Last updated on 16/06/2026
Dasselbe Buch kann ein heiliges Sakrament sein – oder ein Stapel beschriebener Blätter mit Lederrücken. Was es ist, entscheidet nicht das Buch, sondern der Blick darauf. In Cajamarca, am 16. November 1532, wurde diese Differenz zum tödlichen Missverständnis. Dieselbe Mechanik wirkt heute in jedem Konflikt, der von zwei Seiten als „objektiv eindeutig“ empfunden wird.
Das Zitat und seine kleine Ironie
In meinem Schreibtischkalender stand letzte Woche ein Satz von Molière: „Les choses ne valent que ce qu’on les fait valoir.“ – „Die Dinge sind nur so viel wert, wie man aus ihnen macht.“
Die Attribution stimmt, der Kontext ist klüger als die Kalender-Version. Der Satz steht in Molières Les Précieuses ridicules (1659, Szene IX) – gesprochen wird er dort nicht vom Autor selbst, sondern von Cathos, einer der affektierten Preziösen, die das Stück sanft verspottet. Cathos verwendet die Formel, um die (schlechten) Verse eines vermeintlichen Marquis – in Wahrheit ein verkleideter Diener – schöner zu finden, als sie sind.
Molière legt die Wahrheit der Aussage und ihre Gefahr in denselben Mund. Wert entsteht im Blick. Aber wenn der Blick verstellt ist, entsteht falscher Wert. Beides gehört zusammen – und keine Seite ist ohne die andere zu haben.
Cajamarca, 16. November 1532
Knapp hundert Jahre vor Molière, auf der anderen Seite der Welt, kostete diese Doppeldeutigkeit Tausende von Leben.
Atahualpa, Sapa Inka, hatte sich mit dem spanischen Konquistador Francisco Pizarro in Cajamarca verabredet. Er kam unbewaffnet, in feierlicher Sänfte, begleitet von Tausenden seiner Untertanen. Pizarro hatte 168 Soldaten – 62 Reiter, 106 Fußvolk –, Pulver, Pferde, Stahl.
Der Dominikaner Vicente de Valverde – in vielen populären Quellen fälschlich als „Victor“ geführt – trat vor, überreichte Atahualpa ein Brevier (oder eine Bibel; die Quellen schwanken) und ließ das Requerimiento verlesen, ein in Spanisch verfasstes juristisches Dokument, das die Inka zur Unterwerfung unter den spanischen König und das Christentum aufforderte. Übersetzer war Felipillo, dessen sprachliche Kompetenz Historiker bis heute bezweifeln. Atahualpa nahm das Buch in die Hand, betrachtete es, hielt es manchen Quellen zufolge ans Ohr, fand es stumm, fand es leer und warf es zu Boden.
Valverde gab das Signal. Pizarros Männer eröffneten das Feuer. Tausende unbewaffnete Inka wurden niedergemacht; die Spanier hatten keine eigenen Verluste. Atahualpa wurde gefangengenommen und acht Monate später, am 26. Juli 1533, durch Garotte hingerichtet.
Die naheliegende Deutung: Für Valverde war das Buch heilig. Für Atahualpa war es ein Gegenstand ohne Resonanz – seine Kultur kannte keine gebundenen Schriften; Wissen wurde mündlich und über Quipus (Knotenschnüre) weitergegeben. Zwei Wertungen trafen ohne Übersetzung aufeinander.
Diese Lesart trägt, hat aber Grenzen. Der Historiker Matthew Restall warnt davor, die Conquista auf „kulturelles Missverständnis“ zu reduzieren: Pizarro plante einen militärischen Hinterhalt, das Buch war Anlass, nicht Ursache (Restall 2003). Die Wertungsdifferenz ist Teil der Geschichte – aber nicht ihr ganzer Grund. Gerade dadurch wird sie verstörend: kulturelle Blindheit und kalkulierte Gewalt waren am selben Tag im selben Raum.
Naiver Realismus – warum wir glauben, die Welt zu sehen, wie sie ist
Die Sozialpsychologen Lee Ross und Andrew Ward haben 1996 den Begriff des naiven Realismus geprägt. Damit ist die unhinterfragte Annahme gemeint, wir würden die Welt unmittelbar wahrnehmen – ohne kulturelle, sprachliche oder biografische Brille. Drei Folgen ergeben sich, wenn diese Annahme stillschweigend gilt:
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Wir gehen davon aus, andere vernünftige Menschen sähen es genauso, wenn sie über dieselben Informationen verfügten.
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Wer trotzdem anders sieht, muss befangen, schlecht informiert oder eigennützig sein.
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Eigene Voreingenommenheit erkennen wir kaum – fremde sehr genau. Emily Pronin (2007) nennt das den Bias blind spot: Wir sehen die Brille der anderen, nicht unsere eigene.
Valverde konnte sich nicht vorstellen, dass Atahualpa die Heiligkeit des Buches nicht erkennen würde. Atahualpa konnte sich nicht vorstellen, warum dieses Ding eine Forderung an ihn stellen sollte. Beide handelten von ihrem jeweiligen Standpunkt aus konsequent. Beide sahen den anderen als unverständlich – und schlossen daraus auf böse Absicht oder Wahn.
Wie sich solche Wertewelten systematisch beschreiben lassen, habe ich in dieser Serie an anderer Stelle entfaltet: Spiral Dynamics nimmt die Mehrebenenstruktur menschlicher Werte ernst und zeigt, dass aus „Blau“ anders bewertet wird als aus „Grün“ oder „Gelb“.
Werte sind kulturell verfasst – nicht weniger real, aber nicht objektiv
Hazel Markus und Shinobu Kitayama haben 1991 in einem viel zitierten Aufsatz gezeigt, wie tief kulturelle Prägung in der Konstruktion des Selbst und seiner Werte sitzt. Was als selbstverständlich gilt – Erfolg, Würde, Autorität, Reinheit – ist kulturell mitbestimmt, nicht nur im Inhalt, sondern in der Struktur des Wertens selbst.
Die Historikerin Sabine MacCormack hat das für den andinen Fall genau aufgearbeitet. Spanier und Andinen sahen das Heilige nicht nur unterschiedlich, sondern auf strukturell verschiedene Weise. Der Spanier sah Heiligkeit in fixierten Symbolen – Buch, Kreuz, Sakrament. Der Andine sah sie in Beziehungen zwischen Bergen, Wasser, Ahnen, Pflanzen, Menschen – in einem Netz, nicht in einem Gegenstand (MacCormack 1991).
Joseph Henrich und Kollegen haben 2010 daran erinnert, dass unsere Standardannahme über „den Menschen“ aus einer sehr spezifischen Stichprobe stammt: Western, Educated, Industrialized, Rich, Democratic – WEIRD. Die meisten psychologischen Befunde gelten zunächst nur für diese Gruppe, nicht universal.
In meinen Erfahrungen begegnet mir diese Differenz seltener als geographische Konfliktlinie, häufiger als unsichtbare Mauer zwischen Funktionen, Hierarchien oder Generationen im selben Unternehmen. Vertrieb und Forschung „sehen“ eine Entscheidung verschieden. Geschäftsführung und Werkbank „sehen“ einen Veränderungsprozess verschieden. Beide Seiten halten ihre Wahrnehmung für die natürliche. Das ist die alltägliche Form des Cajamarca-Moments.
Praxis: drei Bewegungen, die den Blick öffnen
Wahrzunehmen, dass etwas wahrgenommen wird, ist der einzige Punkt, an dem naiver Realismus aufgebrochen werden kann. Drei Bewegungen helfen dabei:
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Annahme der Sinnhaftigkeit. Wenn eine fremde Handlung unsinnig wirkt, lautet die zweite Frage nicht „Warum tun sie das?“, sondern „In welchem Wertesystem wäre das eine sinnvolle Handlung?“. Erst die zweite Frage öffnet einen Raum, in dem Verständigung möglich wird.
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Vor dem Urteil eine Pause. Eine knappe Sekunde, in der Du den eigenen Reflex anhältst und fragst: Was sehe ich gerade – und wie könnte derselbe Vorgang von der anderen Seite aussehen? Galinsky und Kollegen (2008) konnten zeigen, dass dieser einfache Perspektivwechsel in Verhandlungen messbar bessere Ergebnisse erzielt als reine Empathie – kognitives Hineinversetzen erzeugt Lösungen, emotionales Mitfühlen schafft nur Nähe.
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Eigene Selbstverständlichkeit prüfen. Was halte ich für „objektiv“? An welcher Stelle ist mein „natürlich“ eigentlich ein „in meiner Welt natürlich“? Diese Frage einmal pro Woche kostet wenig und verändert über Monate viel.
Im Gespräch wird diese Bewegung körperlich spürbar – die Polyvagal-Theorie zeigt, wie das Social Engagement System aussteigt, sobald wir Werte des Gegenübers als Bedrohung registrieren. Und die Macht der Worte erinnert daran, dass selbst Sprache, die alle zu verstehen meinen, in einer Sprechakt-Situation ganz Unterschiedliches verrichtet: Das Requerimiento in Cajamarca war juristisch konstitutiv für die einen und akustisches Rauschen für die anderen.
Wie sich solche Differenzen im Berufsalltag erkennen und bearbeiten lassen, gehört zum Kern guter Gespräche – das Kapitel zu Annahmen und Glaubensmustern in Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) widmet sich dieser Frage ausführlicher.
Atahualpa hielt das Buch in den Händen. Er hörte hin. Er hörte nichts. Der schmerzlichste Augenblick dieser Geschichte ist vielleicht nicht der Angriff, der folgte – sondern dieser eine davor: zwei Menschen gegenüber, beide überzeugt, das Selbstverständliche zu kennen. Die meisten Konflikte unseres Alltags tragen dieselbe Gestalt. Nur leiser.
Quellen
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Galinsky, A. D., Maddux, W. W., Gilin, D., & White, J. B. (2008). Why it pays to get inside the head of your opponent: The differential effects of perspective taking and empathy in negotiations. Psychological Science, 19(4), 378–384. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2008.02096.x
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Henrich, J., Heine, S. J., & Norenzayan, A. (2010). The weirdest people in the world? Behavioral and Brain Sciences, 33(2–3), 61–83. https://doi.org/10.1017/S0140525X0999152X
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MacCormack, S. (1991). Religion in the Andes: Vision and Imagination in Early Colonial Peru. Princeton University Press.
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Markus, H. R., & Kitayama, S. (1991). Culture and the self: Implications for cognition, emotion, and motivation. Psychological Review, 98(2), 224–253. https://doi.org/10.1037/0033-295X.98.2.224
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Molière, J.-B. (1659). Les Précieuses ridicules, Szene IX. Paris.
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Pronin, E. (2007). Perception and misperception of bias in human judgment. Trends in Cognitive Sciences, 11(1), 37–43. https://doi.org/10.1016/j.tics.2006.11.001
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Restall, M. (2003). Seven Myths of the Spanish Conquest. Oxford University Press.
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Ross, L., & Ward, A. (1996). Naive realism in everyday life: Implications for social conflict and misunderstanding. In E. S. Reed, E. Turiel & T. Brown (Eds.), Values and Knowledge (S. 103–135). Lawrence Erlbaum.
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Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98
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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung

