Zum Inhalt springen

Wo liegt die Ursache? – Rotter, Bandura und die Forschung zu inneren und äußeren Kontrollüberzeugungen

Last updated on 15/06/2026

„All actions, all works, all karma belong to nature, not to the divine. It is man who determines his earthly fate“ – diese populäre englische Übersetzung einer Passage aus der Bhagavad Gita (Kapitel 3) trägt eine produktive Spannung in sich. Handlungen entstehen aus der Natur, aber der Mensch ist für sein Schicksal verantwortlich. Julian B. Rotter hat 1966 in seinem klassischen Monograph-Artikel diese alte Spannung in moderne psychologische Forschung übersetzt – als Unterscheidung zwischen interner und externer Kontrollüberzeugung. Sechzig Jahre Forschung haben aber gezeigt, dass die beliebte Lesart „intern gut, extern schlecht“ zu einfach ist. Eine ausgeprägte interne Kontrollüberzeugung kann genauso problematisch sein wie eine externe – wenn sie sich nicht mit Selbstmitgefühl und Akzeptanz dessen verbindet, was außerhalb meines Einflusses liegt. Das tragfähige Modell ist zweidimensional.

Was die Bhagavad Gita tatsächlich lehrt

Die englische Kurzform des Gita-Zitats ist eine starke Vereinfachung. In den Versen 3.27–29 sagt Krishna zu Arjuna: „Alle Handlungen werden durch die Gunas der Prakriti vollzogen. Der durch das Ego getäuschte Mensch denkt: ‚Ich bin der Handelnde.'“ Die Bhagavad Gita lehrt damit gerade nicht eine einfache Form von „Du machst dein Schicksal selbst“ – sie unterscheidet sehr genau zwischen den drei Gunas (Sattva, Rajas, Tamas), die Handlungen hervorbringen, und der Bewusstheit, die diese Handlungen wählt.

Die zentrale Lehre des Karma-Yoga-Kapitels ist nishkama karma – Handeln ohne Anhaftung an die Frucht (Vers 2.47: „Nur das Handeln ist dein Recht, niemals dessen Früchte“). Das ist eine reifere Position als die populäre „Du bestimmst dein Glück“: Es geht darum, das eigene Tun ernst zu nehmen und gleichzeitig nicht zu glauben, dass ich die Folgen vollständig kontrolliere. Wer das fasst, hat schon eine zweidimensionale Kontrollüberzeugung – zweitausend Jahre vor Julian Rotter.

Was Julian B. Rotter zum Locus of Control zeigte

Rotter veröffentlichte 1966 in Psychological Monographs eine 28-seitige Arbeit, die zu einem der meistzitierten Beiträge der Persönlichkeitspsychologie wurde: „Generalized Expectancies for Internal Versus External Control of Reinforcement“. Sein Befund: Menschen entwickeln durch Lernerfahrungen generalisierte Erwartungen über den Zusammenhang zwischen ihrem Verhalten und den Folgen, die daraus entstehen.

  • Interne Kontrollüberzeugung: Wer überwiegend intern attribuiert, sieht das eigene Handeln als entscheidende Variable. „Ob ich Erfolg habe, hängt davon ab, was ich tue.“

  • Externe Kontrollüberzeugung: Wer überwiegend extern attribuiert, sieht Umstände, Glück, andere Menschen oder das Schicksal als entscheidende Variablen. „Ob ich Erfolg habe, hängt von Faktoren ab, die ich nicht beeinflussen kann.“

Die Forschung der letzten sechs Jahrzehnte hat zahlreiche Korrelate gezeigt. Höhere interne Kontrollüberzeugung geht im Durchschnitt einher mit besserer schulischer und beruflicher Leistung, gesundheitsförderlicherem Verhalten, geringeren Depressionswerten und höherer Lebenszufriedenheit. Das gilt aber – und hier wird es interessant – nur unter bestimmten Bedingungen.

Wo der populäre Diskurs zu einfach wird

Drei Korrekturen sind in der seriösen Forschung wichtig:

Erstens: Locus of Control ist nicht dasselbe wie Selbstwirksamkeit. Albert Bandura hat 1977 in Psychological Review den Begriff Self-Efficacy eingeführt – die Überzeugung, fähig zu sein, eine bestimmte Handlung erfolgreich auszuführen. Locus of Control fragt: Hängt das Ergebnis von meinem Tun ab? Self-Efficacy fragt: Kann ich das Tun ausführen? Beide sind verwandt, aber distinkt. Wer eine starke interne Kontrollüberzeugung und niedrige Selbstwirksamkeit hat – glaubt also, „verantwortlich, aber unfähig“ zu sein –, läuft direkt in Selbstvorwürfe und Depression.

Zweitens: Übermäßige interne Kontrollüberzeugung kann schaden. Wenn ich glaube, dass ich für alles in meinem Leben verantwortlich bin – auch für das, was außerhalb meiner Kontrolle liegt –, übernehme ich Verantwortung für Krankheit, Verlust, Diskriminierung, Pandemie, Krieg. Das ist nicht Selbstwirksamkeit; das ist Über-Verantwortlichkeit. Kristin Neff hat in Self and Identity (2003) und nachfolgenden Studien gezeigt, dass Selbstmitgefühl – die Bewusstheit, dass das Schwere zur menschlichen Erfahrung gehört – ein wichtiges Korrektiv ist.

Drittens: Das Modell ist zweidimensional, nicht ein Spektrum. Es geht nicht um mehr interne und weniger externe Attribution, sondern um zwei unabhängige Achsen: Wofür kann ich Verantwortung übernehmen? und Was muss ich akzeptieren? Wer beide Achsen hoch hat, ist nicht widersprüchlich – sondern reif.

Was Martin Seligman zur learned helplessness ergänzte – und korrigierte

Martin Seligman hat in den späten 1960er Jahren mit Steven Maier die learned helplessness-Forschung begründet: In den klassischen Experimenten lernten Hunde, die wiederholt unentrinnbaren elektrischen Schocks ausgesetzt waren, eine Passivität, die sie auch dann beibehielten, als die Flucht möglich wurde. Übertragen auf menschliche Depression ergab sich ein einflussreiches Modell.

Seligman hat aber 2018 in The Hope Circuit selbst eine wichtige Revision vorgelegt: Auf der Grundlage neurowissenschaftlicher Forschung mit Steven Maier zeigte sich, dass die ursprüngliche Deutung umgekehrt war. Passivität ist nicht gelernt – sie ist die Default-Reaktion des Säugetier-Gehirns auf chronischen, unkontrollierbaren Stress, vermittelt durch den dorsalen Raphé-Nukleus. Was gelernt werden muss, ist die Kontrolle: die Erfahrung, dass das eigene Tun einen Unterschied macht.

Diese Korrektur ist tiefgreifend: Hoffnung und Kontrollerleben sind nicht der Normalzustand, sondern eine Errungenschaft. Die Pädagogik daraus: Wer Menschen aus Hilflosigkeit heraushelfen will, muss sie kontrollierte Wirksamkeitserfahrungen sammeln lassen – nicht ihnen einreden, sie seien selbst schuld.

Carol Dwecks Mindset und die Selbstwirksamkeitsquellen Banduras

Zwei weitere Forschungslinien gehören in dieses Bild. Carol Dweck hat in Mindset (2006) gezeigt, dass die Annahme über die Veränderbarkeit von Fähigkeiten (Growth vs. Fixed Mindset) eng mit dem Kontrollerleben verbunden ist. Wer glaubt, dass Fähigkeiten entwickelbar sind, attribuiert internal für Entwicklung. Wer glaubt, dass Fähigkeiten festgelegt sind, attribuiert internal nur für Talent – und external für alles, was nicht auf Anhieb klappt.

Albert Bandura hat in Self-Efficacy: The Exercise of Control (1997) vier Quellen der Selbstwirksamkeit unterschieden, die in der Praxis verlässlich tragen:

  • Eigene Bewältigungserfahrungen – die wirksamste Quelle: das Erleben, dass ich etwas Schwieriges geschafft habe.

  • Stellvertretende Erfahrungen – Modelle, die ähnlich wie ich sind und etwas geschafft haben.

  • Soziale Überzeugung – glaubwürdige Bestätigung durch andere („Du kannst das“).

  • Physiologischer Zustand – Energie, Ruhe, Schlaf, die das Vertrauen in die eigene Wirksamkeit stützen.

Carol Ryff hat 1989 in einer einflussreichen Arbeit über psychologisches Wohlbefinden „Environmental Mastery“ (Umgebungsbewältigung) als eine der sechs Kerndimensionen identifiziert – die Fähigkeit, das eigene Leben so zu gestalten, dass es den eigenen Werten und Möglichkeiten entspricht. Das ist die reifere Variante der internen Kontrollüberzeugung.

Die Niebuhr-Bewegung

Reinhold Niebuhr hat 1943 in einer Predigt das Serenity Prayer formuliert, das bis heute die kürzeste verfügbare Beschreibung der zweidimensionalen Kontrollüberzeugung ist: „Gott, gib mir die Gelassenheit, die Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut, die Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ In meinem Beitrag zur inneren Stimme mit Bettina von Arnim habe ich diese Bewegung als Wellensiek-Schwarz-Übung ausführlicher beschrieben.

Die Weisheit – das ist die dritte Bewegung – ist die schwerste. Sie braucht Erfahrung, Reflexion und das ehrliche Erkennen, was gerade jetzt in meinem Einflussbereich liegt und was nicht. Diese Grenze verschiebt sich; sie ist nicht ein für alle Mal gezogen.

Praxis: drei Fragen zur Kontrollüberzeugung

In meinen Erfahrungen arbeite ich mit drei Fragen, wenn Menschen in einem Stuck-Zustand sind und nicht wissen, ob sie gerade zu viel oder zu wenig Verantwortung tragen:

  • Wofür kann ich heute Verantwortung übernehmen? Welche konkrete Handlung, welche Mikroentscheidung steht heute in meiner Einflusszone? Wer keine findet, hat die Zone zu eng gezogen.

  • Was muss ich heute akzeptieren? Welche Bedingung, welche Reaktion eines anderen, welche Vergangenheit lässt sich nicht ändern? Wer keine findet, hat die Zone zu weit gezogen.

  • Was ist die Frage, die ich heute nicht beantworten kann – und mit der ich trotzdem leben kann? Diese dritte Frage ist die schwerste; sie ist die Wisdom-Bewegung des Niebuhr-Gebets.

Diese Bewegung verbindet sich mit anderen Praktiken aus der Serie. Sie verlangt die innere Stimme, die ich mit Bettina von Arnim beschrieben habe – das Wissen, was mir wirklich wichtig ist. Sie nutzt die Grit-Forschung von Angela Duckworth – Perseveranz für das, was in meiner Zone liegt. Und sie braucht die Toltec-Bewegung des vierten Versprechens: nicht perfekt sein zu wollen, sondern an jedem Tag das Beste zu tun, was möglich ist.

Wer mit der Kontrollüberzeugung im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) sind die Klärung des Einflussbereichs und der Umgang mit dem, was außerhalb davon liegt, als zentraler Schritt der Gesprächsvorbereitung beschrieben.

Rotter hat die zwei Pole identifiziert; Bandura die Selbstwirksamkeit; Seligman die Hoffnung als Errungenschaft. Was sich an ihrer Forschung in sechzig Jahren herauskristallisiert hat, lässt sich nicht in einem Wort fassen – aber in einer Frage: Wofür kann ich heute Verantwortung übernehmen, und was muss ich heute akzeptieren? Die Bhagavad Gita hat dafür den Begriff der nishkama karma – Handeln ohne Anhaftung an die Frucht. Tu das Deine; den Rest empfange.

Quellen

  • Bandura, A. (1977). Self-efficacy: Toward a unifying theory of behavioral change. Psychological Review, 84(2), 191–215. https://doi.org/10.1037/0033-295X.84.2.191

  • Bandura, A. (1997). Self-Efficacy: The Exercise of Control. W. H. Freeman. (Deutsch: Selbstwirksamkeit, Beltz 2012)

  • Bhagavad Gita (ca. 5. Jh. v. Chr. / 2009). Übers. v. Klaus Mylius. Reclam.

  • Dweck, C. S. (2006). Mindset: The New Psychology of Success. Random House. (Deutsch: Selbstbild, Piper 2009)

  • Neff, K. D. (2003). Self-Compassion: An alternative conceptualization of a healthy attitude toward oneself. Self and Identity, 2(2), 85–101. https://doi.org/10.1080/15298860309032

  • Niebuhr, R. (1943). The Serenity Prayer. Vgl. Sifton, E. (2003). The Serenity Prayer: Faith and Politics in Times of Peace and War. W. W. Norton.

  • Rotter, J. B. (1966). Generalized expectancies for internal versus external control of reinforcement. Psychological Monographs: General and Applied, 80(1), 1–28. https://doi.org/10.1037/h0092976

  • Ryff, C. D. (1989). Happiness is everything, or is it? Explorations on the meaning of psychological well-being. Journal of Personality and Social Psychology, 57(6), 1069–1081. https://doi.org/10.1037/0022-3514.57.6.1069

  • Seligman, M. E. P. (2018). The Hope Circuit: A Psychologist’s Journey from Helplessness to Optimism. PublicAffairs.

  • Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98

#MutTutGut #LocusOfControl #Selbstwirksamkeit #Verantwortung #LearningAndDevelopment

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

Published inInnere HaltungInnere HaltungMut tut gut