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Die drei Gesichter der Geduld – wie ich mit Hindernissen, Anderen und mir selbst warte

Last updated on 16/06/2026

„Geduld nicht zu verlieren, auch wenn es unmöglich scheint, ist Geduld“ – diese japanische Weisheit umkreist einen Begriff, der im westlichen Sprachgebrauch oft mit Passivität verwechselt wird. Doch Geduld trägt eine eigene, aktive Form der inneren Haltung. Sarah Schnitker hat seit 2012 in ihrer Forschung drei Geduldsformen unterschieden – mit Hindernissen, mit Anderen, mit Lebensumständen –, die unterschiedlich gut entwickelt und je anders trainiert werden. Im Berufsalltag kommt besonders die zweite Form zu kurz: die Bereitschaft, der Kollegin zu erlauben, ihre eigene Lösung zu finden, auch wenn ich schon eine im Kopf habe. Mencius hat dafür vor 2.400 Jahren das Bild gefunden, das ich im Gelassenheits-Beitrag schon zitiert habe – wer am Gras zieht, macht es nicht schneller wachsen.

Was die japanische Tradition mit Geduld meint

Das japanische Wort für Geduld ist gaman (我慢) – ein Begriff, der „ertragen mit Würde“, „durchhalten ohne Klage“ und „aushalten ohne sich zu beschweren“ zugleich bedeutet. Gaman ist in der japanischen Kultur eine zentrale Tugend, die oft mit der Erfahrung der Nachkriegszeit verbunden wird, aber tiefer in der buddhistisch-konfuzianisch-shintoistischen Tradition wurzelt. Es bezeichnet nicht passives Erleiden, sondern eine aktive, würdevolle Haltung im Angesicht des Unvermeidbaren.

Die japanische Wendung „Geduld nicht zu verlieren, auch wenn es unmöglich scheint, ist Geduld“ macht den Punkt, der westliche Übersetzungen häufig verfehlen: Geduld ist nicht das, was bleibt, wenn alles leicht geht. Sie ist das, was getan wird, wenn alles schwer wird.

Was Sarah Schnitker zur Geduld erforscht hat

Sarah Schnitker, Psychologin an der Baylor University, hat seit 2007 die psychologische Forschung zur Geduld systematisch ausgebaut. Ihre Pointe in einer wichtigen Studie von 2012 im Journal of Positive Psychology: Geduld ist nicht ein Konstrukt, sondern drei. Die drei Formen korrelieren nur moderat miteinander – jemand kann in einer Form geduldig sein und in einer anderen wenig.

  • Interpersonale Geduld – Geduld mit anderen Menschen, mit ihrer Sprechgeschwindigkeit, ihrem Lerntempo, ihren Eigenheiten.

  • Geduld mit Lebensumständen – Geduld mit großen, schwer veränderbaren Schwierigkeiten: Krankheit, Verlust, langwierige Lebensphasen.

  • Geduld mit täglichen Hindernissen – Geduld an der roten Ampel, in der Warteschlange, bei einer langsamen Internetverbindung.

Schnitker hat 2012 mit einer Pilotstudie gezeigt, dass alle drei Formen durch ein zweiwöchiges Training (basierend auf Identifikation der eigenen Geduldsmuster, Reflexion über eigene Werte und Achtsamkeitsübungen) signifikant verbessert werden konnten. Geduld ist erlernbar – nicht als Charaktereigenschaft, sondern als eingeübte Praxis.

Besonders interessant: Höhere Geduld korreliert in Schnitkers Untersuchungen mit höherem Wohlbefinden, geringerer Depression und einer stabileren Fähigkeit, langfristige Ziele zu verfolgen – stärker noch als andere positive Persönlichkeitsmerkmale.

Walter Mischel und der Belohnungsaufschub

Eine andere Forschungslinie zur Geduld geht auf Walter Mischels berühmte Marshmallow-Studien (ab 1972) zurück. Kinder bekamen ein Marshmallow vor sich gestellt – mit dem Angebot, ein zweites zu bekommen, wenn sie warten konnten. Mischel und Kollegen verfolgten die Kinder Jahrzehnte später und fanden Korrelationen zwischen Wartefähigkeit und späterem Erfolg im Studium, geringerem BMI, besseren Bewältigungsstrategien.

Was in der populären Rezeption oft übersehen wird: Mischel selbst betonte, dass die Wartefähigkeit erlernbar ist – kein angeborenes Merkmal. In The Marshmallow Test (2014) beschreibt er die kognitiven Strategien, die das Warten erleichtern: die Aufmerksamkeit von der Belohnung weg lenken, die Belohnung mental „kühl“ repräsentieren (als Wolke, nicht als Süßigkeit), an etwas anderes denken.

Eine wichtige Korrektur lieferten Celeste Kidd, Holly Palmeri und Richard Aslin 2013 in Cognition: Sie zeigten, dass die Wartefähigkeit der Kinder massiv davon abhängt, ob sie der Versuchsleiterin trauen. Wenn Kinder vorher erlebt hatten, dass Versprechen gebrochen wurden, warteten sie deutlich weniger – nicht aus mangelnder Selbstkontrolle, sondern aus rationaler Vorsicht. Geduld ist also auch eine Funktion des Vertrauens in die Umwelt.

Geduld mit Anderen – die unterschätzte Form

Im Berufsalltag erlebe ich die interpersonale Geduld als die anstrengendste der drei Formen. Ich habe oft schon eine fertige Lösung im Kopf, bevor die Kollegin überhaupt zu Ende formuliert hat. Diese Lösung könnte gut sein – aber sie ist meine, und sie ist nicht der Punkt. Der Punkt ist, dass die Kollegin ihre eigene Lösung finden darf, auch wenn sie anders aussieht als meine.

Drei Gründe machen das schwer:

Erstens: Effizienz fühlt sich wie eine Tugend an. Schneller fertig zu sein wirkt produktiv, auch wenn das Ergebnis dann weniger trägt, weil es nicht eigen erarbeitet wurde.

Zweitens: Kontrolle gibt Sicherheit. Wenn ich die Lösung diktiere, weiß ich, was herauskommt. Wenn ich warte, weiß ich es nicht.

Drittens: Mein Modell hat sich bewährt. Es scheint mir naheliegend, es weiterzugeben. Dabei übersehe ich oft, dass die Kollegin in einer leicht anderen Situation arbeitet, mit anderen Bedingungen und manchmal mit besserer Information.

Die Forschung zur psychologischen Sicherheit (Edmondson 2018, vgl. mein Beitrag zur Wertschätzung) zeigt, dass Teams, in denen das schnelle Diktieren dominiert, langfristig weniger lernen, weniger Innovation hervorbringen und höhere Fluktuation haben. Die kleine Geduld in dem einzelnen Gespräch trägt das ganze System.

Mencius und das Grasziehen – eine Quellenklärung

Die Wendung „Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht“ wird im deutschen Sprachraum oft als afrikanisches Sprichwort zitiert. Ihr genau belegbarer Ursprung liegt aber im Mengzi (Mencius), Buch 2A:2, im 4. Jahrhundert vor Christus: dort zog der Mann aus Song an seinen Reissetzlingen und verdarb sie. Das chinesische Sprichwort yà miáo zhù zhǎng (拔苗助長) ist daraus geworden. Ich habe diese Quelle im Gelassenheits-Beitrag ausführlicher beschrieben – sie passt aber auch hier: Geduld ist die genaue Bewegung, die das Grasziehen unterlässt.

Mehrere Kulturen haben ähnliche agrarische Bilder entwickelt – nicht überraschend bei einer fast universellen menschlichen Erfahrung mit langsam wachsenden Pflanzen. Aber die präzise Form, die im Westen kursiert, lässt sich auf Mencius zurückführen.

Praxis: drei Mikro-Übungen zur Geduld

Wer mit Schnitkers drei Formen arbeiten möchte, kann jeden Tag eine kleine Übung machen:

  • Interpersonale Geduld. In einem Gespräch heute bewusst zwei Atemzüge warten, bevor ich antworte – auch wenn ich die Antwort schon weiß. Beobachten, was in dieser Zeit zusätzlich gesagt wird, das ich beinahe abgeschnitten hätte.

  • Geduld mit täglichen Hindernissen. An der nächsten roten Ampel oder Warteschlange nicht zum Telefon greifen, sondern atmen. Drei Minuten genügen, um den Reflex zu unterbrechen.

  • Geduld mit Lebensumständen. Eine konkrete Situation, in der ich gerade ungeduldig auf eine Veränderung warte – kann ich sie als „Bearbeitungsphase“ anerkennen? Geht es vielleicht nur darum, dem Prozess seine Zeit zu lassen, statt am Gras zu ziehen?

Diese Bewegung verbindet sich mit anderen Beiträgen dieser Serie. Sie ist die Schwester der Gelassenheit, die ich zuletzt mit James Allen und dem Mencius-Bild beschrieben habe – beide gehören zur reifen Praxis, die andere wachsen lässt. Sie braucht die Wertschätzung, die Adornos Bedingung der Liebe formulierte: dass Schwäche nicht ausgenutzt werden darf. Und sie öffnet den inneren Raum für das Gegenüber, den ich mit dem Bild der vollen Tasse als Voraussetzung jeder echten Begegnung beschrieben habe.

Wer mit den drei Geduldsformen im Berufsalltag arbeiten möchte: In meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Voss 2023, tidd.ly/4vwIC98) sind die Innenhaltung vor und während eines Gesprächs als zentrale Vorbereitungspraxis beschrieben – mit konkreten Anwendungen für Coaching-, Feedback- und Veränderungsgespräche.

Geduld ist eine stille Form von Mut. Sie verlangt, dass ich auf das Eingreifen verzichte, obwohl ich könnte – und stattdessen warte, was sich entwickelt, wenn ich es lasse. Wer dem Gras erlaubt zu wachsen, ohne daran zu ziehen, übt eine alte Praxis. Mut tut gut – auch und gerade im Schweigen, das dem anderen Raum gibt.

Quellen

  • Brown, K. W., & Ryan, R. M. (2003). The benefits of being present: Mindfulness and its role in psychological well-being. Journal of Personality and Social Psychology, 84(4), 822–848. https://doi.org/10.1037/0022-3514.84.4.822

  • Edmondson, A. C. (2018). The Fearless Organization: Creating Psychological Safety in the Workplace for Learning, Innovation, and Growth. Wiley. (Deutsch: Die angstfreie Organisation, Vahlen 2020)

  • Kidd, C., Palmeri, H., & Aslin, R. N. (2013). Rational snacks: Young children’s decision-making on the marshmallow task is moderated by beliefs about environmental reliability. Cognition, 126(1), 109–114. https://doi.org/10.1016/j.cognition.2012.08.004

  • Mencius / Mengzi (4. Jh. v. Chr.). Mengzi. Buch 2A:2. Übers. v. Stephan Schuhmacher. Diederichs 1996.

  • Mischel, W. (2014). The Marshmallow Test: Mastering Self-Control. Little, Brown and Company. (Deutsch: Der Marshmallow-Test, Siedler 2015)

  • Schnitker, S. A. (2012). An examination of patience and well-being. Journal of Positive Psychology, 7(4), 263–280. https://doi.org/10.1080/17439760.2012.697185

  • Schnitker, S. A., & Emmons, R. A. (2007). Patience as a virtue: Religious and psychological perspectives. Research in the Social Scientific Study of Religion, 18, 177–207.

  • Voss, S. (2023). Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. https://tidd.ly/4vwIC98

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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

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