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Liebe, die frei lässt – Cindy Hazan, Avi Assor und die Wissenschaft der Bindung ohne Bedingung

Last updated on 15/06/2026

Bindungsforschung zeigt, dass etwa jeder fünfte Erwachsene Nähe ängstlich-klammernd erlebt, weil frühe Bindungserfahrungen ihre Spur in jeder späteren Beziehung hinterlassen. Cindy Hazan und Phillip Shaver fanden in einer Befragung mit über 1.200 Antworten dieselbe Verteilung sicherer, ängstlicher und vermeidender Bindung bei Erwachsenen wie bei Kleinkindern. Avi Assor und Edward Deci zeigten zugleich, dass Zuneigung, die an Bedingungen geknüpft wird, zwar Fügsamkeit erzeugt, aber inneren Zwang, Groll und ein brüchiges Selbstwertgefühl hinterlässt. Wer andere halten will, ohne sie zu fesseln, braucht zuerst einen sicheren Stand in sich selbst – Liebe trägt nur, wenn sie nicht erpresst.

„Ich halte das für die höchste Aufgabe einer Verbindung zweier Menschen: dass einer dem andern seine Einsamkeit bewache.“

— Rainer Maria Rilke, Briefe an einen jungen Dichter (1904)

Rilke schreibt hier nicht von Verschmelzung, sondern vom Gegenteil: Liebe als die Kunst, dem anderen seinen eigenen Raum zu lassen – und ihn sogar zu schützen. Das klingt zunächst unromantisch. Aus Erfahrung ist es aber genau die Linie, an der sich Verbindung und Vereinnahmung scheiden. In meinem Feld begegnet einem das in vielen Formen: die Fürsorge, die unmerklich zur Kontrolle wird; die Großzügigkeit, an der eine unausgesprochene Rechnung hängt; das „Ich tue das doch alles für dich“, das in Wahrheit bindet. Wo Zuwendung anfängt, eine Gegenleistung einzufordern, kippt sie – und das lässt sich heute erstaunlich genau beschreiben.

Bindung beginnt früh – und wiederholt sich

Die Psychologin Mary Ainsworth hat in den 1970er-Jahren mit der „Fremden Situation“ gezeigt, dass Kleinkinder ihre Bezugsperson als „sichere Basis“ nutzen: Wer sich auf verlässliche Nähe verlassen kann, erkundet die Welt mutiger und kehrt bei Stress zuversichtlich dorthin zurück. Aus diesem beobachtbaren Verhalten leiteten sich drei Bindungsmuster ab – sicher, vermeidend und ängstlich-ambivalent.

Cindy Hazan und Phillip Shaver übertrugen dieses Modell 1987 auf erwachsene Liebesbeziehungen. Ihre damals neue These: Romantische Liebe ist selbst ein Bindungsprozess. In ihren Befragungen verteilten sich die drei Muster bei Erwachsenen ähnlich wie bei Kindern – rund 56 Prozent sicher, etwa ein Viertel vermeidend, knapp ein Fünftel ängstlich. Sicher gebundene Menschen erleben Nähe als selbstverständlich und Trennung als aushaltbar. Ängstlich gebundene fürchten, nicht genug geliebt zu werden, und klammern. Vermeidende halten Distanz, um gar nicht erst abhängig zu werden. Diese „inneren Arbeitsmodelle“ sind keine Charakterurteile, sondern erlernte Erwartungen – und erlernt heißt: veränderbar.

Wenn Liebe Bedingungen stellt

Hier setzt eine zweite Forschungslinie an. Avi Assor, Guy Roth und Edward Deci haben untersucht, was geschieht, wenn Zuneigung an Wohlverhalten gekoppelt wird – sie nennen das „conditional regard“, bedingte Wertschätzung. Das Ergebnis ihrer Studie über drei Generationen hinweg ist ernüchternd: Kinder, deren Eltern Liebe je nach Leistung gewährten oder entzogen, taten zwar häufiger, was erwartet wurde. Doch sie taten es aus innerem Zwang, nicht aus Überzeugung – und sie trugen Groll gegen die Eltern und ein geringeres Wohlbefinden davon. Eine Folgeuntersuchung zeigte, dass selbst bedingte positive Zuwendung – also Extra-Wärme als Belohnung – diesen Preis fordert. Was wirklich trägt, ist das Gegenteil: Autonomie-Unterstützung, die den anderen sein lässt, statt ihn zu steuern.

Damit lässt sich präzise benennen, was im ursprünglichen Gedanken steckte: Was häufig mit Liebe verwechselt wird, ist Bindung unter Bedingung. Sie funktioniert über Erwartung, Druck und das stille Drohen mit Entzug – und erzeugt genau die Eifersucht und das Kontrollverhalten, die sie eigentlich abwenden möchte.

Der sichere Stand in sich selbst

Heißt das, man müsse sich erst vollständig selbst lieben, ehe man andere lieben könne? So einfach ist es nicht – die verbreitete Formel vom „leeren Krug, aus dem man nicht ausschenken kann“ greift zu kurz. Bindung entsteht im Wechselspiel, nicht im Alleingang. Aber die Forschung stützt einen schlankeren, belastbaren Kern: Wer den eigenen Wert nicht aus der Reaktion des anderen bezieht, kann Nähe anbieten, ohne sie zu erzwingen. Und Sicherheit darf erworben sein – auch wer ängstlich startet, kann über verlässliche Beziehungen und einen freundlicheren Umgang mit sich selbst (Kristin Neffs Forschung zum Selbstmitgefühl deutet in diese Richtung) zu einer „erarbeiteten Sicherheit“ finden.

Das ist die eigentliche Pointe Rilkes – und sie ist heute messbar: Die reifste Form der Verbindung ist nicht das Festhalten, sondern das Bewachen des Raums, in dem der andere frei bleibt.

Ein Brief, den Du nicht abschickst

Nimm Dir einen Menschen vor, der Dir nahesteht – Partnerin oder Partner, Kind, Freundin, Kollege. Schreib einen kurzen Brief, den Du nie abschickst, in drei Bewegungen:

1.     Benenne, was Du an diesem Menschen schätzt – ohne jedes „wenn“ und „damit“. Reine Wertschätzung, an keine Gegenleistung geknüpft.

2.     Spür dann ehrlich den Bedingungen nach, die sich leise eingeschlichen haben: „Ich bin gern für dich da, solange …“, „Ich freue mich über dich, wenn …“. Schreib sie auf, ohne Dich zu verurteilen – sie zu sehen ist der ganze Schritt.

3.     Formuliere zuletzt einen Satz, der nichts fordert: Was wünschst Du diesem Menschen, ganz unabhängig davon, was er für Dich tut?

Du wirst merken, wie unterschiedlich sich die drei Teile anfühlen. Genau in diesem Unterschied liegt die Grenze zwischen Halten und Festhalten.

Stell Dir vor, der Mensch, den Du am meisten liebst, würde einer dritten Person beschreiben, wie es sich anfühlt, von Dir geliebt zu werden. Fiele dabei eher das Wort „frei“ – oder das Wort „verpflichtet“?

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Quellen

•      Ainsworth, M. D. S., Blehar, M. C., Waters, E., & Wall, S. (1978): Patterns of Attachment: A Psychological Study of the Strange Situation. Lawrence Erlbaum.

•      Hazan, C., & Shaver, P. (1987): Romantic love conceptualized as an attachment process. Journal of Personality and Social Psychology, 52(3), 511–524. DOI: 10.1037/0022-3514.52.3.511

•      Assor, A., Roth, G., & Deci, E. L. (2004): The emotional costs of parents’ conditional regard: A self-determination theory analysis. Journal of Personality, 72(1), 47–88. DOI: 10.1111/j.0022-3506.2004.00256.x

•      Roth, G., Assor, A., Niemiec, C. P., Ryan, R. M., & Deci, E. L. (2009): The emotional and academic consequences of parental conditional regard. Developmental Psychology, 45(4), 1119–1142. DOI: 10.1037/a0015272

•      Neff, K. D. (2003): Self-compassion: An alternative conceptualization of a healthy attitude toward oneself. Self and Identity, 2(2), 85–101. DOI: 10.1080/15298860309032

•      Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler.

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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 3: Begegnung & Dialog

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