Last updated on 16/06/2026
Stress entsteht nach Richard S. Lazarus und Susan Folkman (1984) nicht aus dem Ereignis selbst, sondern aus seiner Bewertung im Verhältnis zu den eigenen Ressourcen. Das transaktionale Stressmodell ist seit Jahrzehnten das Standardmodell der Stressforschung. Folkmans spätere Arbeiten (2008) ergänzten um „meaning-focused coping“ – die Brücke zu den Positive Psychology Interventions. Die zentrale Botschaft: Stress ist nicht primär ein Ereignis, sondern eine Beziehung. Und diese Beziehung lässt sich gestalten.
Wer Stress reduzieren will, kommt an Lazarus und Folkman nicht vorbei. Ihr Buch Stress, Appraisal, and Coping (Springer, 1984) hat die Stressforschung neu definiert – und liefert bis heute die theoretische Grundlage für moderne Interventionen.
Das transaktionale Stressmodell
Lazarus & Folkman beschreiben Stress als das Ergebnis zweier Bewertungsprozesse:
1. Primary Appraisal – die Frage: Stellt diese Situation eine Bedrohung dar? 2. Secondary Appraisal – die Frage: Habe ich die Ressourcen, um damit umzugehen?
Stress entsteht erst dann, wenn die wahrgenommene Anforderung die wahrgenommenen Ressourcen übersteigt. Diese Definition hat eine wichtige Konsequenz: Stress ist veränderbar – nicht durch die Veränderung des Ereignisses, sondern durch die Veränderung seiner Bewertung und der eigenen Ressourcenwahrnehmung.
Drei Arten von Coping
Lazarus und Folkman unterschieden ursprünglich zwei Coping-Strategien, Folkman ergänzte 2008 eine dritte:
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Problem-focused coping: Das Stressereignis aktiv verändern – z.B. eine Aufgabe priorisieren, ein Konfliktgespräch suchen.
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Emotion-focused coping: Die emotionale Reaktion regulieren – z.B. durch Atemtechniken, Reframing, Ablenkung.
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Meaning-focused coping (Folkman 2008): Der Situation einen Sinn geben, der sie tragbarer macht – die zentrale Brücke zur Positiven Psychologie.
Positive Psychology Interventions (PPIs) als Coping-Ressourcen
Die Forschung der letzten zwanzig Jahre hat eine ganze Familie von Interventionen entwickelt, die nachweislich Stresslevel senken, positive Affekte steigern und Sinn-Erleben verstärken. Sie greifen mehrere Themen auf, über die ich in dieser Serie geschrieben habe:
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Achtsame Wahrnehmung – siehe meinen Artikel zu Achtsamkeit
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Dankbarkeit – siehe meinen Artikel zur Kraft der Dankbarkeit
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Selbstmitgefühl – siehe meinen Artikel zu Self-Compassion
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Wertschätzung und Anerkennung – siehe meinen Artikel zur 5-Stufen-Kette nach Haller
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Savoring – das bewusste „Auskosten“ positiver Momente
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Positive Reappraisal – die Neubewertung einer Situation aus einer ressourcenorientierten Sicht
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Personal Strengths – das gezielte Einsetzen eigener Charakterstärken
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Acts of Kindness – kleine Handlungen für andere als Eigentherapie
Diese Interventionen sind in zahlreichen Studien (u.a. Meta-Analysen von Sin & Lyubomirsky 2009) als wirksam belegt – sie reduzieren depressive Symptome und steigern Wohlbefinden.
Was das für den Berufsalltag bedeutet
Coping ist keine Privatsache. Wer in Führungsverantwortung steht, gestaltet das Stress-Umfeld der eigenen Teams mit. Drei praktische Hebel:
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Bewertungsräume öffnen: „Wie schauen wir auf diese Situation? Welche Ressourcen übersehen wir gerade?“
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Sinn-Anker setzen: „Wofür lohnt es sich, diese Phase zu durchstehen? Was lernen wir daraus?“
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Mikro-Praktiken etablieren: Drei-Atemzüge-Pausen, kurze Dankbarkeits-Runden, gezielte Wertschätzung im Team
Gandhi schrieb 1913 in Indian Opinion: „Wenn wir uns selbst ändern könnten, würden sich auch die Tendenzen in der Welt verändern.“ Die berühmtere Verkürzung „Be the change…“ ist allerdings nicht von ihm – sie stammt aus einem amerikanischen Bildungs-Projekt der 1970er Jahre. Doch sein Gedanke trifft den Kern transaktionaler Stressbewältigung: Die Veränderung beginnt nicht in der Welt, sondern in der inneren Bewertung dessen, was die Welt uns zumutet.
Wie diese Bewertungsräume in beruflichen Gesprächen geöffnet werden – im Mitarbeitergespräch, in der Konfliktklärung, im Change-Prozess – ist eines der Kernthemen von Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98
Quellen:
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Lazarus, R. S. & Folkman, S. (1984): Stress, Appraisal, and Coping. Springer Publishing.
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Folkman, S. (2008): The case for positive emotions in the stress process. Anxiety, Stress & Coping, 21(1), 3–14. DOI: 10.1080/10615800701740457
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Sin, N. L. & Lyubomirsky, S. (2009): Enhancing well-being and alleviating depressive symptoms with positive psychology interventions: A practice-friendly meta-analysis. Journal of Clinical Psychology, 65(5), 467–487. DOI: 10.1002/jclp.20593
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Bryant, F. B. & Veroff, J. (2007): Savoring: A New Model of Positive Experience. Lawrence Erlbaum. (Grundlagentext zu Savoring)
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Gandhi, M. K. (1913): „General Knowledge About Health.“ Indian Opinion, 9. August 1913.
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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

