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Zugehören ohne sich aufzugeben – Simone de Beauvoir, Brené Brown und die Wissenschaft der Balance

Last updated on 16/06/2026

„Le secret du bonheur et le comble de l’art, c’est de vivre comme tout le monde, en n’étant comme personne“ – diese Beobachtung Simone de Beauvoirs aus Mémoires d’une jeune fille rangée (1958) trägt eine produktive Spannung. Das Geheimnis des Glücks – und der Gipfel der Kunst – besteht darin, wie alle zu leben und doch wie keine andere zu sein. Brené Brown hat in Braving the Wilderness (2017) für diese Spannung eine präzisere Sprache vorgeschlagen: Sie unterscheidet zwischen Fitting In (sich anpassen, um dazuzugehören) und Belonging (man selbst sein und akzeptiert werden). Die zwei sehen ähnlich aus und sind grundverschieden. Martin Seligmans PERMA-Modell (2011) liefert dazu die empirische Architektur eines erfüllten Lebens – fünf Dimensionen, deren Tragfähigkeit von der Balance zwischen Sozialisation und Individuation abhängt.

Was Simone de Beauvoir genau sah

Beauvoir schreibt diese Beobachtung im Rückblick auf ihre frühe Jugend in einem gut-bürgerlichen Pariser Elternhaus. Die Spannung war für sie nicht abstrakt: Sie hatte zu lernen, dass das Leben wie alle anderen – die katholisch-bürgerliche Form der 1920er Jahre – sie nicht beheimatet hat. Aber sie wusste auch: Ohne Anschluss an die Welt der anderen gibt es kein Leben, nur Isolation.

Die Pointe ihrer Formulierung liegt in der grammatischen Verschränkung. Sie sagt nicht „mal so, mal so“ und nicht „Mitte zwischen den Extremen“. Sie sagt: Im selben Akt wie alle leben und wie keine andere sein. Das ist eine philosophische Position, die sich auch in ihrem Werk Pour une morale de l’ambiguïté (1947) findet – die menschliche Existenz ist konstitutiv mehrdeutig, und Reife besteht darin, beide Seiten zugleich zu tragen.

Im Berufsalltag heißt das: Ich kann nicht außerhalb der Spielregeln meiner Organisation oder meines Teams arbeiten – Kooperation verlangt geteilte Grundlagen. Aber ich kann auch nicht vollständig in den Spielregeln aufgehen – sonst verliere ich, was ich beitragen kann, das niemand sonst beiträgt.

Was Brené Brown zu Fitting In und Belonging zeigte

Brené Brown hat über zwei Jahrzehnte qualitative Forschung zu Scham, Verletzlichkeit und Zugehörigkeit betrieben. Ihre zentrale Unterscheidung in Braving the Wilderness (2017) ist begrifflich schlicht und praktisch folgenreich:

  • Fitting In ist die Anpassung an das, was andere erwarten. Es ist die Strategie, durch Veränderung der eigenen Person Zugehörigkeit zu erkaufen. Die Botschaft an mich selbst: „Ich gehöre dazu, wenn ich so bin, wie ihr mich wollt.“

  • Belonging ist die Erfahrung, mit dem, was ich bin, akzeptiert zu werden. Die Botschaft: „Ich gehöre dazu, weil ich der bin, der ich bin – und ich erlaube anderen dasselbe.“

Browns wichtigste Pointe: Fitting in is the greatest barrier to belonging. Wer sich anpasst, um dazuzugehören, gehört nicht wirklich dazu – weil das, was angenommen wird, eine angepasste Version ist, nicht die eigene Person. Echte Zugehörigkeit verlangt das Risiko, mit dem aufzutreten, was nicht zur Norm passt.

In meinen Erfahrungen erlebe ich diese Unterscheidung als eine der klärendsten Begriffshilfen in Teams, die sich ‚zu harmonisch‘ fühlen. Eine Atmosphäre, in der niemand mehr widerspricht, ist häufig keine Atmosphäre starker Zugehörigkeit, sondern starker Anpassung – und produktiv toxisch.

Was die Sozialpsychologie zur Zugehörigkeit zeigt

Roy Baumeister und Mark Leary haben 1995 in Psychological Bulletin einen der einflussreichsten Übersichtsartikel der modernen Sozialpsychologie veröffentlicht: „The Need to Belong: Desire for Interpersonal Attachments as a Fundamental Human Motivation“. Ihre These – über fünfzig Folgestudien hinweg bestätigt –: Zugehörigkeit ist kein angenehmes Extra, sondern eine biologische Grundbedingung wie Nahrung oder Schlaf. Soziale Isolation aktiviert dieselben neurologischen Bereiche wie körperlicher Schmerz; chronische Einsamkeit ist mit einer Sterblichkeit vergleichbar, die der von Rauchen oder Adipositas entspricht.

Das gibt der Beauvoir-Spannung einen biologischen Boden: Wir müssen dazugehören, sonst sterben wir früher und leiden mehr. Und gerade deshalb ist die Art, wie wir dazugehören, so entscheidend. Fitting in lindert kurzfristig die Einsamkeit, schafft aber keine tragfähige Bindung. Belonging tut beides.

Solomon Aschs klassische Konformitätsexperimente (1956) haben gezeigt, dass etwa ein Drittel der Versuchspersonen einer offensichtlich falschen Mehrheitsmeinung folgte – allein durch sozialen Druck. Was diese Studien aber auch zeigen: Zwei Drittel widerstanden. Und schon die Anwesenheit eines anderen Abweichlers reduzierte die Konformität dramatisch. Die Implikation: Wer sich traut, sichtbar zu belongen statt nur zu fit in, ermöglicht es auch anderen.

Seligmans PERMA-Modell und die fünf Wege

Martin Seligman hat 2011 in Flourish das PERMA-Modell des Aufblühens vorgestellt. Es identifiziert fünf empirisch messbare Dimensionen des erfüllten Lebens:

  • P – Positive Emotion: Freude, Dankbarkeit, Gelassenheit, Hoffnung. Eher individuell, aber sozial verstärkt.

  • E – Engagement: Das Aufgehen in einer Tätigkeit (Csikszentmihalyis Flow). Individuell erlebt, aber oft in Kooperation entstanden.

  • R – Relationships: Tragfähige Beziehungen. Per Definition sozial.

  • M – Meaning: Etwas, das größer ist als ich selbst – ein Projekt, eine Gemeinschaft, eine Idee. Verbindet das Individuelle mit dem Übergeordneten.

  • A – Accomplishment: Das Erreichen eigener Ziele. Individuell, aber in einem sozialen Rahmen anerkannt.

Margaret Kern, Lea Waters und Kollegen haben das Modell 2015 mit empirischen Daten von Schülerinnen und Schülern validiert und um eine sechste Dimension erweitert (PERMA-V mit Vitality / Gesundheit). Ihre Pointe: Die fünf Dimensionen korrelieren nur moderat – jemand kann in einer Dimension hoch und in einer anderen niedrig sein. Aufblühen entsteht nicht durch Maximierung einer Dimension, sondern durch Balance mehrerer.

Was an Seligmans Modell zur Beauvoir-Spannung passt: Drei der fünf Dimensionen (R, M, A) sind explizit sozial verankert, zwei (P, E) eher individuell erlebt. Wer einseitig in eine Richtung kippt – nur individuell oder nur sozial –, verliert das Aufblühen, das das Modell beschreibt.

Was Carol Ryff zum Wohlbefinden ergänzte

Carol Ryff hat parallel zur PERMA-Forschung ein eigenes sechs-dimensionales Modell des psychologischen Wohlbefindens entwickelt (1989, JPSP). Ihre Dimensionen sind: Autonomie, Umgebungsbewältigung, persönliches Wachstum, positive Beziehungen, Sinn im Leben, Selbstakzeptanz. Auch hier: drei Dimensionen sind individuell ausgerichtet (Autonomie, Wachstum, Selbstakzeptanz), drei eher relational/kontextuell (Beziehungen, Umgebungsbewältigung, Sinn). Beide Forschungslinien konvergieren in derselben Erkenntnis: Aufblühen verlangt Selbstausdruck und Einbettung.

Erikson und die Identitätsentwicklung

Erik Erikson hat in seinem Modell der psychosozialen Entwicklung (1968, Identity: Youth and Crisis) die Adoleszenz als entscheidende Phase der Identität vs. Rollenkonfusion beschrieben. Identität entsteht für Erikson nicht von außen (Anpassung an Rollen) und nicht von innen (Erfindung der eigenen Person), sondern in der Auseinandersetzung zwischen beiden. Der oder die Jugendliche probiert verschiedene Identifikationen aus, verwirft, behält, integriert. Was am Ende bleibt, ist eine Mischung aus Übernommenem und Neu-Geformtem.

Wichtig für den Berufsalltag: Diese Entwicklung endet nicht mit dem 21. Lebensjahr. Sie wird in jeder Berufs- und Lebensphase neu aufgelegt – bei einem Stellenwechsel, einer Beförderung, einer Lebenskrise, einem Umzug. Wer beruflich aufblühen möchte, hat regelmäßig die Aufgabe, die Beauvoir-Spannung neu zu sortieren.

Praxis: drei Fragen zur Balance

In meinen Erfahrungen arbeite ich mit drei Fragen, die der Beauvoir-Spannung konkret werden lassen:

  • Welche Spielregeln meines Umfelds teile ich aus Überzeugung – und welche aus Anpassung? Die ersten sind tragfähig, die zweiten kosten Energie und höhlen das Eigene aus. Diese Unterscheidung allein verändert oft den Energiehaushalt.

  • An welcher Stelle ist mein Beitrag unverwechselbar – also nicht durch andere ersetzbar? Wer keine Antwort findet, riskiert, in Fitting In zu rutschen. Wer eine findet, hat einen Ankerpunkt für Belonging.

  • Mit wem darf ich sein, wie ich bin – und mit wem inszeniere ich mich noch? Die erste Gruppe ist die belonging-Gruppe. Die zweite Gruppe verdient eine ehrliche Frage: Warum gerade diese Inszenierung, und welcher Preis wird dafür gezahlt?

Diese Bewegung verbindet sich mit anderen Praktiken aus der Serie. Sie ist die Schwester der Wertschätzung, die ich mit Adorno und Amy Edmondson beschrieben habe – nur dass der Akzent hier nicht auf der Wertschätzung des Gegenübers liegt, sondern auf der gegenseitigen Bedingung von Echt-Sein und Wahrgenommen-Werden. Sie greift den eigenen Weg, den ich mit Dante und Hannah Arendt beschrieben habe, in seine soziale Hälfte hinein: Der eigene Weg ist nicht ohne andere, sondern mit anderen. Und sie nutzt Broaden-and-Build als Theorierahmen, weil Belonging selbst eine positive Emotion ist, die langfristig Ressourcen aufbaut.

Wer mit der Balance zwischen Anpassung und Eigenheit im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) sind das authentische Zeigen der eigenen Position und das gleichzeitige Anschlussfinden an die Position des Gegenübers als zwei Bewegungen eines tragfähigen Gesprächs beschrieben.

Beauvoirs Satz hat zwei Seiten, die zusammengehören. Anpassung allein verliert das Eigene; Eigensinn allein verliert die anderen. Im Berufsalltag entscheidet sich das oft in kleinen Momenten – in dem Atemzug, bevor ich der Kollegin zustimme, obwohl ich anders sehe, und in dem Atemzug, bevor ich auf meiner Sicht beharre, obwohl ich verstanden habe, was sie meint. Wer beide Atemzüge übt, lebt im Spielraum, den Beauvoir meinte.

Quellen

  • Asch, S. E. (1956). Studies of independence and conformity: A minority of one against a unanimous majority. Psychological Monographs: General and Applied, 70(9), 1–70. https://doi.org/10.1037/h0093718

  • Baumeister, R. F., & Leary, M. R. (1995). The need to belong: Desire for interpersonal attachments as a fundamental human motivation. Psychological Bulletin, 117(3), 497–529. https://doi.org/10.1037/0033-2909.117.3.497

  • Beauvoir, S. de (1958). Mémoires d’une jeune fille rangée. Gallimard. (Deutsch: Memoiren einer Tochter aus gutem Hause, Rowohlt 1968)

  • Beauvoir, S. de (1947). Pour une morale de l’ambiguïté. Gallimard. (Deutsch: Für eine Moral der Doppelsinnigkeit, Rowohlt 2018)

  • Brown, B. (2017). Braving the Wilderness: The Quest for True Belonging and the Courage to Stand Alone. Random House. (Deutsch: Verletzlichkeit macht stark, Kailash 2018)

  • Erikson, E. H. (1968). Identity: Youth and Crisis. W. W. Norton. (Deutsch: Jugend und Krise, Klett-Cotta 1970)

  • Kern, M. L., Waters, L. E., Adler, A., & White, M. A. (2015). A multidimensional approach to measuring well-being in students: Application of the PERMA framework. Journal of Positive Psychology, 10(3), 262–271. https://doi.org/10.1080/17439760.2014.936962

  • Ryff, C. D. (1989). Happiness is everything, or is it? Explorations on the meaning of psychological well-being. Journal of Personality and Social Psychology, 57(6), 1069–1081. https://doi.org/10.1037/0022-3514.57.6.1069

  • Seligman, M. E. P. (2011). Flourish: A Visionary New Understanding of Happiness and Well-Being. Free Press. (Deutsch: Flourish – Wie Menschen aufblühen, Kösel 2012)

  • Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98

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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 3: Begegnung & Dialog

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