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Mehr als die Summe – Edmondson, Woolley und die Wissenschaft der wirksamen Zusammenarbeit

Last updated on 15/06/2026

Anita Williams Woolley und Kolleg:innen haben 2010 in Science einen bemerkenswerten Befund publiziert: Es gibt einen messbaren Collective Intelligence Factor von Teams, der nicht aus dem durchschnittlichen IQ der Mitglieder hervorgeht – sondern aus drei anderen Faktoren: der sozialen Wahrnehmungsfähigkeit der Mitglieder, der gleichmäßigen Redeverteilung und dem Frauenanteil im Team. Amy Edmondson hat in ihrer jahrzehntelangen Forschung zur psychologischen Sicherheit belegt, dass Hochleistungsteams sich nicht durch Konfliktvermeidung auszeichnen, sondern durch die Bereitschaft, unbequeme Fragen zu stellen, ohne den Job zu riskieren. James Surowieckis The Wisdom of Crowds (2004) zeigt: Unter bestimmten Bedingungen entscheiden Gruppen besser als ihre besten Einzelmitglieder. Die Forschung zur Zusammenarbeit ist deutlich robuster als die meisten Leadership-Bücher vermuten lassen – und sie widerspricht vielen verbreiteten Annahmen über Hochleistungsteams.

Zusammenarbeit ist eines der am häufigsten beschworenen und am seltensten verstandenen Phänomene des Berufsalltags. „Wir sind ein gutes Team“ gehört zu den Floskeln, die in Bewerbungsgesprächen und Mitarbeiterbeurteilungen besonders oft fallen. Die empirische Forschung der letzten drei Jahrzehnte hat ein viel präziseres Bild geliefert: Wirksame Teams sind nicht zufällig wirksam. Sie haben bestimmte Strukturen, bestimmte Verhaltensmuster und bestimmte Voraussetzungen – und diese sind systematisch beforscht.

Edmondson: Psychologische Sicherheit als Fundament

Amy Edmondson, Professorin an der Harvard Business School, hat den Begriff der psychologischen Sicherheit in den späten 1990er Jahren in die Organisationsforschung eingeführt (Edmondson 1999, Administrative Science Quarterly). Ihre ursprüngliche Beobachtung: Hochleistungs-Krankenhausstationen meldeten mehr Medikationsfehler als schlechter funktionierende – nicht, weil sie mehr Fehler machten, sondern weil sie sie aussprachen.

In The Fearless Organization (2018) hat Edmondson ihre Forschung zusammengefasst: Psychologische Sicherheit ist nicht „nett sein“, nicht „Konflikt vermeiden“, nicht „immer einer Meinung sein“. Sie ist die geteilte Überzeugung im Team, dass es sicher ist, zwischenmenschliche Risiken einzugehen – eine Frage zu stellen, einen Fehler zuzugeben, eine andere Meinung zu äußern. Googles Project Aristotle (2015), eine zweijährige Studie an 180 internen Teams, identifizierte psychologische Sicherheit als den wichtigsten Einzelfaktor für Teameffektivität – wichtiger als Zusammensetzung, Talent oder Erfahrung.

Woolley: Was kollektive Intelligenz wirklich ausmacht

Anita Williams Woolley (Carnegie Mellon University) hat 2010 in Science eine der wichtigsten Studien zur Teameffektivität publiziert. Sie testete 192 Gruppen mit standardisierten kognitiven Aufgaben und fand: Es gibt einen statistisch messbaren Collective Intelligence Factor (c-Factor), der die Teamleistung über Aufgaben hinweg vorhersagt – ähnlich wie der individuelle IQ die Leistung einer Einzelperson.

Bemerkenswert ist, was den c-Factor nicht erklärt: das durchschnittliche oder maximale Mitglieds-IQ. Was ihn erklärt, sind drei andere Faktoren:

  1. Soziale Wahrnehmungsfähigkeit der Mitglieder (gemessen mit dem Reading the Mind in the Eyes Test – die Fähigkeit, Emotionen aus Augenpartien zu erkennen)

  2. Gleichmäßige Verteilung der Redeanteile – Teams mit einem oder zwei dominanten Sprechenden waren konsistent weniger erfolgreich

  3. Höherer Anteil von Frauen im Team – was Woolley primär mit der höheren durchschnittlichen sozialen Wahrnehmungsfähigkeit erklärt, nicht mit Geschlecht per se

Diese Befunde wurden in mehreren Replikationsstudien bestätigt (Engel et al. 2014; Riedl et al. 2021).

Surowiecki und Hackman: Wann Gruppen klüger sind

James Surowiecki hat in The Wisdom of Crowds (2004) gezeigt, dass Gruppen oft präzisere Schätzungen, Entscheidungen und Vorhersagen treffen als einzelne Experten – aber nur unter vier Bedingungen: Diversität der Meinungen, Unabhängigkeit der Mitglieder, dezentrale Information und ein Mechanismus zur Aggregation der individuellen Beiträge. Fehlen diese Bedingungen – etwa wenn alle einander beeinflussen oder Hierarchie die Diversität unterdrückt –, wird die Gruppe nicht klüger, sondern dümmer als ihr durchschnittliches Mitglied. Groupthink (Janis 1972) ist der Klassiker dieser Fehlentwicklung.

J. Richard Hackman (Harvard, 1940–2013) hat in Leading Teams (2002) die strukturellen Voraussetzungen identifiziert, die Teams überhaupt zur Hochleistung befähigen: ein echtes Team (klare Grenzen, stabile Mitgliedschaft), eine überzeugende Aufgabe, eine passende Struktur (richtige Größe, klare Rollen), ein unterstützender Kontext und fachkundiges Coaching. Hackmans Pointe: Die meisten gescheiterten Teams scheitern nicht an den Menschen, sondern an Strukturen, die nie geklärt wurden.

Die häufigsten Fallen: Lencioni und Heffernan

Patrick Lencioni hat in The Five Dysfunctions of a Team (2002) die häufigsten Pathologien von Teams in eine Pyramide gebracht: Fehlendes Vertrauen, Konfliktscheu, Verbindungslosigkeit, Verantwortungsdiffusion, Ergebnisignoranz. Ohne wissenschaftlich-empirische Tiefe, aber didaktisch überzeugend.

Margaret Heffernan, Autorin und Wirtschaftsforscherin, hat in Beyond Measure (2015) eine ergänzende Beobachtung gemacht: Die häufigste Ursache schlechter Teams ist nicht ein Mangel an Talent, sondern das Schweigen über das, was alle wissen. Heffernan zitiert dabei Studien, die zeigen, dass in den meisten Organisationen 85 % der Mitarbeitenden mindestens ein wichtiges Anliegen haben, das sie nicht aussprechen, weil sie negative Konsequenzen befürchten. Edmondsons psychologische Sicherheit ist der Gegenpol – aber sie ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Vanessa Druskat und Steven Wolff haben 2001 in Harvard Business Review das Konzept der Team Emotional Intelligence eingeführt: Hochleistungsteams haben nicht zwingend Mitglieder mit hoher emotionaler Intelligenz, aber sie haben Normen, die emotionale Intelligenz auf Teamebene möglich machen – etwa die Norm, Frustrationen früh und sachlich anzusprechen, oder die Norm, gegenseitig Pausen zu erlauben.

Praxis: Drei Mikro-Interventionen für das nächste Teammeeting

Statt einer Reflexions-Übung diesmal drei konkrete Mikro-Interventionen, die Du im nächsten Teammeeting einbringen kannst – jede dauert etwa 5 Minuten und greift einen der Forschungsbefunde auf. Du brauchst keine Befugnis dafür – wenn das Meeting eine Atempause vertragen kann, hat es Platz für eine dieser Fragen.

Intervention 1 – Edmondsons psychologische Sicherheit aktivieren: Stelle gegen Ende eines Meetings die Frage: „Was hat heute jemand gedacht und nicht gesagt?“ Wichtig: Selbst die erste Person sein, die etwas einbringt. Wenn niemand antwortet, bleib in der Stille (vgl. Artikel zu Schweigen II). Bei der zweiten oder dritten Anwendung dieser Frage über mehrere Wochen verändert sich die Meeting-Kultur messbar.

Intervention 2 – Woolleys Redeverteilung sichtbar machen: Wenn Du beobachtest, dass eine oder zwei Personen dominieren, sage: „Ich bin neugierig zu hören, was [Name] dazu denkt – Du hast bisher noch nichts gesagt.“ Direkte Adressierung von leiseren Mitgliedern wirkt einladend, wenn es ohne Druck und mit echter Neugier passiert. Keine Aufforderung zum Sprechen, sondern eine Frage nach der Sicht.

Intervention 3 – Surowieckis Diversität schützen: Bevor das Team über eine Entscheidung diskutiert, bitte alle: „Schreibt für 90 Sekunden auf, was ihr denkt – allein, ohne miteinander zu sprechen.“ Erst danach wird gesammelt und diskutiert. Diese kleine Reihenfolgen-Verschiebung verhindert, dass die erste Stimme die gesamte Diskussion verankert – ein Phänomen, das Solomon Asch schon 1951 nachgewiesen hat (vgl. Artikel zu Manipulationstechniken).

Drei Mikro-Interventionen, drei verschiedene Forschungsbefunde. Alle drei in einem einzigen Meeting wäre zuviel – eine pro Woche reicht für ein Quartal Veränderung.


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Edmondson, Woolley, Surowiecki, Hackman, Lencioni, Heffernan, Druskat, Wolff – die Forschung zur Zusammenarbeit ist robuster als die meisten von uns wissen. Sie zeigt: Hochleistungsteams sind nicht das Ergebnis besonders heroischer Einzelner, sondern bestimmter Strukturen, Normen und Sicherheits-Bedingungen. Diese lassen sich gestalten – nicht heroisch, sondern in kleinen Schritten, in einzelnen Meetings, durch konkrete Mikro-Interventionen.

Probier eine der drei Mikro-Interventionen in Deinem nächsten Teammeeting aus – ohne anzukündigen, dass es ein Experiment ist. Beobachte, wer reagiert und was sich verändert. Wiederhole sie über vier Wochen einmal pro Woche. Du wirst sehen, wie ein Team aus „Gruppe von Menschen, die zusammenarbeiten“ zu „Team, das gemeinsam denkt“ werden kann.


Quellen

  • Druskat, V. U. & Wolff, S. B. (2001): Building the Emotional Intelligence of Groups. Harvard Business Review, 79(3), 80–90.

  • Edmondson, A. C. (1999): Psychological safety and learning behavior in work teams. Administrative Science Quarterly, 44(2), 350–383. DOI: 10.2307/2666999

  • Edmondson, A. C. (2018): The Fearless Organization. Creating Psychological Safety in the Workplace for Learning, Innovation, and Growth. Wiley. — Dt.: Die angstfreie Organisation (2020). Vahlen.

  • Engel, D., Woolley, A. W., Jing, L. X., Chabris, C. F. & Malone, T. W. (2014): Reading the Mind in the Eyes or Reading between the Lines? Theory of Mind Predicts Collective Intelligence Equally Well Online and Face-to-Face. PLOS ONE, 9(12), e115212. DOI: 10.1371/journal.pone.0115212

  • Hackman, J. R. (2002): Leading Teams. Setting the Stage for Great Performances. Harvard Business School Press.

  • Heffernan, M. (2015): Beyond Measure. The Big Impact of Small Changes. TED Books.

  • Janis, I. L. (1972): Victims of Groupthink. A Psychological Study of Foreign-Policy Decisions and Fiascoes. Houghton Mifflin.

  • Lencioni, P. (2002): The Five Dysfunctions of a Team. A Leadership Fable. Jossey-Bass. — Dt.: Die 5 Dysfunktionen eines Teams (2014). Wiley-VCH.

  • Surowiecki, J. (2004): The Wisdom of Crowds. Doubleday. — Dt.: Die Weisheit der Vielen (2005). Bertelsmann.

  • Woolley, A. W., Chabris, C. F., Pentland, A., Hashmi, N. & Malone, T. W. (2010): Evidence for a Collective Intelligence Factor in the Performance of Human Groups. Science, 330(6004), 686–688. DOI: 10.1126/science.1193147

  • Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)

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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 4: Wirksames Handeln.

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