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Üben als Daseinsweise – Anders Ericsson, das SANTIAGO-Prinzip und die Forschung zum dauerhaften Lernen

Last updated on 16/06/2026

„Tout est difficile avant d’être facile“ – dieses Sprichwort wird oft als französische Volksweisheit zitiert, ist aber im westlichen Schrifttum erstmals 1732 in Thomas Fullers Gnomologia als Proverb 560 belegt; eine ältere persische Spur führt zu Saadi von Schiraz. Die Pointe trifft den Anfang jeder Lernkurve – die ersten Töne quietschen, die ersten Sätze stocken, die ersten Schritte sind schwer. Aber sie sagt nur die halbe Geschichte. Wer eine Fertigkeit gelernt hat und sie nicht weiter pflegt, erlebt das Umgekehrte: Was einmal leicht war, wird wieder schwer. Anders Ericssons Forschung zum deliberate practice zeigt, warum: Fähigkeiten sind keine erworbenen Besitzstücke, sondern Beziehungen zwischen Nervensystem und Tätigkeit, die nur in der wiederholten Übung tragen. Rolf Arnold hat dafür die Metapher des SANTIAGO-Weges geprägt – Lernen nicht als Strecke zum Ziel, sondern als Daseinsweise.

Was Thomas Fuller und Saadi gemeint haben

Thomas Fuller (1654–1734) war englischer Arzt und sammelte Sprichwörter aus dem klassischen Bildungsbestand seiner Zeit. Sein Eintrag Nr. 560 ist die früheste verifizierbare englische Form des Satzes. Eine ältere arabisch-persische Tradition verweist auf Saadi Shirazi, dessen Gulistan (1258) zahlreiche ähnliche Wendungen enthält – ohne dass sich diese konkrete Form eindeutig zuordnen ließe.

Beide Lesarten teilen einen Kern: Schwierigkeit am Anfang ist kein Zeichen dafür, dass man falsch liegt. Sie ist das Material, aus dem Können entsteht. Diese Beobachtung ist im 21. Jahrhundert nicht weniger wahr – aber sie braucht eine Ergänzung, die das ältere Sprichwort nicht enthält.

Was Anders Ericsson zum dauerhaften Üben zeigte

Anders Ericsson hat in vier Jahrzehnten Forschung zu Expertise und Hochleistung die heute breit rezipierte deliberate-practice-Theorie entwickelt. Sein Schlüsselartikel mit Ralf Krampe und Clemens Tesch-Römer (1993, Psychological Review) zeigte an Musikern der Berliner Musikhochschule, dass die Spitzenleistung sich nicht durch „Talent“ allein erklären lässt – die entscheidende Variable war die Menge an gezielter, fordernder, kontinuierlicher Übung über viele Jahre.

Aus diesem Befund stammt die populäre „10.000-Stunden-Regel“, die Malcolm Gladwell 2008 in Outliers zugespitzt hat. Ericsson selbst hat in Peak (2016, mit Robert Pool) klargestellt, dass die Zahl irreführend ist: Es geht nicht um Quantität allein, sondern um die Qualität der Übung. Drei Eigenschaften zeichnen deliberate practice aus:

  • Spezifische Schwächenarbeit. Geübt wird das, was noch nicht funktioniert – nicht das, was schon klappt.

  • Sofortiges Feedback. Während oder unmittelbar nach der Übung muss erkennbar sein, ob das Geübte besser geworden ist.

  • Kontinuierliche Anpassung der Schwierigkeit. Wenn etwas leicht geworden ist, muss die Übung schwerer werden, sonst stagniert das Können.

Die kritische Pointe für den Berufsalltag: Routinierte Wiederholung ist nicht deliberate practice. Wer dreißig Jahre dasselbe macht, ohne die Schwierigkeit zu steigern und ohne gezielt an Schwächen zu arbeiten, hat nicht dreißig Jahre Erfahrung, sondern einmal Erfahrung dreißig Jahre lang.

Was die Skill-Decay-Forschung zeigt

Mein Saxophon-Spielen führt mich zu einem weniger bekannten Forschungsfeld: Wie schnell verlernen wir, was wir können? Wayne Wickelgren hat schon 1972 in Psychological Review gezeigt, dass die Vergessenskurve auch für Fertigkeiten gilt – nicht nur für deklaratives Wissen. Komplexe motorische Fertigkeiten zerfallen langsamer als sprachliche oder kognitive (das berühmte „Fahrradfahren verlernt man nicht ganz“), aber sie zerfallen.

Die Forschung zur Skill Retention unterscheidet drei Komponenten, die unterschiedlich rasch zerfallen:

  • Prozedurales Können (z.B. Embouchure beim Saxophon, Touch beim Klavier) – zerfällt relativ schnell, oft innerhalb von Wochen ohne Übung.

  • Deklaratives Wissen (z.B. Fingersätze, Akkorde, Theorie) – zerfällt langsamer, bleibt oft jahrelang abrufbar.

  • Integratives Können (das geschmeidige Zusammenspiel) – zerfällt am schnellsten und braucht am längsten zum Wiederaufbau.

Ich erlebe das beim Saxophon konkret: Die Fingersätze bleiben in einer Form von Muskelgedächtnis erhalten, die Embouchure aber – die Lippenmuskulatur, die Atemkontrolle, das Timbre – baut sich ohne kontinuierliche Übung messbar zurück. Professionelle Musikerinnen wissen das. Susan Hallam fasst in ihrer Übersicht im International Journal of Music Education (2010) zusammen, was die Forschung zur Musikpraxis seit Jahrzehnten zeigt: Auch nach Jahren auf höchstem Niveau ist tägliche Übung keine Wiederholung, sondern die Bedingung dafür, dass das Niveau gehalten wird.

Was Carol Dweck und die Bjorks ergänzen

Die Pointe trifft nicht nur das Saxophon. Carol Dweck hat in Mindset (2006) gezeigt, dass die Bereitschaft, beim Wieder-Schwer-Werden dranzubleiben, eng mit dem Growth Mindset korreliert – der Annahme, dass Fähigkeiten entwickelbar bleiben. Wer im Fixed Mindset steckt, deutet das Wiedereinsetzen der Schwierigkeit als Beleg dafür, „das Talent doch nie gehabt zu haben“. Wer im Growth Mindset arbeitet, deutet dieselbe Erfahrung als Aufruf zur Wiederaufnahme der Übung.

Robert Bjork und Elizabeth Ligon Bjork haben 2011 in einem viel zitierten Kapitel das Konzept der desirable difficulties eingeführt: Schwierigkeiten, die das Lernen verlangsamen, aber die Behaltensleistung verbessern. Dazu gehören das Spacing (verteilte statt massierte Übung), das Interleaving (Mischen verschiedener Fertigkeiten in einer Übung) und das Testing (aktiver Abruf statt passiver Wiederholung). Die Bjork-Pointe: Leichtes Lernen erzeugt schnelle Anfangserfolge und schnelles Vergessen. Schweres Lernen erzeugt langsame Anfangserfolge und nachhaltiges Behalten. Das ist die Forschungs-Version dessen, was ich aus eigener Erfahrung kenne – wer es sich am Anfang zu leicht macht, zahlt später mit dem schnellen Verlust.

Was Rolf Arnold mit dem SANTIAGO-Bild meinte

Rolf Arnold hat in seiner Erwachsenenbildungs-Theorie das Bild des Pilgerwegs nach Santiago de Compostela aufgegriffen, um eine grundlegende Verschiebung zu beschreiben: Lernen ist nicht primär eine Strecke zu einem Ziel, sondern eine Daseinsweise. Wer auf den Camino geht, weiß: Das Ziel ist nicht in Santiago, sondern im Gehen. Die Kathedrale ist das Symbol für etwas, das sich auf dem Weg ereignet, nicht nach ihm.

Übertragen auf das berufliche Lernen heißt das: Eine Fertigkeit „abzuschließen“ und dann zu lagern, gibt es nicht. Was es gibt, ist die fortlaufende Beziehung zwischen mir und der Tätigkeit. Diese Beziehung trägt nur, solange sie gepflegt wird – wie eine Pflanze, die täglich Wasser braucht, auch wenn sie bereits Blüten hat. Das ist die Pointe, die das alte Sprichwort allein nicht fasst.

Praxis: drei Bewegungen des dauerhaften Übens

In meinen Erfahrungen arbeite ich häufig mit drei einfachen Fragen, wenn jemand ‚eigentlich‘ eine Fähigkeit besitzt, aber merkt, dass sie nicht mehr trägt:

  • Welche Schwäche möchte ich gerade üben? Nicht die Stärke wiederholen, sondern die nächste konkrete Lücke benennen. Das ist die Ericsson-Bewegung.

  • Wie verteile ich die Übung? Lieber jeden Tag fünfzehn Minuten als einmal die Woche zwei Stunden. Das ist die Bjork-Bewegung (Spacing).

  • Welche Fertigkeit, die ich einmal konnte, ist gerade abhandengekommen? Eine ehrliche Bestandsaufnahme – nicht zur Selbstkritik, sondern zur Entscheidung: Was möchte ich neu aufnehmen, was kann ich loslassen?

Diese Bewegung verbindet sich mit anderen Praktiken aus der Serie. Sie verlangt Geduld in Sarah Schnitkers Sinn – nicht nur mit dem Anfang, sondern mit dem ganzen Weg. Sie ist eine Schwesterhaltung zur Grit, die Angela Duckworth als Beharrlichkeit über Jahre beschrieben hat – mit dem Akzent, dass auch nach dem Erfolg das Üben weitergeht. Und sie braucht die Reflexion-on-Action, die Donald Schön als Voraussetzung für professionelles Wachstum beschrieben hat.

Wer mit dem dauerhaften Üben im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) sind das Üben einzelner Gesprächs-Mikrofertigkeiten (Pause, Frage, Spiegelung) und die kontinuierliche Verfeinerung über Jahre als integraler Teil der professionellen Praxis beschrieben.

Was übe ich heute, das ich vor zehn Jahren noch nicht konnte? Und was übe ich nicht mehr, obwohl ich es einmal konnte? Eine ehrliche Bestandsaufnahme dieser zwei Fragen ist die Mikro-Version dessen, was Rolf Arnold das SANTIAGO-Prinzip nennt – die Bewusstheit, dass jede Fähigkeit eine Pflanze ist, die gepflegt werden will. Wer das versteht, übt nicht mehr für ein fernes Ziel, sondern aus Treue zur eigenen Entwicklung.

Quellen

  • Arnold, R. (2010). Selbstbildung. Oder: Wer kann ich werden und wenn ja wie? Schneider Verlag Hohengehren.

  • Arnold, R., & Schüßler, I. (2010). Ermöglichungsdidaktik. Erwachsenenpädagogische Grundlagen und Erfahrungen. Schneider Verlag Hohengehren.

  • Bjork, R. A., & Bjork, E. L. (2011). Making things hard on yourself, but in a good way: Creating desirable difficulties to enhance learning. In M. A. Gernsbacher et al. (Hrsg.), Psychology and the Real World (S. 56–64). Worth Publishers.

  • Dweck, C. S. (2006). Mindset: The New Psychology of Success. Random House. (Deutsch: Selbstbild, Piper 2009)

  • Ericsson, K. A., Krampe, R. T., & Tesch-Römer, C. (1993). The role of deliberate practice in the acquisition of expert performance. Psychological Review, 100(3), 363–406. https://doi.org/10.1037/0033-295X.100.3.363

  • Ericsson, K. A., & Pool, R. (2016). Peak: Secrets from the New Science of Expertise. Houghton Mifflin Harcourt. (Deutsch: Top: Die neue Wissenschaft vom bewussten Lernen, Pattloch 2016)

  • Fuller, T. (1732). Gnomologia: Adagies and Proverbs, Wise Sentences, and Witty Sayings. London. (Proverb 560)

  • Hallam, S. (2010). The power of music: Its impact on the intellectual, social and personal development of children and young people. International Journal of Music Education, 28(3), 269–289. https://doi.org/10.1177/0255761410370658

  • Saadi Shirazi (1258/2013). Der Rosengarten (Gulistan). Übers. v. Karl Heinrich Graf, hrsg. v. Heribert Sauerwein. Marix Verlag.

  • Wickelgren, W. A. (1972). Trace resistance and the decay of long-term memory. Journal of Mathematical Psychology, 9(4), 418–455.

  • Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98

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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 5: Lernende Organisation

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