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Wenn aus Steinen Wegweiser werden – Alia Crum, James Gross und die Wissenschaft des Reframings

Last updated on 15/06/2026

Vor zweitausend Jahren hat der stoische Philosoph Epictet eine These formuliert, die die moderne Emotionsregulationsforschung in mehreren Hundert Studien validiert hat: Nicht die Ereignisse selbst belasten uns, sondern unsere Deutung dieser Ereignisse. James Gross (Stanford University) hat mit seinem Process Model of Emotion Regulation (Gross 1998; Gross & John 2003) das wirksamste Werkzeug der kognitiven Umdeutung empirisch belegt: Cognitive Reappraisal, die bewusste Neubewertung einer Situation, ist signifikant wirksamer als das Unterdrücken einer Emotion – mit messbaren Effekten auf Wohlbefinden, Beziehungsqualität und sogar physiologische Stressmarker. Alia Crum (Stanford) hat in einer beachtenswerten Reihe von Studien (Crum, Salovey & Achor 2013, Journal of Personality and Social Psychology) gezeigt: Wer Stress als hilfreich deutet, hat nicht nur ein anderes Erleben – auch das Cortisol-Profil, die Herzfrequenzvariabilität und die kognitive Leistung verändern sich. Die Deutung eines Hindernisses ist also nicht nur eine psychologische, sondern auch eine biologische Variable. Wer einen Stein auf seinem Weg sieht, hat drei Möglichkeiten der Reaktion – und alle drei sind Coping-Strategien mit empirisch verschiedenen Konsequenzen.

„Die Menschen werden nicht durch die Dinge beunruhigt, die ihnen widerfahren, sondern durch die Meinungen, die sie davon haben.“ — Epictet, Enchiridion 5 (ca. 125 n. Chr.)

In jedem Leben tauchen Steine auf dem Weg auf – größere und kleinere Hindernisse, die wir uns nicht ausgesucht haben und die sich nicht ohne Weiteres wegräumen lassen. Drei Reaktionen sind möglich: Man kann vor dem Stein sitzen und warten, dass jemand ihn entfernt. Man kann mit Hebeln und Werkzeug versuchen, ihn selbst wegzuräumen. Oder man kann, wenn das nicht gelingt, einen Umweg suchen oder eine Brücke bauen. Die ersten beiden Reaktionen sind in der psychologischen Forschung gut beschrieben. Die dritte – die kreative – ist die interessanteste. Sie verlangt etwas, was in der Forschung Cognitive Reappraisal heißt: die bewusste Umdeutung der Situation.

James Gross und die Wissenschaft der kognitiven Neubewertung

James Gross (Stanford University) hat in den späten 1990er Jahren mit seinem Process Model of Emotion Regulation (Gross 1998, Review of General Psychology) eines der einflussreichsten Modelle der modernen Emotionsforschung vorgelegt. Sein zentraler Befund: Es gibt mindestens zwei sehr unterschiedliche Strategien, mit unangenehmen Emotionen umzugehen, und sie haben gegensätzliche Konsequenzen.

  • Expressive Suppression – das Unterdrücken des emotionalen Ausdrucks: „Mir geht’s gut, lass uns weitermachen.“ Diese Strategie reduziert kurzfristig den sichtbaren Affekt, lässt aber das innere Erleben unverändert. Studien zeigen: Sie ist mit höherer physiologischer Belastung, geringerem Wohlbefinden und schlechteren sozialen Beziehungen verbunden (Gross & John 2003, Journal of Personality and Social Psychology).

  • Cognitive Reappraisal – die bewusste Umdeutung der Situation, bevor die Emotion voll entstanden ist: „Das ist eine schwierige Situation – aber auch eine Chance, etwas Wichtiges zu lernen.“ Diese Strategie ist mit höherem Wohlbefinden, besseren Beziehungen und stabilerer kognitiver Leistung verbunden. In neurowissenschaftlichen Studien (Ochsner & Gross 2005, Trends in Cognitive Sciences) zeigt sich: Reappraisal aktiviert präfrontale Areale und dämpft die Amygdala-Reaktion auf belastende Stimuli.

Gross‘ Pointe: Beide Strategien sind menschlich, aber sie sind nicht gleichwertig. Wer routinemäßig zu Suppression greift, baut über Jahre eine kostspielige innere Architektur auf. Wer Reappraisal trainiert, baut eine Ressource, die in Krisensituationen verfügbar wird.

Alia Crum: Stress Mindset und die Macht der Deutung

Alia Crum (Stanford University) hat in einer der elegantesten Studien-Serien der letzten Jahre gezeigt, dass Reappraisal nicht nur das subjektive Erleben verändert, sondern auch die Biologie. Ihre Stress-Mindset-Forschung (Crum, Salovey & Achor 2013) hat zwei Mindset-Pole identifiziert:

  • Stress-is-debilitating Mindset – die Überzeugung, dass Stress schadet, krank macht, die Leistung beeinträchtigt.

  • Stress-is-enhancing Mindset – die Überzeugung, dass Stress mobilisiert, fokussiert, Wachstum ermöglicht.

In ihren Experimenten teilte Crum die Teilnehmenden in zwei Gruppen und zeigte ihnen vor einer stressigen Aufgabe je ein dreiminütiges Video – das eine betonte die schädlichen, das andere die hilfreichen Aspekte von Stress. Die Ergebnisse waren bemerkenswert: Die Stress-is-enhancing-Gruppe zeigte unterschiedliche Cortisol-Reaktionen (eine moderatere Stressantwort), bessere kognitive Leistung in der Folgeaufgabe und höhere selbstberichtete Motivation. Die Deutung des Stresses hatte die Biologie des Stresses verändert.

Crums Pointe: Das „Stress is bad“-Paradigma der populären Selbsthilfeliteratur ist nicht nur ungenau – es ist aktiv schädlich, weil es die Annahme stabilisiert, die den Stress erst wirksam macht. Kelly McGonigal (Stanford) hat diese Forschung in The Upside of Stress (2015) für ein breiteres Publikum aufgearbeitet. Ihre Pointe: Stress ist die physiologische Antwort des Körpers auf etwas Wichtiges. Wer ihn als Information statt als Bedrohung liest, hat eine völlig andere Ressource.

Lazarus, Folkman, Crum: Drei Reaktionen, drei Mindsets

Die drei Reaktionen auf einen Stein – warten, wegräumen, Brücke bauen – lassen sich an die klassische Coping-Forschung anschließen. Richard Lazarus und Susan Folkman haben in Stress, Appraisal, and Coping (1984) gezeigt: Coping beginnt mit der kognitiven Bewertung (Appraisal). Erst wenn ich eine Situation als bedeutsam und potenziell stressig einstufe, treten Coping-Strategien in Aktion. Der entscheidende Punkt ist die Sekundärbewertung: Habe ich Ressourcen, mit dieser Situation umzugehen? Wer hier ein klares Nein hört, geht in Disengagement (Strategie 1). Wer ein klares Ja hört, geht in Problem-Focused Coping (Strategie 2). Wer ein „noch nicht“ hört, geht in das, was Folkman später Meaning-Focused Coping (2008) nannte – die Suche nach Sinn und alternativen Wegen.

Crums Stress-Mindset-Forschung baut darauf auf. Sie zeigt: Die Sekundärbewertung ist nicht objektiv. Sie ist eine erlernte Gewohnheit, die im Mindset wurzelt. Wer Stress als enhancing deutet, hört bei Hindernissen früher und häufiger ein „Ja, ich habe Ressourcen“ – nicht weil er objektiv mehr hat, sondern weil seine kognitive Bewertung anders verläuft.

Carol Dweck und das Wachstumsfeld

Carol Dweck (Stanford) hat mit ihrer Forschung zu Growth Mindset vs. Fixed Mindset (Dweck 2006, vgl. Artikel zu Pygmalion) einen verwandten Befund geliefert: Menschen, die ihre Fähigkeiten als entwickelbar betrachten, reagieren auf Misserfolge mit Anstrengung und Lernverhalten. Menschen, die ihre Fähigkeiten als fixiert betrachten, reagieren mit Vermeidung und Defensivität.

Dwecks Studien sind in den letzten Jahren methodisch differenzierter geworden – die ursprünglichen Effektstärken waren überschätzt, das Konzept aber im Kern robust (Yeager & Dweck 2020). Was Dweck zeigt: Mindsets sind keine Persönlichkeitsmerkmale, sondern erlernte kognitive Gewohnheiten – und sie lassen sich durch gezielte Interventionen verändern. Ein paar Wochen mit bewusster Reappraisal-Übung verändern das Standard-Mindset messbar.

Praxis: Die Drei-Linsen-Übung (20 Minuten)

Statt einer abstrakten Übung diesmal eine konkrete Anwendung der Reappraisal-Forschung auf einen Stein, der gerade in Deinem Weg liegt.

Vorbereitung (3 Minuten): Wähle ein konkretes Hindernis aus den letzten zwei Wochen, mit dem Du noch nicht abgeschlossen hast. Eine Situation, eine Person, ein Projekt, eine Entscheidung. Schreibe in einem Satz auf: Mein Stein gerade ist: …

Linse 1 – Was ist das Risiko? (5 Minuten) Schreibe drei bis fünf Sätze über die Gefahren dieser Situation. Was kann schiefgehen? Was würde ich verlieren? Wovor habe ich Angst? Sei ehrlich und konkret. Diese Linse ist die Standardperspektive, die unser Gehirn automatisch einnimmt – sie braucht keine Übung, aber sie braucht den ehrlichen Blick.

Linse 2 – Was ist die Möglichkeit? (5 Minuten) Schreibe drei bis fünf Sätze über die Chancen, die in dieser Situation liegen könnten – auch und gerade die unsichtbaren. Was könnte ich lernen? Welche Fähigkeit könnte ich entwickeln? Welche Beziehungen könnten gestärkt werden? Welche Entscheidung wird mir abgenommen, die ich sonst hätte fällen müssen? Diese Linse fühlt sich oft erzwungen an – das ist normal. Sie ist nicht naiv, sondern explizit konstruktiv.

Linse 3 – Was zeigt mir der Stein über meinen Weg? (5 Minuten) Diese Linse ist die anspruchsvollste. Sie fragt nicht „Was kann ich aus der Situation machen?“, sondern „Was sagt mir diese Situation über meinen aktuellen Lebensabschnitt?“ Worauf weist sie mich hin? Welche Werte werden gerade getestet? Welche Frage stellt sie mir, die ich sonst vermieden hätte? Diese Linse ist Meaning-Focused Coping (Folkman 2008) – sie wandelt das Hindernis von einem Problem in eine Information über die eigene Lebensbewegung.

Auswertung (2 Minuten): Lies die drei Linsen nacheinander. Du wirst etwas Spezielles bemerken: Der Stein hat sich nicht verändert. Aber Dein inneres Bild von ihm hat sich verändert. Diese Verschiebung ist das, was Gross Cognitive Reappraisal nennt – sie ist trainierbar, sie wird mit Übung schneller verfügbar, und sie ist nach Hunderten von Studien eine der effektivsten Strategien für Wohlbefinden und kognitive Leistung.


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Gross, Crum, McGonigal, Dweck, Lazarus, Folkman – aus mehreren Jahrzehnten Forschung kommt eine empirisch robuste Beobachtung: Hindernisse sind nicht objektiv das, was sie sind. Sie sind das, wofür wir sie halten – und diese Deutung verändert nicht nur unser Erleben, sondern unsere Physiologie, unsere Handlungsfähigkeit und letztlich auch unseren Erfolg im Umgang mit ihnen. Epictet hatte recht – vor zweitausend Jahren, mit deutlich weniger Studien im Rücken.

Probiere diese Woche die Drei-Linsen-Übung an einem konkreten Hindernis aus. Notiere die drei Linsen-Antworten und leg den Zettel zur Seite. Am Wochenende holst Du ihn wieder hervor und beobachtest, was sich verändert hat – nicht an der Situation, sondern an Dir.


Quellen

  • Crum, A. J., Salovey, P. & Achor, S. (2013): Rethinking Stress: The Role of Mindsets in Determining the Stress Response. Journal of Personality and Social Psychology, 104(4), 716–733. DOI: 10.1037/a0031201

  • Dweck, C. S. (2006): Mindset. The New Psychology of Success. Random House. — Dt.: Selbstbild. Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt (2017). Piper.

  • Epictet (ca. 125 n. Chr.): Enchiridion / Handbüchlein der Moral. Diverse Ausgaben.

  • Folkman, S. (2008): The case for positive emotions in the stress process. Anxiety, Stress, and Coping, 21(1), 3–14. DOI: 10.1080/10615800701740457

  • Gross, J. J. (1998): The Emerging Field of Emotion Regulation: An Integrative Review. Review of General Psychology, 2(3), 271–299. DOI: 10.1037/1089-2680.2.3.271

  • Gross, J. J. & John, O. P. (2003): Individual differences in two emotion regulation processes: Implications for affect, relationships, and well-being. Journal of Personality and Social Psychology, 85(2), 348–362. DOI: 10.1037/0022-3514.85.2.348

  • Lazarus, R. S. & Folkman, S. (1984): Stress, Appraisal, and Coping. Springer. — Dt.: Stress, Bewertung und Bewältigung (1989). Hans Huber.

  • McGonigal, K. (2015): The Upside of Stress. Why Stress Is Good for You, and How to Get Good at It. Avery. — Dt.: Glücksfaktor Stress (2017). Goldmann.

  • Ochsner, K. N. & Gross, J. J. (2005): The cognitive control of emotion. Trends in Cognitive Sciences, 9(5), 242–249. DOI: 10.1016/j.tics.2005.03.010

  • Yeager, D. S. & Dweck, C. S. (2020): What can be learned from growth mindset controversies? American Psychologist, 75(9), 1269–1284. DOI: 10.1037/amp0000794

  • Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)

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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung.

Published inMut tut gutWahrnehmung und DeutungWahrnehmung und Deutung