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Welche Person bin ich gerade? – Sivananda, Rosenstiel und die drei Schichten des situativen Selbst

Last updated on 16/06/2026

„Jeder hat verschiedene Persönlichkeiten, die wie Schauspieler in verschiedenen Situationen in den Vordergrund treten“ – ein Satz, der Swami Sivananda (1887–1963) zugeschrieben wird, dem indischen Yoga-Lehrer und Begründer der Divine Life Society. Was bei ihm fast theatralisch klingt, hat die Verhaltenswissenschaft seit Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts in präzise Modelle übersetzt. Erving Goffman hat 1959 das Bild der Bühne ausgebaut; Lutz von Rosenstiel hat in der Organisationspsychologie die Bedingungen identifiziert, unter denen wir bestimmte Verhaltensweisen zeigen; und die Polyvagal-Theorie liefert die neurobiologische Erklärung dafür, warum die Atmosphäre einer Situation oft mehr bestimmt als unsere bewusste Absicht. Pestalozzis altes Bild – Kopf, Herz und Hand – wird in dieser Zusammenschau zur Lesehilfe für jede Situation: Drei Schichten arbeiten gleichzeitig, und das, was wir am Ende tun, ist ihr Zusammenspiel.

Goffman und die Bühne des Alltags

Erving Goffman, kanadisch-amerikanischer Soziologe, veröffentlichte 1959 The Presentation of Self in Everyday Life – eines der einflussreichsten soziologischen Werke des zwanzigsten Jahrhunderts. Sein zentrales Bild: das Leben als Theater, mit frontstage (Vorderbühne, wo wir uns präsentieren) und backstage (Hinterbühne, wo wir aus der Rolle treten). Goffmans Pointe ist nicht, dass wir „spielen“ und unauthentisch wären – seine Aussage ist genauer: Was wir „Selbst“ nennen, entsteht in der Aufführung, sie ist nicht etwas dahinter. Die Bühne ist nicht die Maskerade; sie ist der Ort, an dem wir wirklich sind.

Diese Lesart erspart uns die fruchtlose Frage nach dem „wahren Selbst“. William James schrieb schon 1890 in den Principles of Psychology, dass wir „so viele soziale Selbst haben wie es Gruppen von Personen gibt, deren Meinung uns wichtig ist“ – jedes davon eine wirkliche Form unseres Wesens, keines die Wahrheit über die anderen.

Rosenstiels vier Bedingungen – die Kopf-Ebene

Lutz von Rosenstiels Vier-Bedingungen-Modell ist das wohl präziseste Werkzeug, um zu verstehen, warum in einer Situation ein bestimmtes Verhalten gezeigt wird und in einer anderen nicht. In der Standardform:

  • Persönliches Wollen – Bin ich motiviert, dieses Verhalten zu zeigen? Welche Werte, Bedürfnisse, Ziele sprechen dafür oder dagegen?

  • Soziales Dürfen und Sollen – Welche Normen, Regeln, Rollen-Erwartungen gelten hier? Was wird sanktioniert, was anerkannt?

  • Persönliches Können – Habe ich die Fähigkeiten, die Erfahrung, das Wissen, um es zu tun?

  • Situative Ermöglichung – Gibt mir die Situation überhaupt die Gelegenheit? Habe ich Zeit, Ressourcen, einen Platz, einen Anlass?

Rosenstiels entscheidende Pointe: Alle vier Bedingungen müssen erfüllt sein. Wer wollte, dürfte und könnte, aber keine Gelegenheit hat, zeigt das Verhalten nicht. Wer könnte und dürfte und Gelegenheit hat, aber nicht will, zeigt es ebenfalls nicht. Verhalten ist immer die Schnittmenge der vier. Diesen Punkt habe ich schon im Grit-Beitrag (Hillary/Duckworth) zur Sprache gebracht: Hartnäckigkeit allein erklärt Erfolg nicht – sie ist eine von vier notwendigen Bedingungen.

Was die Atmosphäre tut – die Herz-Ebene

Mein zweiter Punkt – ob wir uns in der Situation akzeptiert und respektiert fühlen – führt in das Territorium der Polyvagal-Theorie (vgl. Artikel 10 dieser Serie). Stephen Porges‘ Forschung zeigt, dass unser autonomes Nervensystem die Atmosphäre einer Situation kontinuierlich auf Sicherheit hin prüft – über Mimik, Tonlage, Augenkontakt, Körpersprache des Gegenübers. Diesen Vorgang nennt er Neurozeption. Wenn das System Sicherheit registriert, wird der ventrale Vagus aktiv – wir können authentisch reagieren, zuhören, denken. Wenn es Gefahr registriert, schaltet das sympathische System auf Kampf, Flucht oder Erstarrung – und mit ihm verändert sich auch das Verhalten, oft ohne dass wir es bewusst bemerken.

Lisa Feldman Barrett hat in How Emotions Are Made (2017) ergänzt, dass Gefühle nicht „auftauchen“, sondern in Echtzeit konstruiert werden – aus körperlichen Empfindungen, vergangenen Erfahrungen und der aktuellen Bedeutungszuschreibung. Das heißt: Was wir in einer Situation fühlen, ist nicht „die“ Reaktion, sondern eine Möglichkeit unter mehreren. Wer das versteht, kann die Brücke zwischen Anlass und Reaktion bewusster gestalten.

Wenn alte Reaktionen durchbrechen – die andere Herz-Ebene

Mein dritter Punkt – dass vergangene Erfahrungen ins Gegenwärtige durchbrechen – ist genau das, was Antonio Damasio in Descartes‘ Error (1994) als somatische Marker beschrieben hat. Frühere emotionale Erfahrungen werden im Körper gespeichert; sie werden in ähnlichen Situationen wieder aktiviert, oft schneller als der bewusste Verstand. Eine Stimme, die der eines kritischen Lehrers ähnelt, kann eine erwachsene Geschäftsführerin in ein Schulkind verwandeln – innerhalb von Sekundenbruchteilen, bevor das Bewusstsein die Lage einordnen kann.

Patricia Linville hat 1987 in der Self-Complexity-Theorie gezeigt: Menschen mit komplexer Selbstdarstellung – also vielen unterscheidbaren Rollen und Lebensbereichen – sind in Stresssituationen widerstandsfähiger. Wer sich nur als „Karrierefrau“ sieht und sonst nichts, ist verletzlicher als wer sich auch als Tochter, Freundin, Sportlerin, Leserin definiert. Hazel Markus und Paula Nurius haben 1986 mit dem Konzept der Possible Selves einen ähnlichen Punkt gemacht: Wir tragen nicht nur das aktuelle Selbst in uns, sondern auch frühere und mögliche zukünftige Selbst.

In meinen Erfahrungen erlebe ich diese ‚alten Reaktionen‘ als eines der häufigsten Themen in der Selbst-Klärung. Die Frage „In welchen Momenten reagiere ich mit einem Selbst, das nicht mehr zu mir passt?“ ist oft der Eingang zu wirklichen Verhaltensänderungen.

Pestalozzi und das integrierte Verhalten – die Hand-Ebene

Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827), Schweizer Pädagoge, formulierte das Bildungsideal als Integration von Kopf, Herz und Hand – Denken, Fühlen und Handeln gehören zusammen, kein Teil darf vernachlässigt werden, und keiner allein genügt. Das war pädagogisch revolutionär in einer Zeit, in der entweder reine Wissensvermittlung (Kopf) oder reine Tugendlehre (Herz) oder reines Handwerk (Hand) gelehrt wurde.

Auf das situative Selbst übertragen: Was wir in einer Situation tun (Hand) ist immer die Resultante des kognitiven (Rosenstiel: Wollen-Dürfen-Können-Situation), des emotionalen (Polyvagal: sicher oder unsicher?) und des biographischen (Damasio: welche somatischen Marker aktivieren sich?). Die drei Schichten arbeiten gleichzeitig. Wer eine davon ignoriert – etwa nur den Kopf trainiert –, wird über die anderen beiden gestolpert.

Praxis: drei Beobachtungen zum eigenen situativen Selbst

Wer mit dieser Dreischichtigkeit arbeiten möchte, kann mit drei Selbst-Beobachtungen beginnen:

  • In welchen Kontexten bin ich besonders ich selbst? Goffmans frontstage und backstage – wo finde ich es leicht, präsent zu sein, wo schwer? Was unterscheidet diese Räume?

  • Welcher der vier Rosenstiel-Faktoren fehlt mir gerade? Wenn ich etwas nicht zeige, was ich eigentlich tun möchte – ist es Können (Skill), Dürfen (Norm), Wollen (Motivation) oder Situative Ermöglichung (Gelegenheit)? Das richtige Wort öffnet den richtigen Hebel.

  • Wo durchbricht eine alte Reaktion in einem neuen Kontext? Die Damasio-Frage. Welche Stimme, welcher Tonfall, welche Mimik aktiviert in mir ein altes Selbst? Sobald ich es benenne, hat das alte Selbst weniger Macht.

Diese Bewegung verbindet sich mit anderen Beiträgen aus der Serie. Sie greift die Polyvagal-Theorie (Art. 10) als Heart-Ebene auf. Sie nutzt das Rosenstiel-Modell, das wir im Grit-Beitrag eingeführt haben. Und sie führt zu dem, was wir unter Selbsterkenntnis (Heraklit/Hillel) als lebenslanger Aufgabe beschrieben haben: Sich kennen heißt auch, seine verschiedenen Selbst kennen.

Wer mit dieser Dreischichtigkeit im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) sind Kopf-, Herz- und Hand-Ebenen in der Gesprächsführung mit konkreten Anwendungen verbunden – von der Selbstklärung vor dem Gespräch bis zur Beobachtung des Gegenübers während des Gesprächs.

Die Frage nach dem „wahren Selbst“ geht von einer Annahme aus, die William James 1890 bereits problematisierte: dass es eines geben müsse. James hielt es eher mit der Beobachtung, dass wir so viele Selbst haben wie Menschen, die uns wahrnehmen – und dass die Frage nicht ist, welches davon das echte ist, sondern welche davon mit unserem heutigen Wachstum noch vereinbar sind. Diese Verschiebung macht aus einem identitätsphilosophischen Rätsel eine sehr praktische Aufgabe – eine, die Mut tut gut in jeder Situation neu stellt.

Quellen

  • Barrett, L. F. (2017). How Emotions Are Made: The Secret Life of the Brain. Houghton Mifflin Harcourt. (Deutsch: Wie Gefühle entstehen, Rowohlt 2020)

  • Damasio, A. (1994). Descartes‘ Error: Emotion, Reason, and the Human Brain. Putnam. (Deutsch: Descartes‘ Irrtum, List 1994)

  • Goffman, E. (1959). The Presentation of Self in Everyday Life. Doubleday. (Deutsch: Wir alle spielen Theater, Piper 1969)

  • James, W. (1890). The Principles of Psychology, Vol. 1, Chapter X: The Consciousness of Self. Henry Holt and Company.

  • Linville, P. W. (1987). Self-complexity as a cognitive buffer against stress-related illness and depression. Journal of Personality and Social Psychology, 52(4), 663–676. https://doi.org/10.1037/0022-3514.52.4.663

  • Markus, H., & Nurius, P. (1986). Possible selves. American Psychologist, 41(9), 954–969. https://doi.org/10.1037/0003-066X.41.9.954

  • Pestalozzi, J. H. (1801). Wie Gertrud ihre Kinder lehrt. Bern: Heinrich Gessner.

  • Porges, S. W. (2011). The Polyvagal Theory: Neurophysiological Foundations of Emotions, Attachment, Communication, and Self-Regulation. W. W. Norton. (Deutsch: Die Polyvagal-Theorie, Junfermann 2017)

  • von Rosenstiel, L. (2003). Grundlagen der Organisationspsychologie (5. Aufl.). Schäffer-Poeschel.

  • Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98

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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 3: Begegnung & Dialog

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