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Wer um Regen betet, bekommt auch Schlamm – Ambition als Verantwortungspraxis

Last updated on 16/06/2026

Jede Ambition hat einen Schatten. Was wir uns wünschen, bringt mit, was wir nicht eingerechnet haben – andere Wege werden blockiert, andere Menschen werden mitbetroffen, andere Ressourcen werden verbraucht. Aristoteles nannte das Prinzip der ausgewogenen Lebensführung Mesotēs – die Mitte zwischen Übermut und Verzagtheit. Elinor Ostrom, erste Nobelpreisträgerin für Wirtschaftswissenschaften, hat es empirisch nachgewiesen: Wo Menschen ihre Ambitionen als Teil eines gemeinsamen Ressourcensystems begreifen, gelingt das, was sie wollen – auch langfristig. Hannah Arendt hat in Vita activa die Pointe dazu geliefert: Handeln geschieht immer im Plural.

„If you pray for rain, you gotta deal with the mud too. That’s a part of it.“ („Wer um Regen betet, muss auch mit dem Schlamm umgehen können. Das gehört dazu.“) — Denzel Washington, Dillard University Commencement Speech (9. Mai 2015)

Washington hat den Satz in einer Rede an die Absolvent:innen einer historisch afroamerikanischen Universität gesagt – an junge Menschen, die er ermutigte, „falling forward“ zu lernen: nach vorne zu fallen statt nach hinten. Sein Bild ist ländlich klug. Es kennt das Wetter, das Land, die Konsequenzen. Es weiß, dass Wachstum nicht ohne Begleitfolgen kommt – und macht aus dieser Einsicht kein Argument gegen Wachstum, sondern eines für Realismus.

Mesotēs – Aristoteles und die Goldene Mitte als Praxis

In der Nikomachischen Ethik (ca. 4. Jh. v. Chr.) beschreibt Aristoteles die Tugend als Mitte zwischen zwei Extremen. Mut ist die Mitte zwischen Tollkühnheit und Feigheit; Großzügigkeit die Mitte zwischen Verschwendung und Geiz; Ehrgeiz die Mitte zwischen ungemessenem Strebertum und falscher Bescheidenheit (vgl. Artikel zu Mut).

Wichtig: Aristoteles meint mit Mesotēs keine Mittelmäßigkeit. Er meint die situationsadäquate Mitte – das richtige Maß im richtigen Moment, gegenüber den richtigen Personen, aus den richtigen Gründen. Das ist keine arithmetische Hälfte, sondern eine kultivierte Urteilskraft, die er phronēsis nennt: praktische Klugheit. Sie unterscheidet sich vom theoretischen Wissen darin, dass sie nur in der Übung wächst – nicht in der Theorie.

Für die Frage nach Ambition heißt das: Es gibt keine pauschale Antwort auf „Wie viel ist genug?“ – sondern nur eine situationsgenaue. Diese Antwort entsteht in der Reflexion, im Dialog mit anderen, in der ehrlichen Bilanzierung dessen, was meine Wahl bei anderen anstellt.

Handeln geschieht im Plural – Hannah Arendt

Hannah Arendt hat in Vita activa oder Vom tätigen Leben (1958/1960) drei Grundvermögen menschlichen Lebens unterschieden: Arbeiten, Herstellen und Handeln. Das Handeln (griechisch praxis) hebt sie heraus als die genuin politische Form – diejenige Tätigkeit, die immer auf andere Menschen bezogen ist und ohne sie nicht möglich wäre. Pluralität nennt sie „die conditio sine qua non, ja die conditio per quam des Politischen“.

Arendts Pointe für die Ambitionsfrage: Eine Handlung gehört nie nur dem Handelnden allein. Sie tritt in einen Beziehungsraum ein, in dem andere reagieren, mit ihr arbeiten, sie umnutzen, ihr widersprechen. Das ist nicht ein bedauerliches Nebenprodukt, sondern die Natur des Handelns. Wer ambitioniert handelt, ohne diese Pluralität einzuplanen, agiert nicht gegen sie – er agiert neben der Realität.

Im Berufsalltag heißt das: Ein neues Projekt setzt voraus, dass andere ihre Arbeit anpassen. Eine eigene Beförderung bedeutet, dass andere die alte Rolle füllen. Eine neue Strategie betrifft alle, die sie umsetzen müssen. Wer das vorab nicht durchdenkt, erntet jenen Schlamm, von dem Washington spricht – und es ist ein vorhersehbarer Schlamm.

Elinor Ostrom – die Forschung zu den Commons

Elinor Ostrom hat über vier Jahrzehnte hinweg untersucht, wie Gemeinschaften gemeinsame Ressourcen managen – Bewässerungssysteme in den Philippinen, Fischbestände in Maine, Almwirtschaft in den Schweizer Alpen, Grundwasserspeicher in Kalifornien. Ihr Hauptbefund (Ostrom 1990, Governing the Commons): Garrett Hardins berühmte Tragödie der Allmende ist nicht zwangsläufig. Wo Menschen klare Regeln aushandeln, Beteiligung organisieren, Sanktionen vereinbaren und ihre Übereinkünfte regelmäßig anpassen, gelingt nachhaltiges gemeinsames Wirtschaften – über Generationen hinweg.

Ostrom identifizierte acht Designprinzipien für funktionierende Commons. Ein zentrales davon: „Most individuals affected by the operational rules can participate in modifying the operational rules.“ Auf Deutsch: Wer von Regeln betroffen ist, muss bei ihrer Gestaltung mitreden können.

Für die Ambition einer einzelnen Person, eines Teams, einer Organisation heißt das übersetzt: Wessen Mitarbeit ich für mein Ziel brauche, sollte an seiner Definition beteiligt sein. Nicht aus moralischen Gründen, sondern aus empirischen: Es funktioniert dann.

Effectuation – wie Pioniere mit Ungewissheit umgehen

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Saras Sarasvathy (University of Virginia) hat in einer berühmten Studie 27 erfolgreiche Serienunternehmer:innen befragt, wie sie eigentlich entscheiden. Ihr Befund (Sarasvathy 2001, Academy of Management Review) revolutionierte das Verständnis unternehmerischen Handelns: Erfolgreiche Pioniere planen nicht nach Causation (Ziel definieren → Mittel beschaffen), sondern nach Effectuation (vorhandene Mittel sichten → erreichbare Ziele daraus ableiten).

Vier Prinzipien charakterisieren Effectuation und sind direkt anschlussfähig an die Ambitionsfrage:

  • Bird in Hand – starte mit dem, was du hast (Identität, Wissen, Netzwerk), nicht mit dem, was du dir vorstellst.

  • Affordable Loss – riskiere nicht mehr, als du verlieren kannst (statt: maximale Belohnung anstreben).

  • Crazy Quilt – baue Partnerschaften mit denen, die mitkommen wollen (statt: gegen Konkurrenz kämpfen).

  • Lemonade Principle – nutze Unerwartetes, statt es zu vermeiden.

Sarasvathys Befund ist die unternehmerische Übersetzung von Arendts Pluralität und Ostroms Commons: Ambition, die mit der Realität geht, statt gegen sie, kommt weiter (vgl. Artikel zu Effectuation in dieser Serie).

Praxis: Drei Fragen vor dem nächsten ambitionierten Schritt

Eine kurze Bilanz, bevor ein Ziel mit voller Energie verfolgt wird:

  1. Wessen Schlamm produziert mein Regen? Wer in meinem Umfeld – Team, Familie, Kund:innen, Lieferant:innen – wird die Folgen meines Wunschs mittragen, ohne ihn selbst gewollt zu haben?

  2. Welche dieser Folgen kann ich heute schon adressieren? Nicht als Rechtfertigung, sondern als Vorbereitung: Was würde es kosten, die Beteiligten frühzeitig einzubeziehen?

  3. Was wäre ein noch verlierbarer Einsatz? Sarasvathys Affordable Loss-Prinzip: Welchen Schritt kann ich machen, dessen Schiefgehen ich verkraften könnte – und mit dem ich trotzdem etwas lerne?

Wer diese drei Fragen ehrlich beantwortet, verlässt nicht die Ambition. Aber er oder sie verlässt die Unbekümmertheit.


Wie sich solche Vorab-Klärungen in Großgruppen organisieren lassen – wenn nicht eine Person allein, sondern eine ganze Organisation ein ambitioniertes Ziel verfolgt – ist eines der Themen von Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten (Springer Gabler, 2025). Insbesondere die Future Search Conference nimmt Ostroms Designprinzipien implizit vorweg. 👉 tidd.ly/4clXpur (Affiliate-Link)


Denzel Washingtons Bild ist ländlich. Aristoteles‘ Mesotēs ist philosophisch. Arendts Pluralität ist politisch. Ostroms Commons sind empirisch. Sarasvathys Effectuation ist unternehmerisch. Sie sagen alle dasselbe: Wer mit der Welt rechnet, kommt weiter als wer gegen sie strebt – und zwar mit der Welt, in der nicht nur er selbst lebt.

Vielleicht ist deshalb die Frage, die jede ehrgeizige Entscheidung wirklich tragfähig macht, nicht „Was will ich?“ – sondern: Mit wem teile ich den Boden, auf dem dieser Regen fällt?


Quellen

  • Arendt, H. (1958/1960): Vita activa oder Vom tätigen Leben. W. Kohlhammer Verlag (Erstausgabe 1958 als The Human Condition, University of Chicago Press).

  • Aristoteles (ca. 4. Jh. v. Chr.): Nikomachische Ethik. Standard-Übersetzung: Ursula Wolf (2006). Rowohlt.

  • Ostrom, E. (1990): Governing the Commons. The Evolution of Institutions for Collective Action. Cambridge University Press. — Dt.: Die Verfassung der Allmende. Vom Wert der Gemeinschaftsgüter (1999). Mohr Siebeck.

  • Sarasvathy, S. D. (2001): Causation and Effectuation: Toward a Theoretical Shift from Economic Inevitability to Entrepreneurial Contingency. Academy of Management Review, 26(2), 243–263. DOI: 10.2307/259121

  • Sarasvathy, S. D. (2008): Effectuation. Elements of Entrepreneurial Expertise. Edward Elgar.

  • Washington, D. (2015): Dillard University Commencement Speech. New Orleans, 9. Mai 2015. (Transkription verfügbar via Dillard University Communications)

  • Voss, S. (2025): Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten. Springer Gabler. tidd.ly/4clXpur (Affiliate-Link)

#Ambition #Effectuation #Commons #Verantwortung #MutTutGut

Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 4: Wirksames Handeln.

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