Last updated on 15/06/2026
Schon 2011 zeigte die Psychologin Betsy Sparrow in vier Experimenten (veröffentlicht in Science): Wer erwartet, eine Information jederzeit wieder abrufen zu können, merkt sich nicht die Information selbst, sondern wo sie zu finden ist. Das Internet wurde so zu unserem „transaktiven Gedächtnis“ – einem Speicher außerhalb des eigenen Kopfes. Mit generativen KI-Systemen verschiebt sich diese Auslagerung gerade von der bloßen Erinnerung hin zum Denken selbst: Wir delegieren nicht mehr nur das Was und das Wo, sondern zunehmend das Schlussfolgern und Urteilen. Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob wir auslagern, sondern was wir bewusst im eigenen Kopf behalten.
„Wissen ist von zweierlei Art: Wir kennen einen Gegenstand selbst – oder wir wissen, wo wir Auskunft darüber finden.“
— Samuel Johnson (1709–1784)
Johnson hat dieses Prinzip rund 250 Jahre vor der ersten Suchmaschine beschrieben. Aus Erfahrung kenne ich beide Arten von Wissen sehr genau: Eine Telefonnummer, die ich früher auswendig konnte, weiß ich heute nicht mehr – ich weiß nur noch, in welcher App sie steht. Das ist kein Gedächtnisverfall. Es ist eine Anpassung. Mein Kopf hat gelernt, dass er die Nummer nicht behalten muss, weil das Gerät sie behält. Die Forschung beschreibt erstaunlich genau, wie diese Anpassung funktioniert – und wo sie kippt.
Sparrow: Das Internet als transaktives Gedächtnis
Betsy Sparrow, Jenny Liu und Daniel Wegner untersuchten 2011 in vier Studien, wie der Zugriff auf digitale Information das Erinnern verändert. Ein zentrales Ergebnis: Wer glaubt, ein Computer habe eine Information gespeichert, erinnert die Information selbst schlechter – dafür aber besser, wo sie zu finden ist. Sparrow griff dabei auf Wegners älteres Konzept des transaktiven Gedächtnisses zurück: In jeder eingespielten Gruppe – einem Paar, einem Team – muss nicht jeder alles wissen; man weiß, wer was weiß. Das Internet, so Sparrows Schluss, ist zu einem solchen transaktiven Partner geworden, nur unendlich viel größer. Wir lagern das „Was“ aus und behalten das „Wo“. Für sich genommen ist das keine Schwäche, sondern eine sinnvolle Entlastung – solange wir wissen, was wir tun.
Henkel: Wenn das Festhalten das Erleben verdrängt
Linda Henkel zeigte 2014 in Psychological Science einen verwandten Effekt an einem Museumsbesuch. Teilnehmende wurden durch eine Kunstausstellung geführt und sollten manche Objekte nur betrachten, andere fotografieren. Das Ergebnis: Wer ein Objekt als Ganzes fotografierte, erinnerte es später schlechter – weniger Objekte, weniger Details, weniger Standorte. Henkel nannte das den photo-taking-impairment effect: Das Auslagern an die Kamera schwächte die eigene Erinnerung. Der entscheidende Zusatzbefund aber ist hoffnungsvoll: Wenn die Teilnehmenden bewusst in ein Detail hineinzoomten, verschwand der Effekt. Die zusätzliche Aufmerksamkeit hob die Schwächung auf. Nicht das Werkzeug ist also das Problem – sondern ob wir dabei innerlich anwesend bleiben oder uns gedanklich verabschieden.
Risko & Gilbert: Auslagern ist normal – und manchmal trügerisch
Evan Risko und Sam Gilbert haben 2016 den Oberbegriff dafür geprägt: cognitive offloading – das Auslagern kognitiver Arbeit an die Umwelt, um den eigenen mentalen Aufwand zu senken. Wer den Kopf schief legt, um eine gedrehte Schrift zu lesen, oder einen Wecker statt des eigenen Gedächtnisses nutzt, lagert aus. Das ist uralt und meist klug. Ihre wichtigste Pointe ist jedoch eine andere: Ob wir auslagern, hängt davon ab, wie wir unsere eigenen Fähigkeiten einschätzen – und diese Selbsteinschätzung ist oft falsch. Wir lagern Dinge aus, die wir eigentlich behalten sollten, weil wir uns selbst unterschätzen oder dem Werkzeug zu sehr vertrauen. Auslagern ist nicht gut oder schlecht. Es wird gut oder schlecht durch die Urteilskraft, mit der wir entscheiden, was wir abgeben.
Vom Erinnern zum Denken: Was KI verändert
Bei Google ging es um Fakten: Hauptstädte, Jahreszahlen, Telefonnummern. Generative KI hebt die Auslagerung auf eine neue Stufe. Sie liefert nicht mehr nur den Fundort einer Information, sondern eine fertige Schlussfolgerung, eine Formulierung, ein scheinbar fertiges Urteil. Damit verschiebt sich, was wir abgeben können: vom Erinnern zum Denken. Genau hier liegt die Grenze, die Sparrow, Henkel und Risko gemeinsam markieren. Das Auslagern von Fakten entlastet. Das Auslagern des Denkens entzieht uns die Übung, ohne die Urteilskraft verkümmert. Eine KI als Lernpartnerin ist eine großartige Augmentierung – solange sie mein Denken anregt und nicht ersetzt. Sie wird zum Problem in dem Moment, in dem ich aufhöre, ihre Antworten zu prüfen, weil es bequemer ist, ihr zu glauben.
Praxis: Die Entscheidung vor dem Auslagern (eine Woche)
Statt einer Übung diesmal ein Beobachtungs-Experiment für sieben Tage. Lege Dir ein kleines Notizheft zurecht. Immer wenn Du im Begriff bist, etwas an ein Werkzeug abzugeben – eine Suche, eine KI-Anfrage, ein Foto statt Hinschauen –, halte fünf Sekunden inne und entscheide bewusst: Lagere ich das aus, oder behalte ich es im Kopf? Notiere nur ein Stichwort und Dein „behalten“ oder „abgeben“. Du triffst die Entscheidungen ohnehin – Du machst sie nur für eine Woche sichtbar. Am Ende der Woche liest Du Deine Liste: Wo hat das Auslagern Dich entlastet? Und wo hast Du etwas abgegeben, das Du eigentlich lieber selbst gekonnt hättest? Diese Unterscheidung – genau sie ist die Urteilskraft, die Risko und Gilbert meinen.
KI im Lernalltag
Ein konkreter Dreh, der den Henkel-Befund nutzt: Lass Dir von einem KI-Sprachmodell ein Thema nicht zusammenfassen, sondern lass Dich abfragen. Ein Prompt wie „Stell mir nacheinander fünf Verständnisfragen zu diesem Text, warte jeweils auf meine Antwort und korrigiere mich erst danach“ verwandelt die KI vom Antwort-Automaten in eine Trainingspartnerin. Du bleibst aktiv im Abrufen statt passiv im Konsumieren – das ist das „Hineinzoomen“, das die Auslagerung unschädlich macht. Und eine kritische Kante bleibt: KI-Systeme erfinden im Zweifel plausibel klingende Details. Was Du nicht selbst prüfen kannst, solltest Du nicht ungeprüft übernehmen.
Stell Dir vor, alle Deine ausgelagerten Gedächtnis- und Denkstützen fielen für einen Tag aus – Suchverlauf, Notiz-App, KI-Assistent. Welche drei Dinge würdest Du am meisten vermissen? Und welche davon möchtest Du eigentlich lieber wieder selbst können?
Wie sehr präsente, ungeteilte Aufmerksamkeit das verändert, was bei uns ankommt und bleibt, beschreibe ich auch mit Blick auf das Zuhören in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98 (*Affiliate-Link)
Quellen
Sparrow, B., Liu, J. & Wegner, D. M. (2011): Google Effects on Memory: Cognitive Consequences of Having Information at Our Fingertips. Science, 333(6043), 776–778. DOI: 10.1126/science.1207745
Henkel, L. A. (2014): Point-and-Shoot Memories: The Influence of Taking Photos on Memory for a Museum Tour. Psychological Science, 25(2), 396–402. DOI: 10.1177/0956797613504438
Risko, E. F. & Gilbert, S. J. (2016): Cognitive Offloading. Trends in Cognitive Sciences, 20(9), 676–688. DOI: 10.1016/j.tics.2016.07.002
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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung.


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