Last updated on 16/06/2026
„Manche beklagen, dass Rosensträucher Dornen tragen; ich freue mich, dass Dornen Rosen tragen“ – diese Maxime kursiert in vielen Sammlungen als „arabisches Sprichwort“, findet sich in ihrer bekanntesten Form aber bei Alphonse Karr (1808–1890) in seinem Journal Les Guêpes. Die Pointe trägt eine wichtige Doppelbeobachtung: Wer nur die Rosen sehen will, übersieht die Dornen – und wer nur die Dornen sieht, verpasst die Rosen. Die psychologische Forschung der letzten zehn Jahre hat diese alte Beobachtung präzise gefasst. Toxische Positivität – der Druck, immer fröhlich, dankbar und optimistisch sein zu müssen – ist nicht nur unangenehm, sondern messbar schädlich für die psychische Gesundheit. Susan David hat in Emotional Agility (2016) gezeigt, dass negative Emotionen wichtige Informationsträger sind. Joseph Forgas hat in vier Jahrzehnten Forschung belegt, dass moderate negative Stimmung sogar die Genauigkeit von Urteilen, Erinnerungen und Kommunikation verbessert.
Wer Alphonse Karr war
Alphonse Karr war Journalist, Romancier und Botaniker des 19. Jahrhunderts. Sein satirisches Journal Les Guêpes (gegründet 1839) erschien jahrelang und kommentierte die französische Gesellschaft mit der Schärfe der Aphoristen-Tradition. Karr lebte später als Blumenzüchter in Nizza – die Rosen-Metaphorik war für ihn keine bloße Phrase, sondern Berufsalltag. Das berühmte „Plus ça change, plus c’est la même chose“ stammt aus derselben Feder.
Die Verwechslung mit einem „arabischen Sprichwort“ ist nicht ungewöhnlich: Aphorismen wandern, verlieren ihren Urheber und werden im Verlauf der Zeit als Volksweisheit umkodiert. Das macht sie nicht falsch – aber die genaue Verortung tut der Quelle Gerechtigkeit und schärft das Bewusstsein dafür, woher unsere Bilder kommen.
Was „toxische Positivität“ empirisch bedeutet
Der Begriff toxic positivity ist eine jüngere Wortschöpfung; das Phänomen ist alt. Es beschreibt den sozialen Druck, schwere Erfahrungen sofort in positive Lehren umzudeuten, negative Emotionen zu unterdrücken und Optimismus auch dort zu fordern, wo Trauer, Wut oder Angst angemessen wären. Whitney Goodman, klinische Psychotherapeutin, hat 2022 in Toxic Positivity: Keeping It Real in a World Obsessed with Being Happy gesammelt, was die klinische Erfahrung und die Forschung über Jahre angedeutet hatten.
Eine Schlüsselstudie stammt von Iris Mauss und Kolleginnen an der University of California, Berkeley. In „Can seeking happiness make people unhappy?“ (2011, Emotion) zeigten sie: Menschen, die Glück stark verfolgen, sind paradoxerweise weniger glücklich. Der Grund: Die ständige Bewertung des eigenen Zustands („Bin ich jetzt glücklich genug?“) erzeugt Selbstdistanz und Unzufriedenheit. Wer Glück zum Projekt macht, verfehlt es häufig.
Die klinischen Folgen toxischer Positivität sind in mehreren Übersichtsarbeiten dokumentiert:
-
Emotionale Suppression – das aktive Wegdrücken negativer Gefühle – ist mit erhöhter physiologischer Stressbelastung, schlechteren sozialen Beziehungen und langfristig höheren Depressionswerten verbunden (James Gross, Stanford).
-
Verleugnete Gefühle verstärken sich. Was nicht gefühlt werden darf, sucht sich andere Wege – über Körpersymptome, Schlafstörungen, Reizbarkeit oder plötzliche Ausbrüche.
-
Beziehungsverluste entstehen, wenn Menschen sich mit schwierigen Erfahrungen nicht zeigen dürfen, weil die Umgebung „positive vibes only“ verlangt.
Was Susan David zur emotionalen Agilität zeigte
Susan David, Psychologin an der Harvard Medical School und ursprünglich aus Südafrika, hat in Emotional Agility (2016) eine alternative Haltung beschrieben. Ihre Kernformulierung: „Discomfort is the price of admission to a meaningful life.“ Wer ein bedeutsames Leben führen will, kann Unbehagen nicht umgehen – Unbehagen ist der Preis am Eingang.
David schlägt eine vierstufige Bewegung vor:
-
Show up – die Emotion anerkennen, statt sie wegzuschieben.
-
Step out – Distanz zur Emotion gewinnen, indem ich sie benenne („Ich habe gerade einen Gedanken, dass…“ statt „Ich bin…“).
-
Walk your why – mich an den eigenen Werten orientieren, nicht an der momentanen Emotion.
-
Move on – mit der Emotion und trotz ihrer handeln, in Richtung dessen, was mir wichtig ist.
Das ist nicht Negativität – es ist Realitätsbezug. Negative Emotionen sind in diesem Modell Signale: Trauer zeigt, was mir wichtig war; Wut zeigt, wo eine Grenze verletzt wurde; Angst zeigt, wo eine Gefahr lauern könnte. Sie auslöschen heißt, das Informationssystem zu sabotieren.
Was Joseph Forgas zum Wert schlechter Stimmung zeigte
Joseph Forgas, australischer Sozialpsychologe, hat in vier Jahrzehnten Forschung systematisch untersucht, wie Stimmung das Denken beeinflusst. Sein Befund, zusammengefasst 2013 in Current Directions in Psychological Science unter dem Titel „Don’t worry, be sad!“, ist eine empirisch starke Korrektur an der Positivitäts-Pop-Psychologie.
Moderate negative Stimmung verbessert nachweislich:
-
Erinnerungsgenauigkeit: Augenzeugen mit leicht negativer Stimmung berichten weniger falsche Details.
-
Lügendetektion: Negative Stimmung führt zu skeptischerem, genauerem Hinsehen.
-
Kommunikationsqualität: Anfragen werden höflicher und präziser formuliert.
-
Fairness von Urteilen: Stereotype werden weniger angewandt.
-
Resistenz gegen Manipulation: Werbe- und Überzeugungsstrategien wirken weniger.
Forgas‘ Pointe: Positive Stimmung erzeugt einen assimilativen Verarbeitungsstil – ich vertraue meinen vorhandenen Schemata. Negative Stimmung erzeugt einen akkommodativen Stil – ich schaue genauer hin, prüfe, korrigiere. Beide haben ihren Platz; aber die einseitige Bevorzugung der positiven Stimmung kostet uns wichtige kognitive Werkzeuge.
Lisa Feldman Barrett und die emotionale Granularität
Lisa Feldman Barrett hat in How Emotions Are Made (2017) und zahlreichen Forschungsarbeiten gezeigt, dass die Fähigkeit, unterschiedliche negative Emotionen zu differenzieren, ein eigenständiger Schutzfaktor für psychische Gesundheit ist. Menschen mit hoher emotionaler Granularität erleben nicht nur „schlecht“, sondern unterscheiden zwischen Trauer, Enttäuschung, Frustration, Einsamkeit, Angst, Scham. Diese Unterscheidung ist nicht akademisch – sie ist die Voraussetzung dafür, angemessen zu reagieren.
Wer alles Negative als „schlechte Stimmung“ zusammenfasst, hat nur ein Werkzeug zur Hand: Wegdrücken. Wer differenziert, hat viele Werkzeuge – Trauer wird betrauert, Frustration wird zur Veränderungsenergie, Angst wird zum Signal für vorsichtigere Schritte, Scham wird zur Einladung zur Selbstreflexion.
Tara Brach und die radikale Akzeptanz
Tara Brach, klinische Psychologin und buddhistische Lehrerin, hat in Radical Acceptance (2003) eine Haltung beschrieben, die zwischen forciertem Optimismus und resignierter Negativität einen dritten Weg eröffnet: das Sein-Lassen-Können dessen, was gerade ist. Ihre vier Bewegungen – RAIN – sind heute Standardrepertoire in der Achtsamkeitsbasierten Therapie:
-
R ecognize – das Gefühl erkennen
-
A llow – es da sein lassen
-
I nvestigate – mit Neugier hinschauen
-
N urture – sich selbst mit Mitgefühl begegnen
Das ist die emotionale Schwester der Karr-Beobachtung: Beide Seiten der Rose sind da, beide werden gesehen, keine wird wegerklärt.
Praxis: drei Bewegungen für die ehrliche Wahrnehmung
In meinen Erfahrungen arbeite ich mit drei Fragen, wenn jemand zwischen forciertem Optimismus und versinkender Negativität pendelt:
-
Was sagt mir diese Emotion gerade? Vor der Bewertung („gut“ oder „schlecht“) die Information lesen. Trauer zeigt, was mir wichtig war. Wut zeigt eine verletzte Grenze. Das ist die Susan-David-Bewegung.
-
Kann ich das eine Minute aushalten, ohne es zu lösen? Negative Emotionen werden oft verdrängt, weil das Aushalten unbequem ist. Wer eine Minute halten kann, ohne zu reagieren, gewinnt Spielraum. Das ist die Tara-Brach-Bewegung.
-
Was würde ich präziser benennen? Statt „Ich fühle mich schlecht“ – „Ich bin enttäuscht / verunsichert / einsam / frustriert / besorgt.“ Die feinere Sprache ermöglicht die feinere Reaktion. Das ist die Lisa-Feldman-Barrett-Bewegung.
Diese Bewegungen verbinden sich mit anderen Praktiken aus der Serie. Sie ergänzen die Achtsamkeit, die ich mit Emily Dickinson und Jon Kabat-Zinn beschrieben habe. Sie greifen die Selbstmitgefühls-Bewegung, die mit Kristin Neff den dritten Pol zwischen Selbstkritik und Selbstüberschätzung beschreibt. Und sie ergänzen das Coping-Modell von Lazarus und Folkman, das ich an anderer Stelle beschrieben habe – das emotionsfokussierte Coping ist ohne Anerkennung der Emotion nicht möglich.
Wer mit der ehrlichen Wahrnehmung im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) sind das Erkennen und Benennen der eigenen Emotion vor einem schwierigen Gespräch und das angemessene Ansprechen der Emotion des Gegenübers als zentrale Vorbereitungsschritte beschrieben.
Wer nur die Rosen will, schneidet sich an den Dornen, die er nicht sieht. Wer nur die Dornen sieht, geht an den Rosen vorbei, die er nicht greift. Beide Seiten zusammen ergeben die Rose. Wer eine davon wegschneidet, hält am Ende eine Wunde oder ein Bild in der Hand – aber keine Rose mehr.
Quellen
-
Barrett, L. F. (2017). How Emotions Are Made: The Secret Life of the Brain. Houghton Mifflin Harcourt. (Deutsch: Wie Gefühle entstehen, rowohlt 2019)
-
Brach, T. (2003). Radical Acceptance: Embracing Your Life with the Heart of a Buddha. Bantam. (Deutsch: Mit dem Herzen eines Buddha, Goldmann 2004)
-
David, S. (2016). Emotional Agility: Get Unstuck, Embrace Change, and Thrive in Work and Life. Avery. (Deutsch: Emotionale Beweglichkeit, Unimedica 2017)
-
Forgas, J. P. (2013). Don’t worry, be sad! On the cognitive, motivational, and interpersonal benefits of negative mood. Current Directions in Psychological Science, 22(3), 225–232. https://doi.org/10.1177/0963721412474458
-
Fredrickson, B. L. (2013). Updated thinking on positivity ratios. American Psychologist, 68(9), 814–822. https://doi.org/10.1037/a0033584
-
Goodman, W. (2022). Toxic Positivity: Keeping It Real in a World Obsessed with Being Happy. TarcherPerigee.
-
Gross, J. J. (2002). Emotion regulation: Affective, cognitive, and social consequences. Psychophysiology, 39(3), 281–291. https://doi.org/10.1017/S0048577201393198
-
Karr, A. (1840). Les Guêpes. Janvier. Paris.
-
Mauss, I. B., Tamir, M., Anderson, C. L., & Savino, N. S. (2011). Can seeking happiness make people unhappy? Paradoxical effects of valuing happiness. Emotion, 11(4), 807–815. https://doi.org/10.1037/a0022010
-
Neff, K. D. (2003). Self-Compassion: An alternative conceptualization of a healthy attitude toward oneself. Self and Identity, 2(2), 85–101. https://doi.org/10.1080/15298860309032
-
Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98
#MutTutGut #EmotionaleAgilität #ToxischePositivität #Achtsamkeit #LearningAndDevelopment
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung

