Last updated on 15/06/2026
Johann Georg Hamann (1730–1788) war einer der eigenartigsten Denker der Spätaufklärung. Königsberger wie Immanuel Kant, war er dessen intellektueller Kontrahent in einer der wichtigsten Auseinandersetzungen der europäischen Geistesgeschichte: Hamann widersprach Kants Hypothese der reinen Vernunft mit der Pointe, dass Erkenntnis ohne Sprache, Gefühl und Glauben unmöglich sei. Zwei Jahrhunderte später hat António Damásio (University of Southern California) mit seiner Somatic Marker Hypothesis (Damásio 1994, Descartes‘ Error) empirisch gezeigt: Patient:innen mit Schädigungen in präfrontalen Hirnarealen, die für emotionale Verarbeitung zuständig sind, können rational einwandfrei argumentieren – aber sie können keine guten Entscheidungen treffen. Emotion ist nicht das Gegenteil von Vernunft. Sie ist eine ihrer Voraussetzungen. Lisa Feldman Barrett (Northeastern University) hat in How Emotions Are Made (2017) gezeigt: Emotionen sind keine vorgegebenen biologischen Reaktionen, sondern aktive Konstruktionen unseres Gehirns – und je differenzierter wir sie benennen können (emotion granularity), desto besser können wir mit ihnen umgehen. Marc Brackett (Yale Center for Emotional Intelligence) hat mit der RULER-Methode eine konkrete Praxis entwickelt, die diese Forschung in Schulen und Organisationen erfolgreich umsetzt. Hamanns Pointe, dass der Mensch mehr ist als Vernunft, ist heute weniger eine philosophische Position als eine empirische Tatsache.
„Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point.“ „Das Herz hat seine Gründe, die die Vernunft nicht kennt.“ — Blaise Pascal, Pensées (1670)
Im Berufsleben begegne ich immer wieder einer Annahme, die so verbreitet ist, dass sie unsichtbar geworden ist: Gute Entscheidungen seien rationale Entscheidungen. Emotionen seien Störfaktoren, die es zu kontrollieren oder im besten Fall zu „verstehen“ gilt – aber sie gehören nicht an den Tisch, an dem entschieden wird. Die Wissenschaft der letzten dreißig Jahre zeichnet ein anderes Bild. Sie zeigt: Emotionen sind nicht das, was wir in den Griff bekommen müssen. Sie sind das, womit wir entscheiden. Und das wusste Hamann schon, lange bevor es Hirnscanner gab.
Hamann und die Romantik der Vernunft
Johann Georg Hamann, genannt der Magus aus dem Norden, war eine Schlüsselfigur der Gegenaufklärung – nicht weil er die Aufklärung ablehnte, sondern weil er ihre Engführung kritisierte. Kant hatte mit der Kritik der reinen Vernunft (1781) den philosophischen Versuch unternommen, die Bedingungen der Erkenntnis vor allen Erfahrungen zu klären. Hamann hat dem entgegengehalten: Es gibt keine Vernunft vor der Sprache. Und Sprache ist nicht reine Logik – sie ist auch Klang, Bild, Affekt, Gemeinschaft.
In seinen Sokratischen Denkwürdigkeiten (1759) und der Aesthetica in nuce (1762) verteidigte Hamann das, was er den vollen Menschen nannte – ein Wesen, das fühlt, glaubt, sich erinnert, sprachlich verbunden ist. Vernunft ohne diesen Boden hielt er für eine Abstraktion. Goethe, der Hamann in Dichtung und Wahrheit (1812) ausführlich würdigt, schrieb: „Wir lasen ihn und schätzten ihn aus dem Grunde unsrer Seele“ – nicht weil sie immer alles verstanden, sondern weil sie spürten, dass hier etwas Wahres gegen die wissenschaftliche Selbstgenügsamkeit des 18. Jahrhunderts behauptet wurde.
Hamann ist schwer zu lesen, häufig in Aphorismen und Anspielungen. Aber seine Pointe ist robust: Der Mensch ist nicht ein Verstand, der zufällig auch fühlt. Er ist ein fühlendes Wesen, das auch denkt.
António Damásio: Wenn die Vernunft die Emotion verliert
António Damásio (USC, vorher University of Iowa) hat in den 1990er Jahren mit Patient:innen gearbeitet, die durch Tumore oder Verletzungen Schäden in spezifischen Hirnarealen davongetragen hatten – insbesondere im ventromedialen präfrontalen Cortex (vmPFC), einer Region, die emotionale Verarbeitung und Entscheidungsfindung verbindet. Die klassische Beobachtung: Diese Patient:innen sind in IQ-Tests, Sprache, logischem Schließen vollkommen unbeeinträchtigt. Aber sie treffen katastrophale Entscheidungen – verlieren Geld, beenden Ehen, scheitern beruflich. Sie können nicht entscheiden, oder sie entscheiden, ohne emotionalen Resonanzraum.
In Descartes‘ Error (1994) hat Damásio aus diesen Befunden die Somatic Marker Hypothesis entwickelt: Emotionale Reaktionen sind körperliche Markierungen von Erfahrungen, die das Gehirn bei späteren Entscheidungen heranzieht. Wer mit einer schlechten Erfahrung verknüpfte Optionen spürt – als unbestimmtes „nicht gut“ oder als kurze körperliche Anspannung –, kann schneller und besser entscheiden. Wer diesen Apparat nicht hat, verliert sich in endlosen rationalen Abwägungen.
Damásios Pointe für unseren Alltag: Rationale Entscheidungen sind keine emotionsfreien Entscheidungen. Sie sind Entscheidungen, in denen Emotion und Vernunft zusammenarbeiten. Wer im Beruf den emotionalen Resonanzraum übergeht („Bauchgefühl ist unwissenschaftlich“), übergeht ein zentrales kognitives Werkzeug.
Lisa Feldman Barrett: Emotionen sind konstruiert – und das ist eine gute Nachricht
Lisa Feldman Barrett (Northeastern University) hat in How Emotions Are Made (2017) eine paradigmatische Wende in der Emotionsforschung markiert. Ihre Theory of Constructed Emotion widerspricht der populären Annahme, dass es universelle, biologisch fest verdrahtete Grund-Emotionen gibt (so wie Paul Ekman sie postuliert hatte). Stattdessen: Emotionen werden vom Gehirn in jedem Moment konstruiert – aus Körpersignalen, Vorerfahrungen, Kontext und vor allem aus sprachlichen Kategorien, die wir gelernt haben.
Das hat eine wichtige Konsequenz: Wer ein differenzierteres emotionales Vokabular hat, hat differenziertere Emotionen. Barrett nennt das emotion granularity. In ihren Studien zeigte sich: Menschen mit hoher Granularität – die zwischen enttäuscht, verärgert, traurig, frustriert, verletzt sicher unterscheiden können – haben messbar weniger Stress, geringere Depressivität, höhere Resilienz. Wer alles in „mir geht’s schlecht“ zusammenfasst, hat weniger Handlungsoptionen.
Brené Brown hat mit Atlas of the Heart (2021) versucht, dieses Vokabular populärer zu machen – sie kategorisiert 87 menschliche Emotionen mit unterschiedlichen Schattierungen. Das mag manchen übertrieben vorkommen. Barretts Forschung zeigt: Es ist eher noch zu wenig.
Marc Brackett: RULER – emotionale Intelligenz als trainierbare Architektur
Marc Brackett (Yale Center for Emotional Intelligence) hat aus der Forschung von Peter Salovey und John Mayer (Salovey & Mayer 1990, Imagination, Cognition, and Personality) – den Pionieren des Begriffs Emotional Intelligence – eine konkrete pädagogische Methode entwickelt: RULER. Das Akronym steht für fünf Fähigkeiten, die in Studien an Schulen und Organisationen wiederkehrend mit besserem Wohlbefinden und besserer Leistung verbunden sind:
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Recognize – Emotionen in sich selbst und anderen erkennen
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Understand – die Ursachen und Konsequenzen verstehen
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Label – Emotionen präzise benennen (Barretts emotion granularity)
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Express – Emotionen kontextgerecht ausdrücken
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Regulate – Emotionen aktiv steuern, ohne sie zu unterdrücken
In Permission to Feel (2019) zeigt Brackett: Wer diese fünf Schritte als bewusste Praxis übt, baut über Wochen messbar bessere emotionale Kompetenz auf. Studien an Schulen, die RULER systematisch einsetzen, zeigen geringere Konflikte, höhere Lernleistung und besseren Schul-Klimaindex. Übertragen auf den Berufsalltag: Wer im Mitarbeitendengespräch RULER intern durchläuft, entscheidet anders – und führt anders.
Daniel Golemans Emotional Intelligence (1995) hat den Begriff populär gemacht. Die methodisch saubere Forschung ist jedoch nicht bei Goleman selbst, sondern bei Salovey, Mayer und ihren Schüler:innen zu finden. Susan Davids Emotional Agility (2016, vgl. Artikel zu Unzufriedenheit als Wegweiser) ergänzt RULER um eine wichtige Dimension: dass es nicht darum geht, Emotionen richtig zu fühlen, sondern beweglich mit ihnen umzugehen – sie zuzulassen, ohne sich in ihnen zu verlieren.
Praxis: Die RULER-Methode für eine Berufswoche (5 Tage, je 15 Minuten)
Statt einer Mikro-Übung diesmal eine fünftägige bewusste Anwendung der RULER-Methode auf jeweils eine konkrete Situation pro Tag. Jede Sitzung dauert 15 Minuten.
Vorbereitung: Wähle einen ruhigen Moment am Ende des Arbeitstages. Halte ein Notizbuch bereit.
Tag 1 – Recognize (Erkennen): Wähle eine konkrete Situation des Tages, in der Du eine starke Emotion hattest. Schreibe nicht den Namen der Emotion auf – sondern: Wo im Körper habe ich es gespürt? Welche Stimme im Kopf? Welche Reaktion war körperlich da? Damásios somatische Marker werden sichtbar, wenn wir vor der Sprache hinhören.
Tag 2 – Understand (Verstehen): Eine neue Situation. Diesmal frage Dich: Was hat die Emotion ausgelöst? Welcher Wert wurde berührt? Welche Erwartung wurde enttäuscht oder erfüllt? Hier geht es nicht darum, „Recht zu haben“ – sondern um die Geschichte hinter der Reaktion.
Tag 3 – Label (Benennen): Heute setze Dich besonders bewusst hin. Wähle eine Situation und gib der Emotion einen so präzisen Namen wie möglich. Nicht „genervt“ – sondern „enttäuscht, weil X“ oder „unter Druck, weil Y“. Versuche, drei oder vier alternative Bezeichnungen – welche passt am genauesten? Barretts emotion granularity konkret geübt.
Tag 4 – Express (Ausdrücken): Heute: Was wäre eine kontextgerechte Form, diese Emotion auszudrücken? Nicht jede Emotion gehört in jedes Gespräch. Aber auch nicht jede Emotion gehört unterdrückt. Frage: Wem würde es helfen, wenn ich diese Emotion benennen würde? Wem nicht? Und wie würde ich sie benennen, ohne die andere Person zu beschuldigen?
Tag 5 – Regulate (Steuern): Wähle eine Situation, in der Du heute schon weißt, dass eine schwierige Emotion auftauchen wird. Plane vorher: Welche konkrete kleine Handlung will ich tun, wenn die Emotion kommt? Ein tiefer Atemzug? Ein Glas Wasser? Eine kurze Pause? Eine bewusste Reformulierung im Kopf? Susan David nennt das „stepping aside“ – die Distanz zwischen Reiz und Reaktion bewusst gestalten.
Wochenend-Bilanz (10 Minuten): Schau auf die fünf Tage zurück. Welcher der fünf Schritte fiel Dir am schwersten? Welche Emotion ist diese Woche besonders oft aufgetaucht? Wo war Dein emotionales Vokabular präzise – wo grob?
Wer diese Praxis über vier bis acht Wochen wiederholt, beobachtet eine Veränderung: Die emotionale Granularität steigt. Damit auch die Kapazität, gut zu entscheiden – wissenschaftlich messbar.
📖 Wie sich diese Form emotionaler Kompetenz im Berufsalltag verankern lässt – in Mitarbeitendengesprächen, in Konfliktklärungen, in Führungssituationen –, ist eines der zentralen Themen meines Buches Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)
Hamann, Pascal, Damásio, Barrett, Brackett, Salovey & Mayer, Brown, David – aus 350 Jahren Reflexion und drei Jahrzehnten empirischer Forschung kommt eine konvergierende Pointe: Vernunft und Gefühl sind keine Gegner. Sie sind zwei Bewegungen desselben kognitiven Apparats. Wer eine der beiden ausschließt, halbiert sich. Hamann wusste das in einer Sprache, die uns heute fremd vorkommt. Die moderne Hirnforschung weiß es mit fMRT und Längsschnittstudien. Beide sagen dasselbe.
Mut tut gut – auch der Mut zum Fühlen, wo das Denken zu wissen glaubt.
Quellen
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Barrett, L. F. (2017): How Emotions Are Made. The Secret Life of the Brain. Houghton Mifflin Harcourt. — Dt.: Wie Gefühle entstehen. Eine neue Sicht auf unsere Emotionen (2017). Rowohlt.
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Brackett, M. A. (2019): Permission to Feel. Unlocking the Power of Emotions to Help Our Kids, Ourselves, and Our Society Thrive. Celadon Books.
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Brown, B. (2021): Atlas of the Heart. Mapping Meaningful Connection and the Language of Human Experience. Random House. — Dt.: Atlas of the Heart. Die Welt der Emotionen verstehen (2022). Goldmann.
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Damásio, A. R. (1994): Descartes‘ Error. Emotion, Reason, and the Human Brain. Putnam. — Dt.: Descartes‘ Irrtum. Fühlen, Denken und das menschliche Gehirn (1995). List.
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David, S. (2016): Emotional Agility. Avery. — Dt.: Emotionale Beweglichkeit (2017). Unimedica.
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Goethe, J. W. (1811–1833): Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Standardausgabe diverse.
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Goleman, D. (1995): Emotional Intelligence. Why It Can Matter More Than IQ. Bantam Books. — Dt.: Emotionale Intelligenz (1996). Hanser.
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Hamann, J. G. (1759): Sokratische Denkwürdigkeiten. Hartung.
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Hamann, J. G. (1762): Aesthetica in nuce.
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Pascal, B. (1670 posthum): Pensées. — Dt.: Gedanken (diverse Ausgaben). Reclam.
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Salovey, P. & Mayer, J. D. (1990): Emotional Intelligence. Imagination, Cognition, and Personality, 9(3), 185–211. DOI: 10.2190/DUGG-P24E-52WK-6CDG
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Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)
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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung.

