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Brüderlichkeit empirisch – Martin Luther King, Tania Singer und die Forschung zum Perspektivenwechsel

Last updated on 16/06/2026

„We must learn to live together as brothers or perish together as fools“ – diese Maxime aus Martin Luther Kings letzter Sonntagspredigt am 31. März 1968 in der Washington National Cathedral ist eine der eindringlichsten Formulierungen dessen, was die Französische Revolution unter Fraternité gefasst hat. Fraternité steht neben Liberté und Égalité als dritter Pfeiler des republikanischen Selbstverständnisses und wurde 1848 als Wahlspruch der französischen Republik festgeschrieben. Die heutige Europäische Grundrechtecharta verwendet den geschlechterneutraleren Begriff Solidarität (Titel IV) – inhaltlich ist dieselbe Bewegung gemeint. Wie diese Bewegung psychologisch funktioniert, ist heute besser erforscht als zur Zeit der Revolutionäre: Daniel Batson hat über vierzig Jahre die Empathy-Altruism-Hypothesis empirisch untersucht. Tania Singer hat eine wichtige Differenzierung beigetragen – Empathie und Mitgefühl sind nicht dasselbe und haben unterschiedliche Folgen. Sara Konraths Forschung zeigt einen messbaren Rückgang der dispositionellen Empathie über drei Jahrzehnte. Was die Forschung gemeinsam zeigt: Brüderlichkeit ist erlernbar – aber nicht durch Empathie allein.

Was Martin Luther King am 31. März 1968 sagte

Martin Luther King war an diesem Sonntag in die Washington National Cathedral eingeladen, vier Tage vor seiner Ermordung in Memphis am 4. April 1968. Die Predigt trägt den Titel „Remaining Awake Through a Great Revolution“ und ist eine der inhaltlich dichtesten Reden seiner letzten Lebensphase. Der Satz steht in einem längeren Argument über die globale Vernetzung der Menschheit – über Kolonialismus, Vietnamkrieg, Armut und Bürgerrechte hinweg gedacht. Vollständig: „We must learn to live together as brothers or perish together as fools. We are tied together in the single garment of destiny, caught in an inescapable network of mutuality.“

Diese „Network of Mutuality“-Pointe ist substantiell: King beschreibt nicht eine moralische Aufforderung, sondern eine empirische Beobachtung. Wir sind faktisch verwoben, ob wir wollen oder nicht. Die Frage ist nicht, ob wir verbunden sind, sondern wie wir mit dieser Verbundenheit umgehen.

Liberté, Égalité, Fraternité – die dritte Säule

Der Wahlspruch der französischen Republik entstand während der Französischen Revolution und wurde 1848 in der Zweiten Republik offiziell festgeschrieben. Historiker:innen haben gezeigt, dass die drei Begriffe in unterschiedlicher Beziehung zueinander stehen. Liberté (Freiheit) und Égalité (Gleichheit) lassen sich juristisch fassen – als Grundrechte gegen den Staat oder gegen Privilegien. Fraternité dagegen ist schwerer zu fassen: Sie verlangt nicht nur Unterlassung (wie Freiheitsrechte), sondern aktive Verbundenheit. Sie ist die praktische Dimension der beiden anderen.

Die EU-Grundrechtecharta hat den Begriff in Titel IV als Solidarität übersetzt. Das ist nicht nur Modernisierung – es ist auch eine Verschiebung. Solidarität ist organisationaler und institutionalisierter; Fraternité ist persönlicher und beziehungsorientierter. Beide Begriffe gehören zusammen, aber sie betonen unterschiedliche Aspekte derselben Bewegung.

Was Daniel Batson zur Empathie-Altruismus-Hypothese zeigte

Daniel Batson, Sozialpsychologe an der University of Kansas, hat über vier Jahrzehnte experimentell untersucht, ob Empathie zu echtem Altruismus führt – oder ob Helfen letztlich immer eigennützig motiviert ist. Seine Empathy-Altruism-Hypothesis (zusammengefasst 2011 in Altruism in Humans) lautet: Wenn ein Mensch echte empathische Anteilnahme für eine andere Person empfindet, kann dies zu Hilfeverhalten führen, das auch ohne persönlichen Nutzen, ohne soziale Belohnung und sogar bei einfacher Fluchtmöglichkeit aus der Situation aufrechterhalten wird.

In über dreißig Experimenten hat Batsons Team die Empathie-Bedingung systematisch variiert (durch Perspektivenübernahme-Instruktionen) und gezeigt, dass die helfende Reaktion robust gegen die typischen egoistischen Erklärungen ist. Die Empathie-Altruismus-Hypothese gilt heute als gut belegt – auch wenn sie kontrovers diskutiert wird.

Tania Singers wichtige Differenzierung: Empathie und Mitgefühl

Tania Singer hat am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (heute Social Neuroscience Lab Berlin) eine Forschungslinie etabliert, die für den Begriff der Brüderlichkeit entscheidend ist. In zahlreichen Studien – mit Olga Klimecki, Susanne Leiberg, Claus Lamm und anderen – hat sie gezeigt, dass Empathie und Mitgefühl unterschiedliche neuronale Korrelate haben:

  • Empathie: das affektive Mitfühlen des Zustandes anderer. Aktiviert Bereiche, die mit eigenem Schmerz und negativen Emotionen verbunden sind (Anteriorer Inselcortex, Anteriorer Cingulärer Cortex). Längerfristig: empathische Erschöpfung, Rückzug, Burnout-Symptome (Empathic distress).

  • Mitgefühl: die wohlwollende Zuwendung zum Wohl anderer, ohne deren Schmerz zu absorbieren. Aktiviert positive-emotion-Netzwerke (Medial Orbitofrontaler Cortex, Ventrales Striatum). Längerfristig: positives Wohlbefinden, prosoziales Handeln, Resilienz.

Klimecki, Leiberg, Lamm und Singer (2013, Cerebral Cortex) konnten in einer randomisierten Trainingsstudie zeigen, dass kurzes Mitgefühlstraining im fMRT messbare Veränderungen der neuronalen Aktivität und subjektiv erhöhte positive Emotionen produzierte – Empathietraining allein führte dagegen zu negativen Affekt-Werten. Die Implikation: Wer dauerhaft prosozial bleiben möchte, sollte nicht nur Empathie üben, sondern den Schritt zum Mitgefühl machen.

Was Sara Konrath zum Empathie-Rückgang zeigte

Sara Konrath hat 2011 mit Edward O’Brien und Courtney Hsing in Personality and Social Psychology Review eine viel beachtete Meta-Analyse vorgelegt. Über 72 Stichproben US-amerikanischer Studierender von 1979 bis 2009 zeigten sich:

  • Ein Rückgang der empathic concern um 48 % (Standardabweichungen)

  • Ein Rückgang der perspective taking um 34 %

  • Der stärkste Rückgang nach dem Jahr 2000

Die Studie ist methodisch nicht ohne Kritik (sie misst Selbstauskunft, nicht Verhalten; Replikationen sind gemischt), aber der Befund wird breit diskutiert. Als plausible Erklärungen werden genannt: Zunahme digitaler statt persönlicher Kommunikation, höhere Werte für Narzissmus und Wettbewerbsorientierung, Aufmerksamkeitsfragmentierung. Empirisch sicher ist: Empathie ist keine konstante Größe. Sie variiert über Generationen, Kontexte und Übungspraktiken.

Adam Galinsky und der Perspektivenwechsel-Vorteil

Adam Galinsky hat an der Columbia Business School (zuvor Kellogg) gezeigt, dass gerichteter Perspektivenwechsel – die bewusste Einnahme der Sicht des Gegenübers – in Verhandlungen messbar bessere Ergebnisse erzeugt, und zwar für beide Seiten. In Galinsky, Maddux, Gilin & White (2008, Psychological Science) führte Perspektivenübernahme zu kreativen Übereinkünften, die die rein-eigenmotivierten Verhandler verfehlten. Die Pointe: Perspektivenwechsel ist nicht nur ethisch wünschenswert, sondern strategisch wirksam.

Diese Befunde verbinden sich mit Helen Riess‘ Arbeit zur Empathie in der Medizin (The Empathy Effect, 2017). Riess hat das E.M.P.A.T.H.Y.-Tool entwickelt – Eye contact, Muscles of facial expression, Posture, Affect, Tone of voice, Hearing the whole person, Your response – als trainierbares Verhaltensrepertoire. Ärzte, die das Tool nutzen, erzielen messbar bessere Patient:innen-Ergebnisse, weniger Klagen und höhere Selbstzufriedenheit.

Praxis: drei Bewegungen für gelebte Verbundenheit

In meinen Erfahrungen arbeite ich mit drei Mikro-Bewegungen, wenn Klient:innen die Brücke zwischen ihrer eigenen und einer fremden Perspektive bauen möchten:

  • Die Galinsky-Bewegung: Was sieht die andere Person, das ich gerade nicht sehe? Vor einem schwierigen Gespräch eine Minute innehalten und in die Haut der Gegenpartei schlüpfen. Welche Geschichte hat sie? Welche Sorge bringt sie mit? Welcher Erfolg steht für sie auf dem Spiel? Diese Frage allein verschiebt schon den Ton des kommenden Gesprächs.

  • Die Singer-Bewegung: Vom Mitfühlen zum Wohlwollen. Wenn ich merke, dass ich mich vom Schmerz der anderen Person erschöpfen lasse, verschiebe ich innerlich von „Ich fühle Ihre Trauer mit“ zu „Ich wünsche Ihnen Stärke und Klarheit für diese Situation“. Das ist der Mikro-Schritt vom empathischen Distress zum tragfähigen Mitgefühl.

  • Die Riess-Bewegung: E – Eye contact. Im Alltag oft der einfachste und übersehenste Schritt: bei jedem Gespräch der nächsten Woche bewusst Blickkontakt halten, bevor das erste Wort fällt. Riess‘ Forschung zeigt, dass dieses kleine Verhalten objektiv messbare Veränderungen in der Qualität der Begegnung auslöst.

Diese Bewegungen verbinden sich mit anderen Praktiken aus der Serie. Sie ergänzen die Verbundenheit-Bewegung, die ich mit Pattabhi Jois und Bessel van der Kolk skizziert habe – Brüderlichkeit ist die soziale Erweiterung der Atem-und-Körper-Praxis. Sie greifen die Wertschätzungs-Bewegung, die ich mit Adorno und Amy Edmondson beschrieben habe – Mitgefühl ist deren beziehungsethische Grundbewegung. Und sie ergänzen die Belonging-Bewegung, die ich mit Simone de Beauvoir und Brené Brown skizziert habe – Verbundenheit, die nicht Selbstaufgabe verlangt.

Wer mit Mitgefühl im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) sind aktives Zuhören, Perspektivenübernahme und wohlwollende Konfrontation als drei Grundtechniken jeder anspruchsvollen Gesprächsführung ausführlich beschrieben.

Brüderlichkeit ist eine Bewegung, die geübt wird – im Meeting, im Familiengespräch, im Verkehrskontakt, in der Mail. Sie ist erlernbar; Tania Singers Forschung zeigt messbare Veränderungen im Gehirn nach systematischer Praxis. Mut tut gut hier in der Form, die Martin Luther King in seiner letzten Sonntagspredigt benannt hat: zusammen lernen, was wir noch nicht können – als Schwestern und Brüder leben, oder gemeinsam in unserer Begrenztheit untergehen.

Quellen

  • Batson, C. D. (2011). Altruism in Humans. Oxford University Press.

  • Davis, M. H. (1983). Measuring individual differences in empathy: Evidence for a multidimensional approach. Journal of Personality and Social Psychology, 44(1), 113–126. https://doi.org/10.1037/0022-3514.44.1.113

  • Galinsky, A. D., Maddux, W. W., Gilin, D., & White, J. B. (2008). Why it pays to get inside the head of your opponent: The differential effects of perspective taking and empathy in negotiations. Psychological Science, 19(4), 378–384. https://doi.org/10.1111/j.1467-9280.2008.02096.x

  • King, M. L., Jr. (1968). Remaining Awake Through a Great Revolution. Sermon at the National Cathedral, Washington, D.C., 31. März 1968.

  • Klimecki, O. M., Leiberg, S., Lamm, C., & Singer, T. (2013). Functional neural plasticity and associated changes in positive affect after compassion training. Cerebral Cortex, 23(7), 1552–1561. https://doi.org/10.1093/cercor/bhs142

  • Konrath, S. H., O’Brien, E. H., & Hsing, C. (2011). Changes in dispositional empathy in American college students over time: A meta-analysis. Personality and Social Psychology Review, 15(2), 180–198. https://doi.org/10.1177/1088868310377395

  • Krznaric, R. (2014). Empathy: Why It Matters, and How to Get It. Perigee.

  • Riess, H. (2017). The Empathy Effect: Seven Neuroscience-Based Keys for Transforming the Way We Live, Love, Work, and Connect Across Differences. Sounds True.

  • Singer, T., & Klimecki, O. M. (2014). Empathy and compassion. Current Biology, 24(18), R875–R878. https://doi.org/10.1016/j.cub.2014.06.054

  • Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98

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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 3: Begegnung & Dialog

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