakte Werkstelle nicht belegt; passt zu seinem Pragmatismus in Principles of Psychology, 1890)

„Man kann nicht nicht kommunizieren.“ — Paul Watzlawick et al., Menschliche Kommunikation (1969), 1. Axiom

Eine kleine Szene aus dem Alltag: Meine Tochter hatte Liebeskummer, und ich habe ihr einen Kuchen gebacken – aus jener stillen Bewegung heraus, die Eltern kennen, wenn ein Kind leidet und Worte gerade nichts ausrichten. Als ich den Kuchen vor sie hinstellte, sah sie mich an und fragte: „Mama, hast Du den gebacken, weil Du Dich geärgert hast?“ Ich war kurz sprachlos. Aus Ärger hatte ich noch nie etwas gebacken. Ich hatte gebacken, weil ich sie ein bisschen trösten wollte. Aber die Botschaft, die sie empfangen hat, war eine andere.

Watzlawicks Axiom – und seine vollständige Pointe

Paul Watzlawick (1921–2007), Schule des Mental Research Institute in Palo Alto, hat 1967 in Pragmatics of Human Communication (dt. 1969) die fünf Axiome der menschlichen Kommunikation formuliert. Das erste – Man kann nicht nicht kommunizieren – wird häufig zitiert, aber selten in seiner ganzen Konsequenz verstanden. Wenn ich schweige, wenn ich den Raum verlasse, wenn ich einen Brief nicht beantworte – all das ist Kommunikation. Es wird gedeutet, auch wenn ich nichts deuten wollte.

Analog formuliert: Man kann nicht nicht handeln. Auch das Unterlassen ist eine Handlung, und es wird in seiner Wirkung wahrgenommen. Hannah Arendt hat in Vita activa (1958) dasselbe in größerem Maßstab beschrieben: Das Handeln ist die einzige menschliche Tätigkeit, durch die wir Geschichte machen – und gerade deshalb ist es unhintergehbar. Wer nicht handelt, hat ebenso gehandelt.

Was Reinhard Haller über das Nicht-Handeln zeigt

Reinhard Haller, österreichischer Psychiater und Gerichtspsychiater, hat in Das Böse: Die Psychologie der menschlichen Destruktivität (2017) eine wichtige Erweiterung dieser Einsicht geliefert. Haller dokumentiert anhand seiner gerichtspsychiatrischen Erfahrung, wie das Nicht-Handeln – Vernachlässigung, Ignoranz, das Wegsehen – häufig zerstörerischer wirkt als die aktive Aggression. Eltern, die ein Kind nicht beachten. Kollegen, die einen Mobbing-Vorgang nicht stoppen. Vorgesetzte, die ein bekanntes Problem nicht ansprechen.

Hallers Pointe deckt sich mit der Bystander-Forschung von Bibb Latané und John Darley (1968, Journal of Personality and Social Psychology) und Ervin Stauβ‘ Forschung zu kollektiver Passivität: Das Nicht-Handeln ist nicht die Abwesenheit von Wirkung. Es ist eine eigene Form der Wirkung – mit eigener moralischer Verantwortung.

Schulz von Thun: Was die Tochter wirklich gehört hat

Friedemann Schulz von Thun (geb. 1944), emeritierter Professor der Universität Hamburg, hat in Miteinander reden 1 (1981) das Vier-Seiten-Modell der Kommunikation entwickelt. Jede Nachricht – und damit jede Handlung – wird auf vier Ebenen empfangen:

  1. Sachebene – Was ist objektiv passiert? Eine Mutter hat einen Kuchen gebacken.

  2. Selbstkundgabe – Was sagt das über den Sender? Sie kümmert sich, sie sorgt sich, sie ist vielleicht unruhig.

  3. Beziehungsebene – Was sagt das über unsere Beziehung? Sie sieht meinen Schmerz, sie reagiert darauf, sie ist mir nah.

  4. Appellebene – Was will sie damit erreichen? Sie will, dass ich aufesse, dass ich getröstet bin, dass ich aufhöre, traurig zu sein.

Meine Tochter hat den Kuchen vor allem auf der Selbstkundgabe-Ebene gehört: „Bist Du gerade in einem schlechten Zustand?“ Das war nicht meine Intention. Aber es war eine plausible Interpretation – Menschen backen tatsächlich manchmal aus Stress, aus Frust, aus Verarbeitung. Sie hat etwas wahrgenommen, das ich nicht ausgesendet hatte, aber das in der Botschaft des Kuchens enthalten sein konnte.

Lisa Feldman Barrett, Neurowissenschaftlerin an der Northeastern University, hat in ihrer Forschung zur konstruierten Emotion (Barrett 2017, How Emotions Are Made) gezeigt: Bedeutung ist nicht in der Welt, sondern wird vom Empfänger konstruiert – auf Basis eigener Erfahrungen, Kategorien und Erwartungen. Wer schon einmal erlebt hat, dass jemand aus Frust backte, sieht das Backen anders.

Was daraus für Kommunikation folgt

Wenn jede Handlung auf vier Ebenen interpretiert wird – und wir nur eine davon vollständig kontrollieren – dann folgt daraus eine wichtige Praxis: Die Intention sollte mitgesagt werden. Nicht als Rechtfertigung, nicht als Vorwegnahme von Missverständnissen, sondern als Geschenk an das Gegenüber.

Hätte ich beim Aufstellen des Kuchens kurz gesagt: „Ich habe den gebacken, weil ich Dich ein bisschen trösten wollte“ – die Tochter-Frage wäre nicht aufgetaucht. Nicht weil sie sonst dumm wäre, sondern weil ich ihr das Material zur Interpretation in die Hand gegeben hätte. Marshall Rosenberg hat in seiner Gewaltfreien Kommunikation (1999/2003) dafür eine einfache Formel vorgeschlagen: Beobachtung – Gefühl – Bedürfnis – Bitte. Wenn das alles unausgesprochen bleibt, muss das Gegenüber raten.

(Vgl. den Artikel zu Wertschätzung und Adornos eco vs. ego sowie Gesprächsvorbereitung – die drei Ebenen – die zwei wichtigsten Cluster-3-Beiträge zur Frage, wie Verbindung im Dialog entsteht.)

Praxis: Ein Dialog mit einer wichtigen Person (etwa 30 Minuten)

Statt einer Selbst-Übung diesmal eine Partner-Übung – mit jemandem, der Dir nahesteht: ein Familienmitglied, ein langjähriger Kollege, eine Freundin. Beide Seiten profitieren.

Vorbereitung: Frag die Person, ob sie sich 30 Minuten Zeit nimmt für ein Gespräch, in dem es nicht um die Lösung eines Problems geht, sondern um gegenseitiges Verstehen. Sucht eine ruhige Zeit – Sonntagvormittag, Abendspaziergang.

Frage 1 (an die andere Person, 10 Minuten): „Welche meiner Handlungen in den letzten Wochen hast Du anders verstanden, als ich sie vermutlich gemeint habe? Beschreib eine konkrete Situation.“ Höre, ohne Dich zu rechtfertigen. Frage nach, wenn Du etwas nicht verstehst. Sage am Ende ein einziges „Danke, dass Du das geteilt hast.“

Frage 2 (umgekehrt, 10 Minuten): „Welche Deiner Handlungen kürzlich habe ich vielleicht missverstanden? Ich erinnere mich an [konkrete Situation]. Was war Deine Intention dabei?“ Höre wieder, ohne zu kommentieren. Frage nach.

Frage 3 (gemeinsam, 10 Minuten): „Wenn wir nach diesem Gespräch eine kleine Praxis miteinander vereinbaren würden, die solche Missverständnisse seltener macht – wie könnte die aussehen?“ Vielleicht ist es ein „Übersetzungssatz“: „Ich mache das gerade, weil …“, der in heiklen Momenten ausgesprochen wird. Vielleicht ist es eine Erlaubnis, nachzufragen, ohne dass es Vorwurf ist.

Diese Übung kostet keine Aufmerksamkeit für einen kleinen Mikro-Moment im Alltag. Sie kostet 30 Minuten und einen Menschen, der bereit ist. Was dabei entsteht, ist meistens mehr als die Antworten – es ist eine Form gegenseitiger Aufmerksamkeit, die sich danach im Alltag verlängert.


Wie sich das Mitsagen der eigenen Intention in Berufsgesprächen so verankern lässt, dass es nicht künstlich wirkt – sondern als natürliche Erweiterung jeder Aussage – ist eines der Hauptthemen meines Buches Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)


William James, Paul Watzlawick, Friedemann Schulz von Thun, Reinhard Haller, Hannah Arendt und Lisa Feldman Barrett – aus sechs verschiedenen Disziplinen kommt dieselbe Einsicht. Wir handeln immer. Wir wirken immer. Und das, was bei den anderen ankommt, ist nicht identisch mit dem, was wir aussenden – sondern eine eigenständige Konstruktion in deren Köpfen. Genau deshalb ist das Mitsagen der Intention keine kommunikative Höflichkeit, sondern eine ethische Praxis.

Wann zuletzt hast Du eine Handlung von jemandem missverstanden, weil die Intention nicht ausgesprochen war? Und wann zuletzt warst Du selbst diese Person, deren Intention falsch verstanden wurde, weil Du sie nicht ausgesprochen hattest?


Quellen

  • Arendt, H. (1958): The Human Condition. University of Chicago Press. — Dt.: Vita activa oder Vom tätigen Leben (1960). Piper.

  • Barrett, L. F. (2017): How Emotions Are Made. The Secret Life of the Brain. Houghton Mifflin Harcourt. — Dt.: Wie Gefühle entstehen (2018). rororo.

  • Haller, R. (2017): Das Böse. Die Psychologie der menschlichen Destruktivität. ecoWin.

  • James, W. (1890): The Principles of Psychology. 2 Bände. Henry Holt & Co.

  • Latané, B. & Darley, J. M. (1968): Group inhibition of bystander intervention in emergencies. Journal of Personality and Social Psychology, 10(3), 215–221. DOI: 10.1037/h0026570

  • Rosenberg, M. B. (2003): Nonviolent Communication. A Language of Life. PuddleDancer. — Dt.: Gewaltfreie Kommunikation. Eine Sprache des Lebens (2016). Junfermann.

  • Schulz von Thun, F. (1981): Miteinander reden 1. Störungen und Klärungen. Allgemeine Psychologie der Kommunikation. Rowohlt.

  • Watzlawick, P., Beavin, J. H. & Jackson, D. D. (1967/1969): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Huber. (Engl. Original: Pragmatics of Human Communication. Norton.)

  • Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)

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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 3: Begegnung & Dialog.

Published inBegegnung und DialogBegegnung und DialogMut tut gut