Last updated on 15/06/2026
Königin Christina von Schweden (1626–1689) war eine außergewöhnliche Frau ihrer Zeit – Wissenschaftsförderin, Friedenspolitikerin im Dreißigjährigen Krieg, Förderin René Descartes‘, Aphoristikerin. Ihre Pointe zur Zeit – Vergangenheit vergessen, Gegenwart annehmen oder genießen, Zukunft mit Gelassenheit erwarten – ist mehr als barocker Lebensspruch. Sie deckt sich mit dem, was die moderne Psychologie über die drei Zeitebenen gefunden hat: Hannah Arendt hat den Begriff des „Spalts zwischen Vergangenheit und Zukunft“ geprägt; Daniel Kahneman unterscheidet das experiencing self vom remembering self; Ellen Langers Forschung zeigt, dass bewusste Gegenwärtigkeit messbar Wohlbefinden und kognitive Leistung erhöht. Christina hat das im 17. Jahrhundert intuitiv formuliert – die Wissenschaft hat es seither operationalisiert.
„Le passé doit être oublié, le présent enduré ou apprécié, l’avenir attendu avec sérénité.“ („Die Vergangenheit muss vergessen, die Gegenwart ertragen oder genossen, die Zukunft mit Gelassenheit erwartet werden.“) — Christina von Schweden, zugeschrieben (vermutlich aus Pensées Diverses / Réflexions sur la Vie, posthum)
Christina war Tochter Gustav II. Adolfs, übernahm den schwedischen Thron mit sechs Jahren, regierte ab 1644 selbständig und spielte eine entscheidende Rolle im Westfälischen Frieden 1648. Sie konvertierte 1654 zum Katholizismus, dankte ab, ließ sich in Rom nieder und gründete dort die Accademia Reale – einen Treffpunkt für Wissenschaftler und Künstler ihrer Zeit. Sie war eine der ersten Frauen der europäischen Geschichte, die einen eigenständigen geistigen Salon führte. Ihre Aphorismen, verfasst auf Französisch, gehen auf antike Stoiker wie Marcus Aurelius zurück, den sie nachweislich studierte.
Vergangenheit: Vom Loslassen, das nicht Verleugnung ist
Christinas erster Satz ist provokant: Die Vergangenheit muss vergessen werden. Im wörtlichen Sinn wäre das psychologisch ungesund – Vergangenheit zu verdrängen führt empirisch zu schlechterer mentaler Gesundheit, nicht zu besserer (Pennebaker 1997, Psychological Science).
Was Christina vermutlich meinte – im Geist der stoischen Tradition, die sie las – ist eine andere Form des Umgangs: Akzeptanz, nicht Verdrängung. Marsha Linehan, Begründerin der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT), nennt das Radical Acceptance: das vollständige Anerkennen dessen, was war, ohne die Forderung, es müsste anders gewesen sein. Linehans Forschung zeigt, dass diese Form der Akzeptanz weniger Energie verbraucht als das Hadern – und Raum schafft für Handlung in der Gegenwart.
Hannah Arendt hat in Zwischen Vergangenheit und Zukunft (1961) den Menschen als „Spalt-Wesen“ beschrieben: Wir leben in einem schmalen Zwischenraum, in dem die Vergangenheit uns von hinten drängt und die Zukunft uns von vorne entgegenkommt. Arendts Pointe: In diesem Spalt zu stehen, ist die Bedingung allen Denkens. Wer in der Vergangenheit hängenbleibt, denkt nicht – er rumiert (vgl. Artikel zu Rumination und das Gänseblümchen).
Gegenwart: Mehr als Achtsamkeit
Christinas zweiter Satz – die Gegenwart ertragen oder genießen – enthält eine Differenzierung, die heute leicht überlesen wird. Sie unterscheidet nicht „Gegenwart spüren“ und „Gegenwart vermeiden“, sondern zwei Modi der Gegenwart: das Ertragen dessen, was schwer ist, und das Genießen dessen, was leicht ist. Beides ist Gegenwart, beides verdient Anwesenheit.
Ellen Langer (Harvard) hat in jahrzehntelanger Forschung zur Mindfulness als kognitivem Stil gezeigt, dass bewusste Gegenwärtigkeit nicht primär Meditation ist – sondern die Fähigkeit, in einer Situation neue Distinktionen wahrzunehmen, statt sie nur durch alte Kategorien zu filtern (Langer 1989, Mindfulness; Langer & Moldoveanu 2000, Journal of Social Issues). Ihre berühmte „Counterclockwise“-Studie (1981) zeigte, dass ältere Männer, die eine Woche lang in einem Umfeld lebten, das ihrer Lebenswelt von 20 Jahren zuvor entsprach, messbar jüngere körperliche und kognitive Werte zeigten. Gegenwärtigkeit ist nach Langer eine Wahrnehmungspraxis, keine spirituelle Pose.
Daniel Kahneman hat in Thinking, Fast and Slow (2011) eine zentrale Unterscheidung gemacht: das experiencing self (das, was den Moment erlebt) und das remembering self (das, was sich an den Moment erinnert). Beide bewerten Erfahrungen unterschiedlich. Das erinnernde Selbst gewichtet Höhepunkt und Ende stark (Peak-End-Rule), das erlebende Selbst zählt jeden Moment gleich. Für unsere Frage heißt das: Wer die Gegenwart vor allem für die spätere Erinnerung sammelt, lebt weniger als wer sie für sich nimmt.
Zukunft: Gelassenheit als Praxis
Christinas dritter Satz – die Zukunft mit Gelassenheit erwarten – ist die stoische Pointe in ihrer reinsten Form. Marcus Aurelius schrieb in den Selbstbetrachtungen (ca. 170 n. Chr.): „Nur den gegenwärtigen Augenblick kann uns das Leben rauben; nur über ihn verfügt der Mensch.“ Die Zukunft ist offen – kein Plan beherrscht sie vollständig, keine Sorge verbessert sie.
Was die Forschung dazu sagt: Future-Oriented Anxiety – die ständige Vorwegnahme künftiger Probleme – ist einer der robustesten Prädiktoren für klinische Angststörungen (Borkovec et al. 2004). Yaacov Trope und Nira Liberman haben mit ihrer Construal Level Theory (2010, Psychological Review) gezeigt, dass psychologische Distanz die wahrgenommene Bedrohlichkeit verändert: Was uns jetzt dringend erscheint, wirkt aus einigen Wochen Distanz oft viel weniger zwingend. Die in vielen Coaching-Traditionen verwendete 3-2-1-Methode baut darauf auf (vgl. Artikel zu Manipulationstechniken, wo wir sie ausführlich verankert haben): In drei Stunden? In zwei Monaten? In einem Jahr?
Gelassenheit ist nach dieser Forschung keine Charaktereigenschaft, sondern eine trainierbare kognitive Operation – die Fähigkeit, mental einen Schritt zurückzutreten und die Bedrohlichkeit aus einer anderen Perspektive zu prüfen.
Praxis: Drei Briefe (über drei Abende verteilt)
Statt einer Mikro-Übung diesmal eine Schreib-Praxis über drei Abende – inspiriert von James Pennebakers Forschung zu expressive writing, das in über 200 Studien messbare Effekte auf körperliche und mentale Gesundheit gezeigt hat (Pennebaker & Smyth 2016, Opening Up by Writing It Down).
Abend 1 – Brief an die Vergangenheit (15 Minuten): Schreibe einen Brief an ein vergangenes Du. Wähle eine Phase, die noch nachklingt – ein Jahr, ein Ereignis, eine Beziehung. Schreibe so, als ob Du der anderen Person etwas sagen wolltest, das damals nicht gesagt werden konnte. Was hat sie damals geleistet? Was hast Du jetzt verstanden, das damals unverständlich war? Schreibe ohne Überarbeitung. Nicht abschicken, nicht anderen zeigen. Am Ende: das Blatt zusammenfalten und beiseitelegen – oder, wenn es sich richtig anfühlt, verbrennen.
Abend 2 – Liste der Gegenwart (10 Minuten): Schreibe eine Liste von zehn konkreten Wahrnehmungen aus den letzten 24 Stunden, die Du sonst nicht festgehalten hättest. Nicht Bewertungen, nicht „Heute war ein guter Tag“ – sondern Detail-Aufnahmen. Das Licht im Treppenhaus heute Morgen. Der erste Schluck Kaffee. Das Lachen einer Kollegin am Mittag. Der Geruch im Aufzug. Diese Liste ist Deine Gegenwart in Materialform.
Abend 3 – Brief an die Zukunft (15 Minuten): Schreibe einen Brief an Dein Selbst in einem Jahr. Nicht Pläne, nicht Vorsätze. Sondern: Was hofft Dein heutiges Du, dass sein zukünftiges Du wissen oder weiterhin sehen wird? Welche Gelassenheit wünschst Du Dir? Welche Sorge erlaubst Du Dir loszulassen? Datiere den Brief und versiegele ihn in einem Umschlag mit der Aufschrift „Öffnen in einem Jahr“. Lege ihn ins Bücherregal.
Drei Abende, 40 Minuten insgesamt. Was Du dabei erlebst, ist Christinas Triade in 17. Jahrhundert – nur eben mit Stift statt Federkiel.
Wie sich diese Form der Zeit-Reflexion in Berufsgesprächen wiederfindet – wenn Vergangenes, Gegenwärtiges und Zukünftiges in einem einzigen Dialog Platz finden müssen – ist eines der unterschwelligen Themen von Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)
Marcus Aurelius hat im zweiten Jahrhundert geschrieben: „Mache Dir bewusst, dass jeder Mensch nur in der unteilbaren Gegenwart lebt – in dieser kurzen Spanne. Alles übrige liegt entweder hinter ihm oder ist ungewiss.“ Christina hat ihn vermutlich gelesen, als sie ihre Pensées notierte. Hannah Arendt hat denselben Gedanken in einer modernen Sprache formuliert: dass wir Spalt-Wesen sind, die nirgendwo sonst leben als zwischen dem, was gewesen ist, und dem, was kommt.
Vielleicht ist deshalb die eine Frage, die heute Abend einen Unterschied machen kann, eine ganz schlichte: Welches Detail des heutigen Tages habe ich nicht gesehen, weil ich gedanklich gerade nicht hier war?
Quellen
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Arendt, H. (1961): Between Past and Future. Six Exercises in Political Thought. Viking. — Dt.: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken I (1994). Piper.
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Borkovec, T. D., Alcaine, O. M. & Behar, E. (2004): Avoidance Theory of Worry and Generalized Anxiety Disorder. In: Heimberg, R. G., Turk, C. L. & Mennin, D. S. (Hg.): Generalized Anxiety Disorder. Advances in Research and Practice (S. 77–108). Guilford.
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Christina von Schweden (postum, ca. 1670er Jahre): Maximes et Pensées / Réflexions sur la Vie. Verschiedene Ausgaben.
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Kahneman, D. (2011): Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux. — Dt.: Schnelles Denken, langsames Denken (2012). Siedler.
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Langer, E. J. (1989): Mindfulness. Addison-Wesley.
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Langer, E. J. & Moldoveanu, M. (2000): The construct of mindfulness. Journal of Social Issues, 56(1), 1–9. DOI: 10.1111/0022-4537.00148
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Linehan, M. M. (1993): Cognitive-Behavioral Treatment of Borderline Personality Disorder. Guilford. — Dt.: Dialektisch-behaviorale Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung (1996). CIP-Medien.
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Marcus Aurelius (ca. 170 n. Chr.): Ta eis heauton. Standard-Übersetzung: Selbstbetrachtungen (2010). Reclam.
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Pennebaker, J. W. (1997): Writing About Emotional Experiences as a Therapeutic Process. Psychological Science, 8(3), 162–166. DOI: 10.1111/j.1467-9280.1997.tb00403.x
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Pennebaker, J. W. & Smyth, J. M. (2016): Opening Up by Writing It Down. How Expressive Writing Improves Health and Eases Emotional Pain. Guilford.
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Trope, Y. & Liberman, N. (2010): Construal-Level Theory of Psychological Distance. Psychological Review, 117(2), 440–463. DOI: 10.1037/a0018963
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Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)
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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung.

