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Mit dem Ende im Sinn beginnen – wofür möchten Sie erinnert werden?

Last updated on 15/06/2026

Ein Vortrag über agile Meetingkultur brachte mich zu einer viel grundlegenderen Frage: Wofür möchten wir eigentlich erinnert werden? Bronnie Wares Studie über die häufigsten Bereuungen Sterbender und David Brooks‘ Unterscheidung von Lebenslauf- und Trauerrede-Tugenden geben dieselbe Antwort: Was am Ende fehlt, hat selten mit Status, Titel oder vollen Kalendern zu tun. Höchste Zeit, das auch zu Lebzeiten ernst zu nehmen.


In einem Vortrag über moderne Meetingkultur blieb ein Satz hängen: „Nimm keine Einladung an, wenn du keinen Mehrwert zum Thema beiträgst.“ Ich kann dem nur zustimmen.

Und doch sehe ich täglich das Gegenteil: Menschen, die zu allem eingeladen werden wollen, weil Sichtbarkeit als Beweis von Wichtigkeit gilt. Voller Kalender als Statussymbol. Überstunden als Tugendnachweis.

Das wirft eine viel größere Frage auf.


Die zwei Tugendsysteme nach David Brooks

In The Road to Character (2015) unterscheidet David Brooks zwei Arten von Tugenden:

  • Lebenslauf-Tugenden: Ehrgeiz, Status, Erfolg, Titel, Sichtbarkeit
  • Trauerrede-Tugenden: Treue, Mut, Großzügigkeit, ehrliche Begegnung, gelebte Werte

Beide sind wichtig. Aber Brooks beobachtet: Unsere Kultur belohnt die ersten und vernachlässigt die zweiten – und am Ende eines Lebens zählen die zweiten.


Was Sterbende wirklich bereuen

Bronnie Ware, eine australische Hospizpflegerin, hat über zwölf Jahre die häufigsten Bereuungen ihrer Patient:innen dokumentiert. In The Top Five Regrets of the Dying (2011) nennt sie:

  1. Den Mut zu haben, sich selbst treu zu sein – statt zu leben, wie andere erwarten.
  2. Nicht so viel zu arbeiten.
  3. Den Mut zu haben, Gefühle auszudrücken.
  4. Den Kontakt zu Freund:innen zu halten.
  5. Sich zu erlauben, glücklicher zu sein.

Kein einziger Punkt handelt von Karriere, Titel oder Terminkalender.


Wofür ich erinnert werden möchte

In über zwei Jahrzehnten L&D-Praxis habe ich gelernt: Was bleibt, sind Momente echter Begegnung. Ich möchte erinnert werden als jemand, der:

  • gute Denkanstöße gibt und Raum lässt für die Antwort
  • die Brillanz im Gegenüber sucht, statt vorschnell zu urteilen
  • von anderen lernen möchte – unabhängig von Hierarchie oder Status
  • Menschen zum Lächeln und Nachdenken bringt

Diese Haltung ist eng verwandt mit dem, was Don Miguel Ruiz im Toltec-Konstruktivismus beschreibt – und mit der Wertschätzungs-Kette nach Reinhard Haller, die ich in einem früheren Artikel aufgegriffen habe.


Coveys Übung – einfach und unbequem

Stephen Coveys zweiter „Weg zur Effektivität“ lautet: Begin with the End in Mind. Seine Übung:

Stellen Sie sich Ihre eigene Trauerrede vor. Wer hält sie? Was sollen diese Menschen über Sie sagen?

Diese Antwort ist Ihre echte Lebens-Strategie. Alles andere – Ihre nächsten Meetings, Ihre To-do-Liste, Ihre Karrierepläne – sollte sich daran messen lassen. Es ist die radikalste Form der Reflexion, über die ich in der Serie geschrieben habe: nicht über den letzten Tag, sondern über das gesamte Leben.


Lebenslauf-Tugenden glänzen im Profil. Trauerrede-Tugenden bleiben im Gedächtnis. Wofür möchten Sie erinnert werden?


Wie diese Frage nach Werten und Haltung in konkreten beruflichen Gesprächen sichtbar wird, ist eines der Kernthemen von Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98


Quellen:

  • Brooks, D. (2015): The Road to Character. Random House.
  • Ware, B. (2011): The Top Five Regrets of the Dying: A Life Transformed by the Dearly Departing. Hay House. (dt. 2013: 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen. Goldmann.)
  • Covey, S. R. (1989): The 7 Habits of Highly Effective People. Free Press. (dt. 2018: Die 7 Wege zur Effektivität. Gabal.)
  • Ruiz, D. M. (1997): The Four Agreements: A Practical Guide to Personal Freedom. Amber-Allen.
  • Haller, R. (2019): Das Wunder der Wertschätzung. Gräfe und Unzer.

Selbstführung #Werte #Leadership #Reflexion #LearningAndDevelopment

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

Published inInnere HaltungInnere HaltungMut tut gut

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