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Female Finance – warum Frauen in der Finanzberatung systematisch benachteiligt werden

Last updated on 16/06/2026

Frauen werden in der Finanzberatung messbar schlechter beraten als Männer. Die ZEW-Mannheim-Studie Gender Differences in Financial Advice unter Leitung von Tabea Bucher-Koenen dokumentiert: Männer bekommen häufiger Rabatte, Frauen häufiger überteuerte Fonds. Gleichzeitig ist die Branche selbst eine ausgeprägte Männerdomäne mit dem höchsten Gender Pay Gap aller deutschen Wirtschaftszweige – 26 Prozent unbereinigt, gegenüber 16 Prozent im bundesweiten Durchschnitt (Statistisches Bundesamt 2025). Beides hängt zusammen – und beides hat konkrete Folgen für die persönliche Vorsorge.

Der Finanz- und Versicherungsmarkt ist ein eigenes Feld. Wer ihn durchdringen will, braucht echte Expertise. Viele Menschen suchen daher externe Beratung – ehrlich, individuell, ausgerichtet auf die eigenen Lebensziele.

Die Realität sieht oft anders aus. Es gibt in dieser Branche Berater:innen, denen die Abschlussprovision näher liegt als die langfristige Begleitung ihrer Kund:innen. Was dabei selten benannt wird: Die Finanzbranche ist nach wie vor eine Männerdomäne – mit messbaren Folgen für die Beratungsqualität.

Die Asymmetrie der Beratung – was die Forschung zeigt

Die ZEW-Studie unter Leitung von Tabea Bucher-Koenen, Andreas Hackethal, Johannes Koenen und Christine Laudenbach hat in mehreren Erhebungswellen Beratungs-Daten ausgewertet und Mystery-Shopping-Designs eingesetzt. Drei zentrale Befunde:

  • Männer erhalten in vergleichbaren Beratungs-Settings häufiger Rabatte auf Gebühren.

  • Frauen werden mit höherer Wahrscheinlichkeit zu teureren oder weniger geeigneten Fonds geraten.

  • Die Differenz lässt sich nicht durch Risikoneigung, Vorwissen oder Verhandlungsstil erklären – sie bleibt auch nach Kontrolle dieser Variablen bestehen.

Diese Befunde reihen sich in eine breitere Forschungslinie ein. Tabea Bucher-Koenen, Rob J. M. Alessie, Annamaria Lusardi und Maarten van Rooij haben 2021 (NBER Working Paper 28723) gezeigt: Frauen unterschätzen ihre eigene Finanz-Kompetenz systematisch, geben aber bei höherer Selbstvertrauens-Disposition korrekt Auskunft – die Wissens-Lücke ist deutlich kleiner als die Vertrauens-Lücke. Sie nennen das Phänomen Fearless Woman: Frauen mit Selbstvertrauen schließen den Gender Gap in der Finanz-Bildung weitgehend.

Annamaria Lusardi und Olivia S. Mitchell haben in ihrer Übersichtsarbeit für das Journal of Economic Literature (2014) den fundamentalen Zusammenhang dokumentiert: Wer finanziell besser informiert ist, plant besser, spart mehr und macht im Alter weniger schmerzhafte Erfahrungen. Die Gender-Gaps bei Finanz-Bildung sind eines der konsistentesten Muster der internationalen Forschung – und sie sind durch bessere Beratung adressierbar.

Die strukturelle Schieflage der Branche

Wer beraten wird, wird selten neutral beraten. Wer berät und wer beraten wird, formt das Ergebnis mit.

  • Der unbereinigte Gender Pay Gap in der Finanz- und Versicherungsbranche liegt bei 26 Prozent – fast doppelt so hoch wie der bundesweite Durchschnitt (16 Prozent). Kein anderer Wirtschaftszweig in Deutschland weist eine so hohe Lohnlücke auf (Statistisches Bundesamt 2025).

  • Im deutschsprachigen Finanzsektor sind im Durchschnitt nur 26 Prozent der Mitarbeitenden in Führungspositionen weiblich – auf Ebene der Geschäftsleitung oder des Aufsichtsrates jeweils nur noch 13 Prozent (KPMG / Fondsfrauen / Universität Mannheim).

  • Elke Holst (DIW Berlin) bringt es in ihren Wochenberichten zu Frauen in Spitzengremien auf den Punkt: Mehr als die Hälfte der Beschäftigten im Finanzsektor sind Frauen, die meisten davon gut ausgebildet – die geringen Frauenanteile in Vorständen und Aufsichtsräten sind vor diesem Hintergrund besonders frappierend.

Diese strukturelle Schieflage ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit. Sie hat – das zeigen die Beratungs-Daten – konkrete Folgen für die Qualität der Empfehlungen, die Frauen bekommen.

Was bessere Beratung ausmacht – ein Erfahrungsbericht

Eine Studie des Sparkassen Innovation Hub zur Female Finance zeigt einen scheinbaren Widerspruch: 37 Prozent der Frauen investieren mit Hilfe einer Beratung (gegenüber 25 Prozent der Männer); 60 Prozent fühlen sich durch professionelle Beratung sicherer. Frauen schätzen Beratung also überdurchschnittlich – und werden ausgerechnet von der Branche, die sie suchen, am schlechtesten bedient.

Aus eigener Erfahrung kenne ich beide Seiten. In den vergangenen Jahren habe ich mehrfach männliche Finanz- und Versicherungsberater konsultiert. Ihre Empfehlungen habe ich umgesetzt – und im Rückblick feststellen müssen, dass nicht meine langfristige Absicherung im Vordergrund stand, sondern der schnelle Vertragsabschluss. Nach der Unterschrift verlor sich das Interesse.

Die Zusammenarbeit mit einer Beraterin verlief grundlegend anders: erst verstehen, dann vorschlagen. Fragen wurden auch nach Vertragsabschluss geduldig beantwortet. Bestehende Verträge wurden regelmäßig hinterfragt. Lösungen wurden mit mir entwickelt – nicht für mich verkauft. Diese Reihenfolge – erst hören, dann sprechen – ist genau das, was die Listening-Forschung als hochwertige Beratung beschreibt; ich habe sie im Artikel zu „Zuhören und Stille“ entwickelt.

Das deckt sich mit der Forschung: Beraterinnen sind häufig näher an der Lebenswelt ihrer Kundinnen dran, kennen das Bedürfnis nach Verstehen aus erster Hand und nehmen sich öfter Zeit für Erklärungen. Es ist keine biologische Frage – es ist eine Frage der geteilten Erfahrung und der Beratungs-Kultur.

Die größere Frage liegt darunter und verbindet sich mit zwei Themen, die ich in dieser Serie ausführlicher entwickelt habe:

  • Der Confidence Gap (Artikel 22) zeigt: Frauen unterschätzen ihre Kompetenz systematisch – auch in Finanzfragen. Wer wenig Vertrauen in die eigene Urteilskraft hat, lässt sich leichter zu Produkten überreden, die nicht passen.

  • Der kontingente Selbstwert, über den ich in dieser Serie geschrieben habe: Wer den eigenen Wert von äußerer Bestätigung abhängig macht, ist auch in der Beratungs-Situation verletzlicher. Eine gute Beraterin baut nicht auf dieser Verletzlichkeit auf – sie räumt sie sukzessive ab.

Wer hat Sie eigentlich zuletzt finanziell beraten – und unter welcher Annahme über Ihre Lebenswirklichkeit ist diese Beratung erfolgt?

Wie sich gendersensible Gesprächsführung – nicht nur in der Finanzberatung, sondern in jedem beruflichen Dialog – konkret gestalten lässt, ist ein wiederkehrendes Thema in Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98

Quellen

  • Bucher-Koenen, T., Hackethal, A., Koenen, J. & Laudenbach, C. (2021/2023): Gender Differences in Financial Advice. ZEW Discussion Paper, Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung Mannheim.

  • Bucher-Koenen, T., Alessie, R. J. M., Lusardi, A. & van Rooij, M. (2021): Fearless Woman: Financial Literacy and Stock Market Participation. NBER Working Paper No. 28723. DOI: 10.3386/w28723

  • Lusardi, A. & Mitchell, O. S. (2014): The Economic Importance of Financial Literacy: Theory and Evidence. Journal of Economic Literature, 52(1), 5–44. DOI: 10.1257/jel.52.1.5

  • Statistisches Bundesamt (Destatis) (2025): Gender Pay Gap 2024. Pressemitteilung Nr. 056/2025. destatis.de

  • Holst, E. et al. (laufend, DIW Berlin): Wochenberichte zu Frauen in Spitzengremien von Banken und Versicherungen. diw.de

  • KPMG / Fondsfrauen e. V. / Universität Mannheim: Studie zur Diversität in der Finanzbranche. private-banking-magazin.de

  • Kay, K. & Shipman, C. (2014): The Confidence Code: The Science and Art of Self-Assurance. HarperBusiness.

  • Sparkassen Innovation Hub (S-Hub): „Female Finance“-Studie. geldinstitute.de

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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung

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