Start » Archiv für Stephanie Voss » Seite 21
Stille ist die Voraussetzung von Reflexion – diese Einsicht ist nicht europäisch und nicht modern. Zhuangzi, chinesischer Philosoph des 4. Jahrhunderts v. Chr., hat sie in einem Bild zusammengefasst: Menschen spiegeln sich nicht in fließendem Wasser, sondern in stehendem.
Dankbarkeit ist nicht nur eine soziale Höflichkeit – sie ist eine der am besten untersuchten psychischen Praktiken der letzten dreißig Jahre. Robert Emmons (UC Davis) hat seit den 1990er Jahren in über einhundert Studien gezeigt: Wer Dankbarkeit regelmäßig praktiziert, schläft besser, lebt zufriedener, geht aufmerksamer durch den Tag.
Mit welcher Haltung wir in ein Gespräch gehen, beeinflusst sein Ergebnis stärker, als die meisten Menschen ahnen. Carol Dweck hat in jahrzehntelanger Forschung gezeigt: Wer Menschen – auch sich selbst – als veränderbar betrachtet (Growth Mindset), geht anders mit ihnen um – und ermöglicht ihnen damit Veränderung, die einem Fixed Mindset verschlossen bleibt.
Wenn das Verhalten anderer unseren inneren Frieden stört, geben wir ihnen Macht über uns. Murray Bowen (Georgetown University) hat in der Familiensystemtheorie das Konzept der Differentiation of Self entwickelt – die Fähigkeit, ein eigenes Selbst zu bewahren, auch wenn andere unter Spannung stehen oder uns angreifen.
Negative Gedankenspiralen – die Psychologie nennt sie Rumination – sind einer der bestuntersuchten Risikofaktoren für Depression. Susan Nolen-Hoeksema (Yale) hat in über zwanzig Jahren Forschung gezeigt, dass das Grübeln über das Schlechte nicht zur Klärung führt, sondern das Schlechte verstärkt – und dass besonders Frauen davon häufiger betroffen sind.
Die Pointe, dass Glück geschieht, wenn Vorbereitung auf Gelegenheit trifft, wird verschiedensten Personen zugeschrieben – Denzel Washington, Oprah Winfrey, Seneca. Verifiziert verortet ist sie bei Louis Pasteur in seiner Rede an der Universität Lille 1854: Le hasard ne favorise que les esprits préparés.
Glaubenssätze entscheiden, wie wir Situationen deuten – oft lange bevor wir es bewusst merken. Daniel Kahneman hat in Thinking, Fast and Slow (2011) den Mechanismus beschrieben: System 1 arbeitet automatisch, schnell, kaum kontrollierbar.
Das eigene Glück gilt in vielen religiösen und säkularen Traditionen als egoistisch. Tania Singers Forschung am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig hat in über fünfzehn Jahren empirisch eine entscheidende Unterscheidung etabliert: Empathie und Mitgefühl aktivieren unterschiedliche Hirnregionen und haben gegensätzliche Wirkungen auf den Menschen.
Christian Morgenstern formulierte in seinem aphoristischen Spätwerk Stufen eine Frage, die der heutigen Positive-Psychology-Welle Tiefe gibt: Liegt Glück nicht in jedem großen Augenblick – auch in den dunklen? Viktor Frankl, KZ-Überlebender und Begründer der Logotherapie, hat 1985 mit dem Konzept des Tragischen Optimismus eine differenzierte Antwort gegeben: Glück trotz Tragödie ist nicht das gleiche wie ihre Verleugnung.
Jede Ambition hat einen Schatten. Was wir uns wünschen, bringt mit, was wir nicht eingerechnet haben – andere Wege werden blockiert, andere Menschen werden mitbetroffen, andere Ressourcen werden verbraucht.