Last updated on 15/06/2026
Orson Welles‘ Aphorismus ist scharf formuliert, aber er beschreibt ein präzise erforschtes Phänomen: Wer mit leerem Kopf redet, verletzt nicht nur die gesellschaftliche Etikette – er verletzt grundlegende Bedingungen kooperativer Kommunikation. Paul Grice (Oxford / UC Berkeley) hat 1975 in Logic and Conversation das Cooperative Principle formuliert: jede gelingende Kommunikation beruht auf vier Maximen – Quantität (so viel wie nötig, nicht mehr), Qualität (nur sagen, was begründet ist), Relation (relevant sein), Modalität (klar und geordnet). Harry Frankfurt (Princeton) hat 2005 mit On Bullshit die philosophische Analyse einer kommunikativen Praxis vorgelegt, die gegen alle vier Maximen gleichzeitig verstößt: Bullshit ist nicht Lüge – die Lüge respektiert die Wahrheit, indem sie sie zu vermeiden versucht. Bullshit ist die Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Das macht ihn gefährlicher als die Lüge. Welles‘ Hinweis ist deshalb nicht nur stilistisch elegant. Er ist eine sprachpragmatische Diagnose – und in einer Zeit, in der jede:r zum Sender geworden ist, eine wachsende Notwendigkeit, die wir oft unterschätzen.
„Viele Menschen sind zu gut erzogen, um mit vollem Mund zu sprechen – aber sie haben keine Skrupel, dies mit leerem Kopf zu tun.“ — Orson Welles, sinngemäß zugeschrieben
Im Berufsalltag treffe ich diese Form der Kommunikation häufiger als mir lieb ist – in Meetings, in Mails, in Vorträgen. Worte werden gesprochen, weil Schweigen unangenehm wäre, weil jemand etwas erwartet, weil das Sprechen selbst zur Performance geworden ist. Was dabei verloren geht, ist die Substanz – jenes schwer zu fassende Etwas, das einen Beitrag tragen lässt, statt ihn nur Raum füllen zu lassen. Die Pragma-Linguistik hat in den letzten fünfzig Jahren erstaunlich präzise Werkzeuge entwickelt, um diesen Unterschied zu beschreiben.
Welles und der Mythos der Massenpanik
Bevor wir zu Grice kommen, eine historische Korrektur. Orson Welles‘ Radio-Inszenierung von War of the Worlds am 30. Oktober 1938 wird seit Jahrzehnten als Beispiel für die manipulative Macht der Massenmedien zitiert: eine ganze Nation in Panik, Menschen fliehen aus ihren Häusern, Telefonzentralen sind überlastet. Diese Erzählung ist – wie Jefferson Pooley und Michael J. Socolow (2013) in Slate und später A. Brad Schwartz in Broadcast Hysteria (2015) detailliert belegt haben – weitgehend ein Mythos.
Die Zuhörerzahl war an dem Abend gering (CBS hatte einen Marktanteil von etwa 2%). Die Berichte über Massenpanik kamen fast ausschließlich aus Zeitungen – einer Industrie, die das aufstrebende Radio als Konkurrenten betrachtete und ihm jede Gelegenheit nahm, Schaden zuzufügen. Schwartz‘ Buchtitel bringt es auf den Punkt: „Orson Welles’s War of the Worlds and the Art of Fake News“. Welles‘ Sendung war nicht weniger geschickt als ihr Ruf – aber ihre angebliche Wirkung wurde nachträglich zur Geschichte aufgeblasen, die mehr über Mediengeschichte als über Massenpsychologie sagt.
Was bleibt, ist Welles‘ tatsächliche Leistung: das Bewusstsein, dass Format Wirkung hat. Er hatte sein Drama als Breaking-News-Bulletin verkleidet – ein Format, das andere Glaubwürdigkeitsregeln aktiviert als Drama. Wer die Sendung von Anfang an hörte, wusste, dass es Fiktion war. Wer sich später einschaltete, traf auf die Form, ohne den Rahmen zu kennen.
Paul Grice: Das Cooperative Principle und die vier Maximen
Paul Grice (1913–1988, zuletzt UC Berkeley) hat 1975 in seinem berühmten Aufsatz Logic and Conversation eine erstaunliche Beobachtung formuliert: Gelingende Kommunikation funktioniert nicht, weil wir alles wörtlich verstehen. Sie funktioniert, weil wir – auf beiden Seiten – ein Cooperative Principle unterstellen: dass die andere Person etwas Sinnvolles sagen will, das zum Kontext passt. Aus diesem Prinzip leitet Grice vier Maximen ab:
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Maxime der Quantität: Sage so viel wie nötig, nicht mehr und nicht weniger. Wer zu viel sagt, ertränkt die Botschaft. Wer zu wenig sagt, lässt die Aufgabe der Sinnstiftung beim Gegenüber.
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Maxime der Qualität: Sage nichts, was Du für falsch hältst; sage nichts, wofür Du keine angemessene Evidenz hast. Diese Maxime unterscheidet ehrliches Sprechen von Behauptung ohne Grundlage.
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Maxime der Relation: Sei relevant. Was Du sagst, soll zum Gesprächskontext passen, nicht zu Deinem eigenen Themenvorrat.
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Maxime der Modalität: Sei klar. Vermeide Mehrdeutigkeit. Sei geordnet. Sei kurz.
Grices Pointe: Wer eine Maxime bewusst verletzt, signalisiert dem Gegenüber meist etwas (das ist die Mechanik der konversationellen Implikatur – Ironie, Andeutung, Höflichkeitsformel). Wer eine Maxime unbewusst verletzt, verbreitet Verwirrung oder, wie Welles es nennt, redet mit leerem Kopf.
Robin Lakoff (UC Berkeley) und Penelope Brown (Max-Planck-Institut Nijmegen, mit Stephen Levinson) haben das Grice’sche Modell um die Politeness Theory (Brown & Levinson 1987) erweitert: Höflichkeit ist systematische Maximen-Verletzung zur Schonung des Gegenübers. „Wenn Du Zeit hast, könnten wir vielleicht…“ verletzt die Quantitätsmaxime aus gutem Grund – Direktheit wäre zu invasiv. Substanz und Höflichkeit sind also keine Gegensätze; sie balancieren sich.
Harry Frankfurt: Die philosophische Anatomie des Bullshits
Harry Frankfurt (Princeton University) hat 1986 in einem akademischen Aufsatz und 2005 als populäres Buch (On Bullshit) eine Frage gestellt, die jeder kennt, aber kaum jemand systematisch behandelt hat: Was genau ist Bullshit – und wie unterscheidet er sich von der Lüge?
Frankfurts Analyse ist pointiert: Der Lügner weiß, was die Wahrheit ist, und stellt seine Aussage gegen sie. Er respektiert die Wahrheit insofern, als er sie kennt und vermeidet. Der Bullshitter dagegen kümmert sich überhaupt nicht um die Wahrheit. Er sagt, was die Situation verlangt, was effekt-träge ist, was ihm einen Vorteil bringt – ohne sich Gedanken zu machen, ob es stimmt. „The bullshitter’s eye is not on the facts at all, except insofar as they may be pertinent to his interest in getting away with what he says.“
Das macht Bullshit nicht harmloser als Lüge – es macht ihn gefährlicher. Wer lügt, kann widerlegt werden. Wer bullshittet, lässt sich nicht widerlegen, weil er keine Position bezieht.
In Welles‘ Aphorismus klingt diese Diagnose mit: „with their heads empty“ ist nicht moralisch leicht – es ist die Frankfurt’sche Bullshit-Praxis, gesellschaftlich akzeptiert, sprachlich kaschiert.
Aristoteles‘ Rhetorik: Ethos, Pathos, Logos – noch immer das beste Modell
Schon Aristoteles hat in seiner Rhetorik (4. Jh. v. Chr.) die Grundlagen substanzieller Kommunikation präzise gefasst. Wirksames Sprechen, so seine These, beruht auf drei Säulen:
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Logos – die Substanz des Arguments, die logische Stringenz, die belegte Aussage
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Pathos – die Resonanz mit den Emotionen und Werten der Zuhörenden
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Ethos – die Glaubwürdigkeit der sprechenden Person, ihr Charakter, ihre Verlässlichkeit
Welles war ein Meister des Pathos und des Ethos – seine Stimme, sein Timing, sein Bewusstsein des Mediums. War of the Worlds funktionierte (für die wenigen, die es nicht als Drama erkannten), weil das Bulletin-Format ein Ethos suggerierte: eine glaubwürdige Stimme, die berichtet, was wirklich passiert. Was fehlte, war der Logos – die Sendung war Drama, nicht Bericht.
Jennifer Aaker (Stanford GSB) hat in ihrer Forschung zum Storytelling gezeigt: Geschichten werden bis zu 22-mal besser erinnert als Fakten allein – aber Geschichten ohne Faktenbezug verlieren Vertrauen sofort, wenn die Diskrepanz erkannt wird. Pathos ohne Logos kollabiert. Logos ohne Pathos langweilt. Ethos ohne beide ist Hochstapelei. Aristoteles wusste das vor 2300 Jahren.
Praxis: Ein Vier-Maximen-Audit (vor und nach einer wichtigen Konversation, je 15 Minuten)
Statt einer Wochen-Praxis diesmal eine konversationsspezifische Vorbereitungs- und Reflexions-Übung für eine konkrete, wichtige Konversation in den nächsten Tagen – ein schwieriges Mitarbeitendengespräch, eine Präsentation, ein Feedback-Gespräch, ein klärendes Gespräch in einer Beziehung.
Vor der Konversation (15 Minuten):
Quantitätsmaxime (4 Minuten): Schreibe in maximal drei Sätzen auf, was Du sagen willst. Nicht mehr. Wenn es nicht in drei Sätze passt, weißt Du noch nicht genug, was Du eigentlich sagen willst.
Qualitätsmaxime (4 Minuten): Welche Deiner geplanten Aussagen ist belegt – durch eigene Beobachtung, Daten, Erfahrung? Welche ist Annahme? Markiere beides klar. Verwende für Annahmen klar markierende Sprache („Mein Eindruck ist…“, „Ich vermute…“). Frankfurts Test: Würde ich mich bei dieser Aussage hinter sie stellen, wenn sie öffentlich würde?
Relationsmaxime (4 Minuten): Was ist das eigentliche Thema dieses Gesprächs aus Sicht des Gegenübers? Nicht aus Deiner Sicht – aus seiner oder ihrer. Welche Deiner geplanten Aussagen passt nicht zu diesem Thema, sondern zu Deinem eigenen? Streiche sie.
Modalitätsmaxime (3 Minuten): Wie würdest Du Deine Kernbotschaft formulieren, wenn ein Kind sie verstehen müsste? Schreibe diese kindgerechte Variante auf. Sie ist häufig klarer als die Erwachsenen-Variante – und sie ist die Version, die in einem aufgewühlten Gespräch ankommt.
Nach der Konversation (10 Minuten):
Setze Dich noch einmal hin. Notiere:
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Welche Maxime habe ich gehalten?
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Welche habe ich verletzt?
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Warum? Was hat mich aus der eigenen Vorbereitung herausgebracht? Häufig sind es Reaktionen des Gegenübers, eigene Emotionen, oder schlicht der soziale Druck, etwas zu sagen, statt zu schweigen.
Diese Übung dauert insgesamt 25 Minuten. Wer sie über vier bis fünf wichtige Konversationen wiederholt, beobachtet eine spürbare Veränderung: die Kapazität, substanziell zu sprechen, wird trainiert. Und das, was Welles als „leerer Kopf“ benannte, wird hörbar.
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Welles, Grice, Frankfurt, Aristoteles, Lakoff, Brown, Aaker, Pooley/Socolow, Schwartz – aus zwei Jahrtausenden Reflexion und einem halben Jahrhundert pragma-linguistischer Forschung kommt eine konsistente Beobachtung: Substanzielles Sprechen ist keine Frage der Eloquenz, sondern der Bedingungen, unter denen Sprache wirklich kooperativ funktioniert. Welles wusste das als Filmemacher und Erzähler. Grice hat es als Pragma-Linguist systematisiert. Frankfurt hat die Schattenseite benannt. Und alle drei sagen sinngemäß dasselbe: Reden ist nicht das Gegenteil von Schweigen. Substanzlos zu reden ist es.
Was wäre, wenn Du in der nächsten wichtigen Konversation – einer, die Dir wirklich etwas bedeutet – als erstes innerlich die Frage stellen würdest: „Habe ich tatsächlich etwas zu sagen, oder spreche ich, weil Schweigen unangenehm wäre?“ – und Dir die ehrliche Antwort gestattest?
Quellen
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Aaker, J. L. & Smith, A. (2010): The Dragonfly Effect. Jossey-Bass.
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Aristoteles (ca. 4. Jh. v. Chr.): Rhetorik. — Standardausgabe diverse, z. B. Reclam.
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Brown, P. & Levinson, S. C. (1987): Politeness. Some Universals in Language Usage. Cambridge University Press.
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Frankfurt, H. G. (2005): On Bullshit. Princeton University Press. — Dt.: Bullshit (2014). Suhrkamp.
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Grice, H. P. (1975): Logic and Conversation. In: Cole, P. & Morgan, J. L. (Hg.): Syntax and Semantics, Vol. 3: Speech Acts (S. 41–58). Academic Press.
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Lakoff, R. (1973): The logic of politeness; or, minding your p’s and q’s. In: Papers from the Ninth Regional Meeting of the Chicago Linguistic Society (S. 292–305).
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Orwell, G. (1946): Politics and the English Language. Horizon, 13(76), 252–265. — Dt.: Politik und englische Sprache (in: Im Inneren des Wals. Essays, 1975).
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Pooley, J. & Socolow, M. J. (2013): The Myth of the War of the Worlds Panic. Slate, 28. Oktober 2013.
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Schwartz, A. B. (2015): Broadcast Hysteria. Orson Welles’s War of the Worlds and the Art of Fake News. Hill and Wang.
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Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)
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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 3: Begegnung & Dialog.

