Last updated on 16/06/2026
Stille im Gespräch ist nicht die Abwesenheit von Kommunikation, sondern oft ihre intensivste Form. Martin Buber hat in Ich und Du (1923) gezeigt, dass die tiefste menschliche Begegnung jenseits der Sprache stattfindet. Muriel Saville-Troike, Linguistin und Anthropologin (University of Arizona), hat 1985 in The Place of Silence in an Integrated Theory of Communication eine erste systematische Theorie des Schweigens vorgelegt: Schweigen ist nicht ein Nicht-Reden, sondern eine eigenständige kommunikative Handlung mit eigener Grammatik. Susan Cain hat in Quiet (2012) ergänzt, dass etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Menschen in der Stille besser denken als im Sprechen – und dass unsere Diskurskultur das systematisch übergeht. Edgar Scheins Humble Inquiry (2013) macht Stille zum Werkzeug der Beratung: Wer im richtigen Moment schweigt, lädt das Gegenüber ein, mehr zu sagen.
Im Winter zieht sich die Natur zurück. Die Blätter sind gefallen, viele Tiere haben sich in den Schlaf gelegt, der Wald wird still. Diese saisonale Stille hat etwas Heilsames – nicht weil sie leer wäre, sondern weil sie zeigt, dass Rückzug eine Form der Bewegung ist. In unseren Gesprächen verhält es sich ähnlich: Was wie Pause aussieht, ist oft der eigentliche Inhalt.
Saville-Troike: Schweigen als eigenständige kommunikative Handlung
Bevor Muriel Saville-Troikes Forschung in den 1980er Jahren erschien, behandelte die Linguistik Schweigen vor allem als „Nicht-Sprechen“ – als Lücke zwischen den eigentlich interessanten kommunikativen Akten. Saville-Troike zeigte: Schweigen folgt eigenen Regeln, hat kulturell verschiedene Bedeutungen und übermittelt eigenständige Botschaften.
In manchen Kulturen ist Schweigen während eines Gesprächs Höflichkeit, in anderen Distanzierung. Bei den Navajo wird langes Schweigen als Zeichen von Respekt verstanden, in westlichen Geschäftskontexten oft als Unsicherheit. Deborah Tannen (Georgetown University) hat in ihrer Konversationsanalyse (Tannen 1985) gezeigt, dass auch innerhalb einer Kultur verschiedene Konversationsstile existieren – manche Menschen lesen 0,3-Sekunden-Pausen als „jetzt bin ich dran“, andere brauchen 1,5 Sekunden, bevor sie das Gespräch übernehmen. Die meisten Missverständnisse im Berufsalltag entstehen nicht durch Worte, sondern durch unterschiedliche Pausen-Toleranz.
Fünf Formen des Schweigens
Die folgende Typologie verbindet Beobachtungen aus der Kommunikationsforschung, der Psychotherapie und der Philosophie:
1. Schweigen als rhetorische Pause: Bereits Cicero und Quintilian wussten, dass eine gut platzierte Pause die Pointe einer Aussage verstärkt. Moderne Rhetorikforschung bestätigt: Drei Sekunden Stille vor einer wichtigen Aussage erhöhen die Erinnerungsleistung beim Publikum messbar (Goulet & Cousins 2008). Dies ist das Schweigen der Sprechenden.
2. Bewusstes Verschweigen: Was nicht gesagt wird, kann genauso viel wirken wie das Gesagte. Paul Watzlawicks zweites Axiom (Watzlawick et al. 1967, vgl. Artikel zu William James und das Nicht-nicht-Handeln) beschreibt das Inhalts- und Beziehungsaspekt-Verhältnis: Auch Verschweigen kommuniziert auf der Beziehungsebene – meist nicht harmlos.
3. Emotionale Sprachlosigkeit: Bei intensiven Emotionen – Staunen, Erschrecken, Trauer – setzt die Sprache aus. Pauline Boss, Begründerin der Ambiguous Loss-Theorie (1999), hat gezeigt, dass dieses Schweigen physiologisch ist: Das limbische System verdrängt vorübergehend den Zugang zum sprachverarbeitenden Cortex. Wer in diesem Moment Sprache fordert, übergeht den Prozess.
4. Schweigen I – die Schweigemauer: Zwei Personen schweigen, weil zwei Positionen nicht ausdiskutiert werden. Hier hat das Schweigen einen ausgrenzenden, trennenden Charakter. Es ist das Schweigen am Esstisch nach einem Streit. Carl Rogers und später Sue Johnson (Emotionally Focused Therapy, vgl. Artikel zu Liebe ist ein Verb) haben diese Form als „Disconnection“ beschrieben – die Stille markiert hier eine kommunikative Sackgasse.
5. Schweigen II – die Begegnung jenseits der Worte: Zwei Personen sind gemeinsam still, ohne dass etwas Ungelöstes zwischen ihnen steht. Sie sind beieinander, ohne sprechen zu müssen. Diese Form ist es, die Martin Buber in Ich und Du (1923) als wesentliche Form der Begegnung beschrieb. Sie braucht Sicherheit, gegenseitige Akzeptanz und eine Bereitschaft, das Gegenüber nicht durch Worte ständig festzuhalten.
Buber und Schweigen II: Wo Begegnung möglich wird
Martin Buber (1878–1965) hat in seinem schmalen Hauptwerk Ich und Du zwei grundsätzlich verschiedene Formen menschlichen Beziehens unterschieden. Die Ich-Es-Beziehung behandelt das Gegenüber als Objekt – als Mittel, als Funktion, als Information. Die Ich-Du-Beziehung begegnet dem Gegenüber als ganzem Wesen – ohne es einordnen, beurteilen oder verwerten zu wollen.
Bubers Pointe: Die Ich-Du-Begegnung ist immer ein Ereignis, kein Zustand. Sie passiert in Momenten – und diese Momente sind oft still. In der Liebe, in der Trauer, in der Bewunderung, in der gemeinsamen Stille am Meer oder am offenen Feuer. Wer in solchen Momenten beginnt zu reden, schiebt die Begegnung weg ins Sprachliche, ins Bewertbare – und nimmt ihr gerade das, was sie war.
In Berufsgesprächen ist diese Form selten, aber kostbar. Wenn nach einer schwierigen Mitteilung Stille eintritt und beide diese Stille aushalten – ohne sie zu füllen –, entsteht etwas, was kein Coaching-Modell ersetzen kann.
Susan Cain und die Welt der leisen Denkenden
Susan Cains Quiet (2012) hat eine wichtige Erinnerung ins Gedächtnis gerufen: Etwa ein Drittel bis die Hälfte aller Menschen sind introvertierte oder hochsensible Persönlichkeiten – Menschen, die nicht durch Sprache, sondern vor Sprache denken. Sie brauchen Stille, um zu Erkenntnissen zu kommen.
In Workshops und Meetings werden ihre Beiträge oft übergangen, weil sie nicht schnell genug auf die Frage reagieren. Wer aber 10 Sekunden Pause nach einer Frage zulässt, bekommt von diesen Menschen häufig die durchdachtesten Antworten. Cain plädiert für eine Kultur der bewussten Pausen – nicht aus Höflichkeit, sondern weil dort Erkenntnisse entstehen, die in der schnellen Diskussion verloren gehen.
Das deckt sich mit Edgar Scheins Humble Inquiry: Beratung beginnt nicht mit der besten Frage, sondern mit der Bereitschaft, nach der Frage zu schweigen, bis das Gegenüber die Antwort gefunden hat.
Praxis: Ein Schweige-Spaziergang (30 Minuten)
Statt einer Sitz-Übung diesmal eine Bewegungs-Praxis – mit einer Person, die Dir nahesteht. Ein Spaziergang zu zweit, mit einer einfachen Verabredung im Voraus.
Vorbereitung (vor dem Start): Sprich kurz mit Deiner Begleitung: „Lass uns einen Spaziergang machen, in dem wir die ersten zehn Minuten miteinander schweigen. Nicht weil wir nichts zu sagen hätten, sondern weil ich neugierig bin, wie das ist.“ Wichtig ist, dass es eine gemeinsame Vereinbarung ist – sonst ist es kein Schweigen II, sondern Schweigen I.
Phase 1 – Zehn Minuten Schweigen (Schweigen II): Geht nebeneinander, im selben Schritt-Tempo. Schaut, was um Euch ist – nicht erklären, nicht zeigen, nicht auf Sehenswürdigkeiten hinweisen. Wenn Gedanken kommen, lass sie kommen. Wenn der Impuls zum Sprechen kommt, lass ihn vorbeiziehen.
Phase 2 – Zehn Minuten freies Sprechen: Nach zehn Minuten dürft Ihr sprechen, wenn Ihr wollt. Beobachte: Was kommt jetzt an die Oberfläche? Häufig sind es andere Themen als jene, die zu Beginn des Spaziergangs wichtig schienen. Die Stille hat etwas freigelegt.
Phase 3 – Zehn Minuten gemeinsame Reflexion: Sprecht miteinander darüber, wie sich das Schweigen angefühlt hat. Eine einzige Frage genügt: „Was war anders, als wenn wir die ganze Zeit gesprochen hätten?“ Oft ist die Antwort verblüffend: Die Bewusstheit fürs Gegenüber war größer, nicht kleiner.
Diese Praxis funktioniert mit der Lebenspartnerin, mit einer langjährigen Kollegin, mit einem erwachsenen Kind. Sie funktioniert weniger gut mit Menschen, mit denen die Beziehung nicht trägt – dann wird Schweigen II schnell zu Schweigen I. Das ist selbst eine Information.
Wie sich diese Pausen-Toleranz in Berufsgesprächen kultivieren lässt – ohne dass es nach gekünstelter Coaching-Technik aussieht – ist eines der zentralen Themen meines Buches Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023), besonders in Kapitel 4. 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)
Buber, Saville-Troike, Cain, Schein, Tannen, Boss – aus sechs Disziplinen kommt dieselbe Einsicht: Die Stille im Gespräch ist nicht die Pause zwischen den eigentlichen Inhalten. Sie ist oft der eigentliche Inhalt. In einer Zeit, in der Sprachvolumen und Rede-Tempo zugenommen haben, ist es eine eigene Form der Ressource, eine Sekunde länger zu schweigen, als es sich angenehm anfühlt.
Mut tut gut – auch der Mut zum Schweigen. Manchmal besonders dort.
Quellen
-
Boss, P. (1999): Ambiguous Loss. Learning to Live with Unresolved Grief. Harvard University Press. — Dt.: Verlust, Trauma und Resilienz. Die therapeutische Arbeit mit dem „uneindeutigen Verlust“ (2008). Klett-Cotta.
-
Buber, M. (1923): Ich und Du. Insel. Standardausgabe: Das dialogische Prinzip (2002). Lambert Schneider.
-
Cain, S. (2012): Quiet. The Power of Introverts in a World That Can’t Stop Talking. Crown. — Dt.: Still. Die Bedeutung von Introvertierten in einer lauten Welt (2011). Riemann.
-
Levinson, S. C. & Torreira, F. (2015): Timing in turn-taking and its implications for processing models of language. Frontiers in Psychology, 6, 731. DOI: 10.3389/fpsyg.2015.00731
-
Saville-Troike, M. (1985): The Place of Silence in an Integrated Theory of Communication. In: Tannen, D. & Saville-Troike, M. (Hg.): Perspectives on Silence (S. 3–18). Ablex Publishing.
-
Schein, E. H. (2013): Humble Inquiry. The Gentle Art of Asking Instead of Telling. Berrett-Koehler. — Dt.: Humble Inquiry. Vom Können des Nicht-Wissens (2016). Carl Auer.
-
Tannen, D. (1985): Silence: Anything But. In: Tannen, D. & Saville-Troike, M. (Hg.): Perspectives on Silence (S. 93–111). Ablex Publishing.
-
Tannen, D. (1990): You Just Don’t Understand. Women and Men in Conversation. William Morrow. — Dt.: Das hab‘ ich nicht gesagt! (1991). Goldmann.
-
Watzlawick, P., Beavin, J. H. & Jackson, D. D. (1967/1969): Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien. Huber.
-
Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)
#Schweigen #Stille #IchUndDu #Kommunikation #MutTutGut
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 3: Begegnung & Dialog.

