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Bedeutung ist Konstruktion – James Allen, Spiral Dynamics und die Wurzel der Gelassenheit

Last updated on 16/06/2026

„Serenity of mind is one of the most beautiful jewels of wisdom“ – diese Zeile aus James Allens As a Man Thinketh (1903) habe ich an anderer Stelle als Gelassenheit-als-reife-Erkenntnis beschrieben. Eine zweite Schicht von Allens Pointe verdient eigenen Raum: Gelassenheit wird leichter, wenn ich verstehe, dass Bedeutung gemacht wird, nicht gefunden. In China steht die Zahl Vier für Tod und Unglück – in derselben Kultur aber auch für die Vollständigkeit der vier Jahreszeiten. Situationen sind neutral, bis sie gedeutet werden, und sie werden in unterschiedlichen Wertesystemen unterschiedlich gedeutet. Spiral Dynamics, von Clare Graves entwickelt und 1996 durch Don Beck und Christopher Cowan systematisiert, beschreibt diese Deutungs-Schichten als entwicklungspsychologische Wertestufen. Wer sie kennt, gewinnt eine doppelte Freiheit: die eigene Deutung nicht für die Wirklichkeit zu halten – und die andere nicht für falsch.

Die Zahl Vier in China – wenn eine Sache zwei Bedeutungen hat

Das chinesische Schriftzeichen für „vier“ 四 (Pinyin: ) klingt fast identisch wie das Schriftzeichen für „Tod“ 死 () – sie unterscheiden sich nur im Ton. Dieser sprachliche Zufall hat in China, Japan, Korea und Vietnam zu einer kulturellen Vermeidung der Vier geführt: Hotels überspringen die vierte Etage, Krankenhäuser haben keine Zimmer mit der Nummer 4, Telefonnummern mit Vieren sind günstiger. Dieses Phänomen heißt Tetraphobie und ist gut dokumentiert (Phillips et al. 2001 zeigten sogar, dass an Tagen mit „Vier“-Daten kardiovaskuläre Sterblichkeit unter chinesischstämmigen Patienten in den USA leicht ansteigt – wahrscheinlich vermittelt durch psychologischen Stress).

In derselben chinesischen Tradition steht die Vier aber auch für die vier Jahreszeiten, die vier Himmelsrichtungen, die vier klassischen Tugenden, das Vollständige. Eine und dieselbe Zahl trägt zwei Bedeutungen, beide kulturell wirksam, beide ihre eigenen Folgen erzeugend. Was sich in der Sprache zeigt, gilt in größerem Maßstab für ganze Wertesysteme: Dieselbe Welt wird in unterschiedlichen Deutungs-Rahmen unterschiedlich erlebt.

Was Spiral Dynamics zeigt

Clare Graves, Psychologe an der Union College in New York, hat seit den 1950er Jahren ein Stufenmodell der Wertesysteme entwickelt, das er 1970 im Journal of Humanistic Psychology unter dem Titel „Levels of Existence: An Open System Theory of Values“ publizierte. Seine Grundthese: Menschen entwickeln in Antwort auf Lebensbedingungen unterschiedliche Wertesysteme, die jeweils eine in sich kohärente Deutung der Welt ermöglichen. Es gibt nicht die eine richtige Wahrnehmung – es gibt mehrere, die alle ihre eigenen Lebensbedingungen passend bearbeiten.

Don Beck und Christopher Cowan haben Graves‘ Modell 1996 in Spiral Dynamics: Mastering Values, Leadership and Change zu einem Acht-Stufen-Modell ausgebaut, das jeder Stufe eine Farbe gibt. Die Pointe ist nicht das Farbsystem, sondern die Beobachtung, dass Menschen innerhalb einer Stufe einander gut verstehen und zwischen den Stufen oft aneinander vorbeireden – nicht weil sie dumm wären, sondern weil ihre Deutungs-Rahmen unterschiedliche Werte priorisieren.

Wichtig: Spiral Dynamics ist als entwicklungspsychologische Heuristik nützlicher als als empirisch streng belegte Theorie. Die wissenschaftliche Kritik am Modell ist substanziell – die Trennschärfe der acht Stufen ist methodisch nicht gut belegt. Verlässlicher empirisch fundiert ist Jane Loevingers Ego Development-Forschung (1976), die ähnliche Stufen mit psychometrisch besser gesicherten Messverfahren beschreibt. Susanne Cook-Greuter hat Loevinger fortgeführt und in Nine Levels of Increasing Embrace in Ego Development (2013) eine differenzierte Variante vorgelegt.

Was die Konstruktivisten zeigen

Hinter Spiral Dynamics und Loevingers Stufenmodell steht eine ältere wissenschaftliche Tradition: der Konstruktivismus. George Kelly hat 1955 in The Psychology of Personal Constructs gezeigt, dass jeder Mensch die Welt mit einem persönlichen System von Konstrukten interpretiert, das er aus Erfahrung gebaut hat. Paul Watzlawick und das Palo-Alto-Team haben 1967 in Pragmatics of Human Communication (mit der wichtigen Mitautorin Janet Beavin Bavelas) gezeigt, wie diese Konstruktionen in Kommunikation entstehen und sich verfestigen. Heinz von Foerster hat in Sicht und Einsicht (1985) die Pointe in einen ethischen Imperativ übersetzt: „Handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird.“

Was alle drei Forschungslinien teilen: Wir sehen nicht die Wirklichkeit, sondern unsere Konstruktion von ihr. Diese Konstruktion ist nicht beliebig – sie hat ihre eigene Logik, ihre eigenen Wurzeln in der Lebensgeschichte. Aber sie ist eine unter mehreren möglichen. Wer das versteht, hört auf, im Streit über die richtige Deutung zu kämpfen.

Carol Gilligan hat 1982 in In a Different Voice gezeigt, dass dieser Pluralismus auch innerhalb einer Kultur gilt: Männer und Frauen wachsen oft in unterschiedliche moralische Konstruktionen hinein (Gerechtigkeits-Ethik vs. Sorgeethik), die beide ihre eigene Reife haben. Ein Streit, der diese Differenz nicht sieht, wird zu einem Streit über die richtige Antwort auf eine falsch gestellte Frage.

Was das praktisch bedeutet

In meinen Erfahrungen erlebe ich, dass die wichtigste Bewegung in einem Konflikt oft die folgende ist: Statt zu fragen ‚Wie kann ich die andere überzeugen?‘ zu fragen ‚Welches Wertesystem spricht hier gerade? Statt zu fragen „Wie kann ich die andere überzeugen?“ zu fragen „Welches Wertesystem spricht hier gerade? Welche Lebensbedingung versucht es zu bearbeiten?“. Das ist keine relativistische Aufgabe der eigenen Position – sie ist die Voraussetzung dafür, dass eine echte Begegnung möglich wird.

Drei Implikationen daraus:

  • Andere Konstruktionen haben eine Logik. Auch ein Verhalten, das mir irrational erscheint, macht aus einer bestimmten Deutung Sinn. Wer diese Deutung findet, versteht das Verhalten.

  • Die eigene Konstruktion ist ein Rahmen, kein Bild. Was ich für selbstverständlich halte, ist eine Auswahl aus vielen möglichen Deutungen. Diese Bewusstheit allein verändert die Schärfe, mit der ich meine Position vertrete.

  • Vergleichen ist eine Kategorienverwechslung. Mich mit jemandem zu vergleichen, der aus einem anderen Wertesystem heraus lebt, ist ungefähr so, wie Kilogramm und Meter zu addieren. Was ich für „besser“ halte, ist relativ zu einem Rahmen, den die andere Person vielleicht gar nicht teilt.

Die Falle des Vergleichens und der Weg zum Eigenen

Die letzte Pointe ist die für den Berufsalltag wichtigste. Wenn ich verstehe, dass jeder Mensch aus seiner eigenen Konstruktion heraus lebt, höre ich auf, mein Glück an den Maßstäben anderer zu messen. Dann erfüllt sich der Sinn meines Lebens nicht in einer bestimmten Position oder Profession – er erfüllt sich in der Treue zur eigenen Konstruktion und ihrer Weiterentwicklung.

Das ist nicht Selbstgenügsamkeit, die andere Maßstäbe ignoriert. Es ist die innere Klarheit, die andere Maßstäbe als andere Konstruktionen erkennt – nicht als höhere oder niedrigere Versionen meiner eigenen. James Allens „Edelstein der Weisheit“ ist genau diese Klarheit.

Praxis: drei Bewegungen der konstruktiven Gelassenheit

  • Die Vier-Vier-Übung. In einem Konflikt der nächsten Woche kurz innehalten und fragen: Was ist hier die Tod-Bedeutung, was die Vollständigkeits-Bedeutung? Welche dieser zwei Lesarten habe ich gerade aktiv? Welche die andere Person? Schon diese Klärung verändert das Gespräch.

  • Die Wozu-Frage. Statt zu fragen „Warum reagiert die Kollegin so?“, die Frage „Was schützt sie durch diese Reaktion? Welcher Wert steht für sie auf dem Spiel?“ stellen. Das ist die Spiral-Dynamics-Bewegung im Mikro-Format.

  • Die Eigene-Stimme-Prüfung. Einmal pro Woche notieren: An welcher Stelle habe ich mich diese Woche mit jemandem verglichen? Habe ich gerade Kilogramm mit Metern addiert? Was wäre die Frage, die wirklich zu meiner eigenen Konstruktion gehört?

Diese Bewegung verbindet sich mit anderen Praktiken aus der Serie. Sie schließt direkt an die Gelassenheit als reife Erkenntnis an, die ich mit James Allen und Mencius beschrieben habe – nur dass der Akzent hier nicht auf der Reife liegt, sondern auf der konstruktivistischen Wurzel der Gelassenheit. Sie ergänzt das vierte Toltec-Versprechen, das die Konstruktion auf der individuellen Ebene fasst (Perfektionismus als eigene Konstruktion). Und sie öffnet das Feld der Wertschätzung, die Adornos Bedingung der Liebe formuliert: Andere ernstnehmen heißt, ihre Konstruktion ernstnehmen.

Wer mit dieser Bewegung im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) sind unterschiedliche Wahrnehmungsperspektiven und die Übersetzung zwischen ihnen als Grundlage jeder echten Gesprächsführung beschrieben.

Marcus Aurelius schrieb vor 1.800 Jahren in seinen Selbstbetrachtungen: „Das Glück deines Lebens hängt von der Beschaffenheit deiner Gedanken ab.“ Was die Stoiker spürten, hat Spiral Dynamics als Schichtung der Wertesysteme beschrieben und James Allen als Edelstein der Weisheit. Drei Sprachen für dieselbe Beobachtung: Die Welt, die ich sehe, ist immer auch eine Welt, die ich mache. Erst die Bewusstheit dieser Konstruktion gibt mir die Wahl, sie freundlicher zu gestalten.

Quellen

  • Allen, J. (1903). As a Man Thinketh. Verlag Holyoake & Co. (Public Domain; deutsche Ausgaben: zahlreiche)

  • Beck, D. E., & Cowan, C. C. (1996). Spiral Dynamics: Mastering Values, Leadership and Change. Blackwell. (Deutsch: Spiral Dynamics: Leadership, Werte und Wandel, Kamphausen 2007)

  • Cook-Greuter, S. R. (2013). Nine Levels of Increasing Embrace in Ego Development: A Full-Spectrum Theory of Vertical Growth and Meaning Making. Cook-Greuter & Associates.

  • Gilligan, C. (1982). In a Different Voice: Psychological Theory and Women’s Development. Harvard University Press. (Deutsch: Die andere Stimme, Piper 1984)

  • Graves, C. W. (1970). Levels of existence: An open system theory of values. Journal of Humanistic Psychology, 10(2), 131–155. https://doi.org/10.1177/002216787001000205

  • Kelly, G. A. (1955). The Psychology of Personal Constructs. Norton.

  • Loevinger, J. (1976). Ego Development: Conceptions and Theories. Jossey-Bass.

  • Marcus Aurelius (ca. 170–180/2002). Selbstbetrachtungen. Übers. v. Rainer Nickel. Artemis & Winkler.

  • Phillips, D. P., Liu, G. C., Kwok, K., Jarvinen, J. R., Zhang, W., & Abramson, I. S. (2001). The Hound of the Baskervilles effect: Natural experiment on the influence of psychological stress on timing of death. BMJ, 323(7327), 1443–1446. https://doi.org/10.1136/bmj.323.7327.1443

  • Watzlawick, P., Beavin, J. H., & Jackson, D. D. (1967). Pragmatics of Human Communication: A Study of Interactional Patterns, Pathologies, and Paradoxes. Norton. (Deutsch: Menschliche Kommunikation, Huber 1969)

  • Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98

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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung

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