Last updated on 16/06/2026
Glaubenssätze entscheiden, wie wir Situationen deuten – oft lange bevor wir es bewusst merken. Daniel Kahneman hat in Thinking, Fast and Slow (2011) den Mechanismus beschrieben: System 1 arbeitet automatisch, schnell, kaum kontrollierbar. Taibi Kahler hat im Rahmen der Transaktionsanalyse von Eric Berne fünf zentrale Antreiber (drivers) identifiziert, die in Berufsalltagen wiederkehren: Sei perfekt! Sei stark! Mach es recht! Streng dich an! Beeil dich! Wer sie kennt, kann sie nicht abschaffen – aber wahrnehmen, kontextualisieren und entschärfen. Aaron Becks kognitive Umstrukturierung und Albert Ellis‘ ABC-Modell zeigen, wie das praktisch geht.
Im Original-Bild von Glaubenssätzen, das auch im Berufsalltag oft kursiert: Ein Düsenjet fliegt vorbei, und wir hören ihn erst, wenn er schon längst weg ist. Genau so funktioniert System 1: Es hat die Deutung einer Situation schon vorgenommen, bevor System 2 – das langsame, bewusste, analytische Denken – überhaupt eingeschaltet ist. Was wir dann tun, ist nicht Wahl, sondern Reaktion. Glaubenssätze sitzen tief in System 1, weil sie früh erworben und tausendfach wiederholt wurden.
Was die Transaktionsanalyse darüber weiß: Berne und Kahler
Eric Berne (1910–1970), kanadisch-amerikanischer Psychiater, begründete in den 1960er Jahren die Transaktionsanalyse (TA) – einen psychotherapeutischen Ansatz, der menschliches Verhalten als Ergebnis von „Ich-Zuständen“ (Eltern-Ich, Erwachsenen-Ich, Kindheits-Ich) und früh erworbenen Lebensskripten beschreibt. Sein Bestseller Games People Play (1964) und sein Spätwerk What Do You Say After You Say Hello? (1972) wurden weltweit bekannt.
Taibi Kahler, klinischer Psychologe und Berne-Schüler, hat 1974 in einer Studie zur Bewährungshilfe das Mini-Skript-Modell entwickelt (Kahler & Capers 1974, Transactional Analysis Journal). Sein Befund: In jedem Lebensskript lassen sich fünf bestimmte „Antreiber“ identifizieren – kurze innere Botschaften, die in Sekundenbruchteilen aktiviert werden und unsere Reaktion in stressigen Situationen prägen. Diese Botschaften sind nicht „falsch“ – sie waren in der Kindheit funktional. Sie werden problematisch, wenn sie unhinterfragt und im falschen Kontext zur Anwendung kommen.
Julie Hay, britische TA-Trainerin und Autorin von Working It Out at Work (1993), hat das Modell für den Berufsalltag besonders fruchtbar gemacht. Ihre Pointe: Wer seine eigenen Antreiber kennt, hat eine Selbstdiagnose-Lupe für Stress-Situationen. Wer die Antreiber seiner Mitmenschen erkennt, kann besser kommunizieren – ohne Mutmaßungen über deren „Persönlichkeit“ anstellen zu müssen.
Die fünf klassischen Antreiber – mit Stärke und Schatten
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Sei perfekt! (Be perfect) Stärke: hohe Qualität, Sorgfalt, Verlässlichkeit. Schatten: Überarbeitung, Kontrollzwang, Nicht-fertig-werden-Können. Im Berufsalltag oft bei Detailorientierten, Buchhaltung, technischer Dokumentation.
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Sei stark! (Be strong) Stärke: Belastbarkeit, Krisenresistenz, „Kann ich machen“. Schatten: Emotionen werden unterdrückt, Hilfe wird nicht angenommen, Burnout-Risiko steigt. Häufig bei Führungskräften, Pflege, Ärzten.
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Mach es recht! (Please others) Stärke: Empathie, soziale Wärme, Teamfähigkeit. Schatten: schwer Nein sagen können, ständige Anpassung, Selbstverlust. Im Berufsalltag oft bei Vertrieb, Beratung, sozialen Berufen.
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Streng dich an! (Try hard) Stärke: Energie, Engagement, „nicht aufgeben“. Schatten: Etwas wird nicht fertig, das Anfangen wird zum Ritual, der Erfolg wird zum Problem. Häufig bei kreativen Berufen.
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Beeil dich! (Hurry up) Stärke: Tempo, Effizienz, „nicht trödeln“. Schatten: Unruhe, Flüchtigkeitsfehler, Aufschieben des Wesentlichen. Häufig in Projektrollen, Vertrieb, Service.
Wichtig: Kein Antreiber ist „besser“ oder „schlechter“ als ein anderer. Jeder hat in bestimmten Situationen seine Berechtigung. Die Pointe der Transaktionsanalyse ist nicht, sie zu eliminieren – sondern sie zu erkennen, ihre Stärken zu nutzen und ihre Schatten zu kontextualisieren.
(In einigen TA-Erweiterungen werden zwei weitere Glaubensmuster diskutiert: „Sei vorsichtig!“ als nahe Verwandte des Perfektionsantreibers, sowie passive Skript-Botschaften wie „Ich kann nicht“ als Gegenposition zum Antreiber. Diese gehören nicht zum klassischen Kahler-Modell, sondern stammen aus späteren Schulen.)
Wo Antreiber herkommen und warum sie bleiben
Antreiber werden in der frühen Kindheit erworben – als Anpassung an die elterlichen Erwartungen und an die familiären Bedingungen, unter denen Zuwendung gewährt wurde. Ein Kind, das nur dann gelobt wurde, wenn es schnell war, internalisiert „Beeil dich!“. Eines, das gehört wurde, wenn es brav war, internalisiert „Mach es recht!“. Eines, das in einer Familie aufwuchs, in der Tränen tabu waren, internalisiert „Sei stark!“.
Diese Botschaften werden in System 1 verankert, weil sie Tausende von Wiederholungen erlebt haben. Sie sind dort, wo Kahneman beschreibt, dass Heuristiken sitzen: in den schnellen Bahnen des Denkens, die nicht erst Reflexion durchlaufen müssen, um zur Handlung zu führen. Genau das macht sie so wirksam – und so unsichtbar.
Lebensskripte und Antreiber sind nicht determinierend. Sie sind starke Defaultpfade, die wir mit Bewusstheit und Praxis verändern können. Aber sie verschwinden nicht. Wer als Erwachsener „Sei stark!“ als Antreiber hat, wird in der nächsten Krise zuerst stark sein wollen – und erst dann, wenn er sich selbst dabei beobachtet, gegebenenfalls anders entscheiden.
Wie sich Glaubenssätze transformieren lassen: Beck, Ellis und das ABC-Modell
Aaron Beck, Begründer der kognitiven Therapie (Beck 1976), und Albert Ellis, Begründer der Rational-Emotive Behavior Therapy (Ellis 1962), haben unabhängig voneinander ein Verfahren beschrieben, das heute als kognitive Umstrukturierung kanonischer Bestandteil der Verhaltenstherapie ist. Ellis‘ ABC-Modell macht es besonders handhabbar:
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A (Activating Event) – die auslösende Situation: ein Kollege gibt mir Feedback, das ich als Kritik empfinde.
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B (Belief) – die Bewertung: „Ich bin nicht gut genug“ (typischer „Sei perfekt!“-Antreiber).
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C (Consequence) – die Reaktion: Scham, defensiver Rückzug, Über-Arbeitung.
Das Ergebnis ist nicht das Ereignis A – sondern die Bewertung B. Verändern lässt sich C nur über B. Beck nennt das Disputation der dysfunktionalen Kognition: die Bewertung anschauen, ihre Realitätsangemessenheit prüfen, eine angemessenere Alternative formulieren.
Carol Dwecks Growth Mindset (vgl. Artikel zu Reflexion und Selbstmitgefühl) und Steven Hayes‘ Acceptance and Commitment Therapy ergänzen diesen Ansatz um zwei Aspekte: Die kognitive Defusion (Hayes) übt, Gedanken zu beobachten, ohne sich mit ihnen zu identifizieren – „Ich habe gerade den Gedanken, dass ich nicht gut genug bin“ ist anders als „Ich bin nicht gut genug“. Dwecks Growth Mindset wandelt geschlossene Bewertungen („Ich kann das nicht“) in offene um („Ich kann das noch nicht“).
Praxis: Den eigenen Antreiber wahrnehmen
Eine dreischrittige Selbstbeobachtung über zwei Wochen:
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Stressmoment identifizieren. Wo im Berufsalltag werde ich gerade angespannt, ungeduldig oder reaktiv? Diese Stellen sind die Eintrittstüren zu den eigenen Antreibern.
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Den Antreiber benennen. Welcher der fünf klingt in mir? Oft sind es Kombinationen – „Sei perfekt + Streng dich an“ ist eine häufige Mischung. Die genaue Diagnose ist weniger wichtig als das Bewusstsein.
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Das ABC durchspielen. Welche Bewertung steht zwischen Situation und Reaktion? Was wäre eine alternative Bewertung, die ebenfalls plausibel ist? Wie würde meine Reaktion aussehen, wenn diese alternative Bewertung zuträfe?
Wer das einübt, eliminiert die Antreiber nicht – aber baut den Reaktionsraum zwischen Reiz und Antwort. Genau das ist, was Viktor Frankl als „die letzte der menschlichen Freiheiten“ beschrieb (vgl. Artikel zu Sinn).
(Diese Übung schließt eng an das Awareness Wheel an, vgl. den entsprechenden Artikel in dieser Serie: Sektor 1 = die Situation; Sektor 2 = die innere Geschichte/Bewertung; Sektor 5 = die Reaktion.)
Antreiber und Glaubenssätze sind eines der Kernthemen meines Buches Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Der Einfluss von Haltung, Deutungsmustern und Unterbewusstsein auf Gesprächssituationen (Springer Gabler, 2023), besonders in Kapitel 4. Dort finden sich auch die Selbstdiagnose-Bögen, die diese Theorie praktisch handhabbar machen. 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)
Berne, Kahler, Kahneman, Beck, Ellis, Hay – sechs verschiedene Schulen, ein gemeinsamer Befund: Wir werden nicht von den Ereignissen gesteuert, sondern von den Deutungen, die wir ihnen schnell, oft unbewusst, geben. Diese Deutungen sind keine Schicksalsmacht – aber sie sind wirksam.
Vielleicht ist deshalb die Frage, die der nächste schwierige Berufsmoment am ehesten produktiv macht, nicht „Was sollte ich jetzt tun?“ – sondern: Welcher meiner Antreiber spricht gerade aus mir, und welche Wahl bliebe mir, wenn ich ihm nicht reflexhaft folgen würde?
Quellen
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Beck, A. T. (1976): Cognitive Therapy and the Emotional Disorders. International Universities Press. — Dt.: Kognitive Therapie der Depression (1981). Beltz.
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Berne, E. (1964): Games People Play. The Psychology of Human Relationships. Grove Press. — Dt.: Spiele der Erwachsenen (1967). Rowohlt.
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Berne, E. (1972): What Do You Say After You Say Hello? The Psychology of Human Destiny. Grove Press. — Dt.: Was sagen Sie, nachdem Sie „Guten Tag“ gesagt haben? (1983). Kindler.
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Ellis, A. (1962): Reason and Emotion in Psychotherapy. Lyle Stuart.
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Hay, J. (1993): Working It Out at Work. Understanding Attitudes and Building Relationships. Sherwood Publishing.
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Kahler, T. & Capers, H. (1974): The Miniscript. Transactional Analysis Journal, 4(1), 26–42. DOI: 10.1177/036215377400400110
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Kahler, T. (1975): Drivers: The Key to the Process of Scripts. Transactional Analysis Journal, 5(3), 280–284. DOI: 10.1177/036215377500500318
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Kahneman, D. (2011): Thinking, Fast and Slow. Farrar, Straus and Giroux. — Dt.: Schnelles Denken, langsames Denken (2012). Siedler.
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Hayes, S. C., Strosahl, K. & Wilson, K. G. (1999): Acceptance and Commitment Therapy. An Experiential Approach to Behavior Change. Guilford Press.
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Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)
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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung.

