Last updated on 16/06/2026
„Quod licet Iovi, non licet bovi“ – was dem Jupiter erlaubt ist, ist dem Ochsen nicht erlaubt. Diese lateinische Maxime ist im mittelalterlichen Latein dokumentiert; eine klare Erstquelle ist nicht verifiziert. Mein Vater, der am 29. Februar 2024 verstorben ist, verwendete sie oft – meist mit selbstironischem Augenzwinkern, wenn er sich selbst eine Ausnahme erlaubte, die uns Kindern nicht zustand. Das Sprichwort beschreibt eine soziale Realität, die Stoiker und Buddhisten seit zwei Jahrtausenden kritisieren: Menschen, die sich für Götter halten, behandeln andere wie Vieh. Die moderne Forschung hat diese alte Beobachtung präziser gefasst. Dacher Keltner hat in zwanzig Jahren Macht-Forschung das Power Paradox dokumentiert: Macht macht Menschen langfristig weniger empathisch, weniger perspektivenfähig, weniger sensibel für die Wirkung des eigenen Handelns. Paul Piff hat in einer Serie von Experimenten gezeigt, dass schon kleine Status-Signale prosoziales Verhalten signifikant reduzieren. June Tangney hat Humility als psychologisches Konstrukt operationalisiert und gezeigt, dass sie mit Resilienz, Beziehungsqualität und Lernfähigkeit korreliert. Was die Forschung gemeinsam zeigt: Die Linie zwischen Iovi und bovi ist durchlässig – und entscheidet sich oft nicht an dem, was wir tun, sondern an dem, was wir an anderen sehen können.
Wo die Maxime herkommt
„Quod licet Iovi, non licet bovi“ ist im mittelalterlichen Latein gut belegt; manche Quellen schreiben sie ohne klare Belege Terenz zu (2. Jh. v. Chr.). Sie ist Teil jener humanistischen Sprichwort-Sammlungen, die im 16. und 17. Jahrhundert in europäischen Lateinschulen verbreitet wurden. Das Wortpaar Iovi (Dativ von Iuppiter, Jupiter) und bovi (Dativ von bos, Rind, Ochse) ist klanglich gewählt – die Reim-Endung macht die Maxime einprägsam, fast singbar.
Inhaltlich ist sie zwiespältig. Auf der einen Seite scheint sie hierarchische Privilegien zu rechtfertigen: Götter dürfen, was Vieh nicht darf. Auf der anderen Seite wird sie in der Lateinschul-Tradition meist ironisch verwendet – als sarkastischer Kommentar über die, die sich selbst zu Iovi machen. Im Berufsalltag funktioniert die Maxime fast immer in der ironischen Lesart: Wer sie zitiert, kritisiert eine Doppelmoral.
Was Dacher Keltner zum Power Paradox zeigte
Dacher Keltner, Sozialpsychologe an der University of California, Berkeley, hat in seinem Buch The Power Paradox (2016) zwei Jahrzehnte Forschung zusammengefasst, die ein zentrales Muster zeigen: Menschen erreichen Macht meist durch jene Eigenschaften, die anderen nützen – Empathie, Aufmerksamkeit, soziale Intelligenz, Großzügigkeit. Sobald sie Macht haben, verlieren sie diese Eigenschaften überproportional häufig. Das ist das Paradox.
Die empirischen Befunde sind robust. Personen in Machtpositionen:
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nehmen die Perspektive anderer seltener ein (Galinsky, Magee, Inesi & Gruenfeld 2006, Psychological Science)
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unterbrechen Mitarbeitende häufiger
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erinnern sich schlechter an Details über Untergebene
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unterschätzen den Stress, den ihre Entscheidungen bei anderen auslösen
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werden impulsiver und risikofreudiger
Die berühmten „Cookie Monster“-Experimente illustrieren das: In Gruppen von vier Personen, in denen eine zufällig zur Anführerin ernannt wird, isst die Anführerin häufiger zwei Kekse aus einer kleinen Schale, spricht mit vollem Mund und nimmt sich die größeren Stücke. Macht verändert das Verhalten innerhalb von Minuten.
Was Paul Piff zur Status-Wirkung zeigte
Paul Piff hat an der UC Irvine in einer Reihe eleganter Experimente gezeigt, wie schon kurzfristige Status-Signale prosoziales Verhalten reduzieren. Die berühmteste Studie ist das manipulierte Monopoly-Spiel (Piff 2012, PNAS): Zwei Spieler:innen, einer per Münzwurf bevorteilt (doppeltes Anfangsgeld, zwei Würfel statt einem, höhere Anfangsbeträge bei „Über Los“). Nach fünfzehn Minuten – wo der Vorteil das Spiel klar zu Gunsten des bevorzugten Spielers gewendet hatte – wurden beide befragt, wem sie ihren Erfolg zuschrieben. Die Antwort der Bevorzugten: ihren strategischen Fähigkeiten. Den Münzwurf hatten sie offenbar vergessen.
In Piffs Auto-Studien wurden Fahrer:innen teurer Luxusfahrzeuge dabei beobachtet, signifikant häufiger Vorfahrtsrechte zu missachten und Fußgänger:innen am Zebrastreifen nicht passieren zu lassen, als Fahrer:innen einfacher Wagen. Status-Signale wirken nicht nur auf das Selbstbild – sie verändern beobachtbares Verhalten.
Sukhvinder Obhi und die neurale Spur der Macht
Sukhvinder Obhi (McMaster University) hat 2014 im Journal of Experimental Psychology: General mit Jeremy Hogeveen und Alvaro Pascual-Leone gezeigt, dass schon kurze Machtinduktion (das Schreiben einer Erinnerung an eine Situation, in der man Macht hatte) die Aktivität des Spiegelneuronensystems messbar reduziert. Konkret: Die mu-suppression – ein EEG-Maß für Spiegelneuronen-Aktivität bei der Beobachtung anderer – sank deutlich bei den machtinduzierten Versuchspersonen. Empathie hat eine neurale Grundlage; Macht beeinträchtigt sie.
Was June Tangney und Pelin Kesebir zur Demut zeigten
June Tangney hat 2000 im Journal of Social and Clinical Psychology eine grundlegende Arbeit zur Demut als psychologisches Konstrukt vorgelegt. Sie distanziert Demut von Selbstabwertung und definiert sie als:
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akkurate Selbsteinschätzung – auch der eigenen Begrenzungen
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Offenheit für neue Ideen und widersprüchliche Informationen
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niedrige Selbst-Fokussierung (weniger Selbstbespiegelung)
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Wertschätzung anderer und ihrer Beiträge
Daryl Van Tongeren et al. (2019, Current Directions in Psychological Science) fassen die Folgebefunde zusammen: Demut korreliert mit besserer Beziehungsqualität, höherer Lernfähigkeit, weniger Konflikt, größerer Hilfsbereitschaft – auch unter Stress.
Pelin Kesebir hat 2014 mit einem schönen Befund ergänzt: „A quiet ego quiets death anxiety“. In sechs Experimenten zeigte sich, dass Menschen mit höherer Demut weniger defensiv auf Todeserinnerungen reagieren. Demut wirkt als existenzieller Puffer – sie macht die Endlichkeit weniger bedrohlich, weil sie das Ich weniger zentral macht.
Diese Pointe verbindet sich auf bemerkenswerte Weise mit der lateinischen Maxime: Wer sich für Iovi hält, hat besonders viel zu verlieren. Wer sich als endlicher Mensch unter anderen endlichen Menschen versteht, kann den Verlust dessen, was er nicht endgültig besessen hat, gelassener annehmen.
Praxis: drei Bewegungen für Augenhöhe
In meinen Erfahrungen arbeite ich mit drei Mikro-Übungen für Führungskräfte und Berater:innen, die das Power-Paradox kennen und in ihrer Wirkung begrenzen möchten:
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Die Keltner-Frage: Was würde mich heute überraschen, wenn ich darum bäte? Eine wöchentliche Übung: jemanden im Team einladen, mir etwas zu sagen, das ich noch nicht weiß oder noch nicht so gesehen habe. Diese Frage verschiebt die Beziehung von „Ich weiß und entscheide“ zu „Ich lerne mit“.
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Die Piff-Bewegung: Wessen Vorfahrt habe ich heute übergangen? Eine ehrliche Abend-Reflexion. Wem habe ich nicht zugehört, weil ich es eilig hatte? Wem habe ich nicht den Vortritt gelassen, weil ich mich für wichtiger hielt? Diese Frage erinnert mich daran, dass Iovi-Verhalten oft unauffällig ist.
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Die Tangney-Frage: Welche meiner Begrenzungen habe ich heute akzeptiert? Nicht alle. Eine. Diese Frage ist die Mikro-Form der Demut – nicht Selbstabwertung, sondern realistische Selbsteinschätzung.
Diese Bewegungen verbinden sich mit anderen Praktiken aus der Serie. Sie ergänzen die Brüderlichkeits-Bewegung, die ich mit Martin Luther King und Tania Singer beschrieben habe – Demut ist die Grundhaltung, die Mitgefühl überhaupt möglich macht. Sie greifen die Wertschätzungs-Bewegung, die ich mit Adorno und Amy Edmondson skizziert habe – Wertschätzung ohne Demut wäre Herablassung. Und sie ergänzen die Locus-of-Control-Bewegung – das nüchterne Wissen darum, was ich kontrolliere und was nicht, gehört zur Demut.
Wer mit Augenhöhe im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) sind das echte Zuhören, das Anerkennen anderer Sichtweisen und die wertschätzende Konfrontation als Grundpraktiken jeder hierarchieübergreifenden Kommunikation ausführlich beschrieben.
Die alte Maxime Quod licet Iovi, non licet bovi beschreibt eine soziale Realität, die nie aufhört – sie wird nur neu verteilt. Wer heute Iovi ist, ist morgen vielleicht bovi. Wer das Wechselspiel mit dem leisen Augenzwinkern beobachtet, das mein Vater dafür hatte, behält die innere Klarheit, dass Status eine vorübergehende Rolle ist. Diese Klarheit lässt sich nicht verordnen; sie wird übergeben, von Generation zu Generation, in solchen kleinen Sätzen am Frühstückstisch.
Quellen
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Crocker, J., & Park, L. E. (2004). The costly pursuit of self-esteem. Psychological Bulletin, 130(3), 392–414. https://doi.org/10.1037/0033-2909.130.3.392
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Fiske, S. T. (1993). Controlling other people: The impact of power on stereotyping. American Psychologist, 48(6), 621–628. https://doi.org/10.1037/0003-066X.48.6.621
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Galinsky, A. D., Magee, J. C., Inesi, M. E., & Gruenfeld, D. H. (2006). Power and perspectives not taken. Psychological Science, 17(12), 1068–1074. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2006.01824.x
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Keltner, D. (2016). The Power Paradox: How We Gain and Lose Influence. Penguin. (Deutsch: Das Macht-Paradox, Campus 2016)
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Kesebir, P. (2014). A quiet ego quiets death anxiety: Humility as an existential anxiety buffer. Journal of Personality and Social Psychology, 106(4), 610–623. https://doi.org/10.1037/a0035814
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Obhi, S. S., Hogeveen, J., & Pascual-Leone, A. (2014). Power changes how the brain responds to others. Journal of Experimental Psychology: General, 143(2), 755–762. https://doi.org/10.1037/a0033477
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Piff, P. K., Stancato, D. M., Côté, S., Mendoza-Denton, R., & Keltner, D. (2012). Higher social class predicts increased unethical behavior. Proceedings of the National Academy of Sciences, 109(11), 4086–4091. https://doi.org/10.1073/pnas.1118373109
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Tangney, J. P. (2000). Humility: Theoretical perspectives, empirical findings and directions for future research. Journal of Social and Clinical Psychology, 19(1), 70–82. https://doi.org/10.1521/jscp.2000.19.1.70
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Van Tongeren, D. R., Davis, D. E., Hook, J. N., & Witvliet, C. V. O. (2019). Humility. Current Directions in Psychological Science, 28(5), 463–468. https://doi.org/10.1177/0963721419850153
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Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98
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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung

