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Wenn Worte Bedeutungen umfärben – Steven Hayes, Yvonne Barnes-Holmes und die Bezugsrahmentheorie im Gespräch

Last updated on 15/06/2026

Die Bezugsrahmentheorie (Relational Frame Theory, RFT) von Steven Hayes, Dermot und Yvonne Barnes-Holmes erklärt, warum Sprache so mächtig ist: Menschen verknüpfen beliebige Reize zu Beziehungsnetzen, und über diese Netze überträgt sich Bedeutung – ein neutrales Ereignis wird allein durch den sprachlichen Rahmen, in den wir es stellen, angenehm oder bedrohlich. Im Gespräch heißt das: Nicht das Ereignis selbst löst unsere Reaktion aus, sondern der Rahmen, den wir ihm geben. Wer im Dialog flexibel zwischen Rahmen wechseln kann, statt am ersten festzuhalten, führt Gespräche auf Augenhöhe – und genau diese psychologische Flexibilität ist laut der ACT-Forschung trainierbar.

„Jede Sprache zieht um das Volk, dem sie angehört, einen Kreis, aus dem es nur insofern hinauszugehen möglich ist, als man zugleich in den Kreis einer anderen hinübertritt.“

— Wilhelm von Humboldt, Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues (postum 1836)

Humboldt ahnte schon im 19. Jahrhundert, dass Sprache nicht nur beschreibt, sondern Wirklichkeit formt – sie zieht einen Kreis, in dem wir denken. Aus meinem Master bei Rolf Arnold habe ich gelernt, wie folgenreich das im Gespräch ist: Dieselbe Aussage kann im einen Rahmen als Angriff, im anderen als Hilfe ankommen. Lange habe ich solche Missverständnisse für reine Wortwahl gehalten. Die Bezugsrahmentheorie zeigt, dass dahinter ein präziser Mechanismus steckt – und dass wir ihn nutzen können, statt ihm ausgeliefert zu sein.

Drei Eigenschaften, die Sprache mächtig machen

RFT beschreibt, wie Menschen Reize zu willkürlich anwendbaren Beziehungen verknüpfen. Drei Eigenschaften sind dabei zentral (Hayes, Barnes-Holmes & Roche 2001):

•        Wechselseitige Ableitung (mutual entailment). Beziehungen sind zweiseitig: Lerne ich, dass A mit B zusammenhängt, leite ich automatisch auch ab, dass B mit A zusammenhängt – ohne dass mir das je beigebracht wurde.

•        Kombinatorische Ableitung (combinatorial entailment). Beziehungen verbinden sich: Wenn A zu B und B zu C in Beziehung steht, leite ich eine Beziehung zwischen A und C ab. So entstehen ganze Bedeutungsnetze aus wenigen gelernten Verbindungen.

•        Transformation von Reizfunktionen. Das eigentlich Folgenreiche: Hat ein Element im Netz eine psychologische Funktion – etwa Angst –, kann sich diese auf verknüpfte Elemente übertragen, ohne dass diese je selbst bedrohlich waren. Ein neutrales Wort kann so allein durch seinen Platz im Netz schmerzhaft werden.

Damit erklärt RFT, warum ein beiläufiger Satz in einem Meeting eine unverhältnismäßige Reaktion auslösen kann: Er aktiviert ein ganzes Beziehungsnetz mit allen daran hängenden Gefühlen (vgl. → Artikel zu Vier Ebenen des Zuhörens).

Wovon wir uns leiten lassen: drei Arten von Regelfolgen

RFT unterscheidet, woran wir unser Verhalten ausrichten – das sind nicht „Schritte zum Perspektivwechsel“, sondern drei Typen regelgeleiteten Verhaltens. Sie zu kennen hilft, das eigene Gesprächsverhalten zu verstehen:

•        Pliance. Wir folgen einer Regel, weil eine soziale Instanz es so will – um Zustimmung zu bekommen oder Ärger zu vermeiden. Im Meeting: Ich sage zu, weil die Chefin zusieht, nicht weil ich überzeugt bin.

•        Tracking. Wir folgen einer Regel, weil sie tatsächlich zu funktionierenden Ergebnissen führt – die Regel bildet die Wirklichkeit ab. Hier handeln wir aus Einsicht, nicht aus sozialem Druck.

•        Augmenting. Sprache verändert, wie attraktiv oder wichtig uns ein Ergebnis erscheint – sie kann die Bedeutung einer Konsequenz verstärken oder neu aufladen.

Der praktische Wert: Wer bemerkt, dass eine Zustimmung nur Pliance war – bloßes Mitlaufen unter Beobachtung –, kann nachfragen, was die Person wirklich denkt. Genau dort beginnt ein Gespräch auf Augenhöhe (vgl. → Artikel zu Wenn die Stille spricht).

Flexibilität statt Starre – und was sie bewirkt

RFT ist die theoretische Basis der Akzeptanz- und Commitment-Therapie (ACT), deren Kernziel die psychologische Flexibilität ist: die Fähigkeit, nicht starr am ersten Bezugsrahmen zu kleben, sondern bewusst andere einnehmen zu können. Ehrlich gesagt ist RFT als behavioristisches Modell in der Linguistik nicht unumstritten. Was aber empirisch gut belegt ist: Eine Übersicht über zahlreiche Meta-Analysen zeigt, dass ACT-basierte Verfahren über viele Bereiche hinweg wirken und dass Veränderungen der psychologischen Flexibilität ein zentraler Wirkmechanismus sind (Gloster, Walder, Levin, Twohig & Karekla 2020). Für das Gespräch übersetzt: Starre Rahmen behindern – im Persönlichen wie in der Organisation. Wer im Dialog verschiedene Deutungen zulässt und benennt, macht aus Festhalten Beweglichkeit.

Praxis: Das Drei-Rahmen-Spiel zu zweit

Nimm Dir mit einer vertrauten Person eine konkrete Aussage vor, die Euch kürzlich gewurmt hat – eine Bemerkung aus einem Meeting, eine knappe Mail, ein Kommentar. Schreibt sie wörtlich auf. Dann findet zu zweit nacheinander drei verschiedene Rahmen, in denen dieselbe Aussage eine andere Funktion bekommt: Erstens als Angriff – wie klingt sie, wenn man das Schlimmste annimmt? Zweitens als Hilfe – was, wenn die Person es gut meinte? Drittens als Ausdruck ihrer eigenen Lage – was sagt die Aussage über den Zustand des Senders, nicht über Dich? Sprecht laut aus, wie sich die Aussage in jedem Rahmen anfühlt. Der Effekt ist verblüffend: Dieselben Worte tragen drei verschiedene Gefühle. Genau das ist die Transformation von Reizfunktionen – und Ihr habt sie gerade bewusst in der Hand gehabt, statt ihr ausgeliefert zu sein.

KI im Lernalltag

Ein KI-Sprachmodell eignet sich gut als Reframe-Werkzeug: Gib eine Aussage ein, die Dich getroffen hat, und bitte um drei alternative, plausible Deutungen aus der Perspektive des Senders. Das löst die Fixierung auf die erste, oft bedrohlichste Lesart. Die kritische Kante: Eine KI kennt weder den Menschen noch die Beziehungsgeschichte zwischen Euch – sie liefert Hypothesen, keine Wahrheiten über die Absicht des anderen. Nutze die Vorschläge, um beweglicher zu werden, nicht, um Dir eine bequeme Deutung zu bestätigen. Und das Eigentliche bleibt zwischenmenschlich: Welcher Rahmen stimmt, klärt sich nicht mit der KI, sondern im Gespräch mit der Person selbst.

Achte in Deinem nächsten Meeting auf den Moment, in dem Dich eine Aussage trifft. Welchen Rahmen hast Du ihr in dieser Sekunde gegeben – und hättest Du, eine Atempause später, auch einen anderen wählen können?

Wie Haltung, Deutungsmuster und das Unterbewusstsein darüber entscheiden, in welchem Rahmen eine Botschaft ankommt, beschreibe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98* (*Affiliate-Link)

Quellen

•        Gloster, A. T., Walder, N., Levin, M. E., Twohig, M. P. & Karekla, M. (2020): The empirical status of acceptance and commitment therapy: A review of meta-analyses. Journal of Contextual Behavioral Science, 18, 181–192. DOI: 10.1016/j.jcbs.2020.09.009

•        Hayes, S. C., Barnes-Holmes, D. & Roche, B. (Hrsg.) (2001): Relational Frame Theory: A Post-Skinnerian Account of Human Language and Cognition. Plenum Press, New York.

•        Humboldt, W. von (1836): Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts. Königliche Akademie der Wissenschaften, Berlin.

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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 3: Begegnung & Dialog

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