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Sich annehmen, wie man ist – Lagerlöf, Linehan und die radikale Akzeptanz

Last updated on 15/06/2026

Selma Lagerlöf, schwedische Schriftstellerin und erste Frau, die den Literaturnobelpreis erhielt (1909), wird mit dem Satz zitiert, dass nur, wer sich selbst akzeptiere, mit sich in Frieden leben könne. Was wie ein Aphorismus klingt, ist in der modernen Psychologie eines der robustesten Forschungsfelder. Marsha Linehan, Begründerin der Dialektisch-Behavioralen Therapie (DBT), hat den Begriff der Radical Acceptance entwickelt: das vollständige Anerkennen dessen, was war und ist, ohne die Forderung, es müsste anders sein. Tara Brach, klinische Psychologin und buddhistische Lehrerin, hat in Radical Acceptance (2003) und mit ihrer RAIN-Methode eine praktische Übung dieser Haltung entwickelt. Kristin Neffs Selbstmitgefühls-Forschung (vgl. Artikel zu Selbstmitgefühl nach Kristin Neff) zeigt empirisch: Wer freundlich mit sich selbst umgeht, ist nicht weicher, sondern resilienter – weniger anfällig für Depression, höher in motivationaler Energie, ehrlicher in der Selbstwahrnehmung. Selbstakzeptanz ist keine Aufgabe an sich selbst – sie ist die Voraussetzung dafür, dass Veränderung überhaupt möglich wird.

„Wer in Frieden mit sich selbst leben will, muss sich selbst akzeptieren, wie er ist.“ — Selma Lagerlöf (1858–1940), zugeschrieben (exakte Werkstelle nicht eindeutig dokumentiert; konsistent mit ihrem schriftstellerischen Werk und ihrer Auseinandersetzung mit Selbstwerden)

Lagerlöf war eine der bedeutendsten Stimmen der nordischen Literatur. Ihre Romane – Gösta Berling, Die wunderbare Reise des kleinen Nils Holgersson – kreisen um Figuren, die mit ihren Schwächen ringen und durch Annahme statt durch Verleugnung wachsen. Lagerlöf selbst musste sich als eine der ersten Frauen ihrer Generation in der Männerwelt der Literatur behaupten; ihre Beobachtung zur Selbstakzeptanz war keine Theorie, sondern gelebte Praxis.

Marsha Linehan: Radical Acceptance als therapeutische Praxis

Marsha Linehan (University of Washington) hat in den 1980er Jahren die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT) entwickelt – ursprünglich für Menschen mit Borderline-Persönlichkeitsstörung, inzwischen breit eingesetzt bei Emotionsregulationsstörungen, chronischer Suizidalität, Trauma. Ein zentrales Element der DBT ist die Radical Acceptance (Linehan 1993; 2014).

Linehans Pointe ist subtil und wird häufig missverstanden: Radical Acceptance bedeutet nicht Gutheißen, nicht Resignieren, nicht Aufgeben. Es bedeutet das vollständige Anerkennen dessen, was ist, ohne die Forderung an die Realität, anders zu sein. „Es ist gerade so. Es war gerade so. Das verändert nicht, ob es gut oder schlecht ist – es verändert nur, wie viel Energie ich noch mit dem Kampf gegen die Tatsache verbringe.“

Linehans Forschung zeigt: Patientinnen und Patienten, die diese Form der Akzeptanz lernen, haben deutlich weniger Energie-Verbrauch durch Sekundäres Leiden – das Leiden über das Leiden, die Verurteilung der eigenen Reaktionen, die Wut darüber, dass etwas geschehen ist. Wenn das Primäre nicht zu ändern ist, wird das Sekundäre zum Hauptenergieverbraucher. Radical Acceptance gibt diese Energie zurück (Linehan 2014, DBT Skills Training Manual).

Bemerkenswert ist, dass Linehan selbst diese Pointe aus persönlicher Erfahrung kannte: Sie hat 2011 öffentlich gemacht, dass sie als Jugendliche selbst stationär behandelt wurde und durch Akzeptanz ihrer eigenen Geschichte den Weg in die Forschung gefunden hat (Linehan, Building a Life Worth Living, 2020). Ihre Theorie ist nicht akademisch, sondern erlebt.

Tara Brach: Die RAIN-Methode

Tara Brach (klinische Psychologin, Gründerin des Insight Meditation Community of Washington) hat in Radical Acceptance (2003) Linehans therapeutisches Konzept in eine alltagstaugliche Achtsamkeits-Praxis übersetzt. Ihre RAIN-Methode ist heute in der säkularen Mindfulness-Tradition (Kabat-Zinn-Schule) etabliert. Sie besteht aus vier Schritten:

  • R – Recognize (Erkennen): Was geschieht gerade in mir? Welche Emotion ist da? Welche Körperempfindung?

  • A – Allow (Zulassen): Es darf da sein. Nicht „ich finde das gut“, sondern „ich kämpfe nicht mehr dagegen, dass es da ist.“

  • I – Investigate (Untersuchen): Was braucht dieser Teil von mir gerade? Welche Geschichte trägt diese Emotion? Was hat sie ausgelöst?

  • N – Nurture (Versorgen): Wie kann ich freundlich mit diesem Teil von mir umgehen – so wie ich es mit einem geliebten Menschen täte?

RAIN ist eine 5- bis 10-Minuten-Praxis, die im Alltag eingesetzt werden kann – nicht als formale Meditation, sondern als Mikro-Intervention in dem Moment, in dem schwere Emotionen aufkommen. Brachs Forschung und die der weiteren Mindfulness-Tradition zeigen: Diese Form der bewussten Annahme schwächt die emotionale Spitze nicht durch Verdrängung, sondern durch Durchgang – die Emotion darf zu Ende erlebt werden, statt im Hintergrund weiterzulaufen.

Was die Selbstvergebung-Forschung zeigt

Selbstakzeptanz wird oft mit Selbstvergebung verwechselt – beide sind verwandt, aber nicht identisch. Everett Worthington (Virginia Commonwealth University) hat seit den 1990er Jahren das wohl umfangreichste Forschungsprogramm zur Vergebung aufgebaut, mit eigenem Modell für Self-Forgiveness (Worthington 2005; 2013).

Worthingtons Forschung zeigt: Selbstvergebung ist nicht „ich entschuldige mein Verhalten“ – das wäre moralische Disengagement und korreliert mit problematischen Effekten. Echte Selbstvergebung umfasst vier Komponenten:

  1. Verantwortung übernehmen für das, was geschehen ist – nicht relativieren, nicht abwehren

  2. Schaden anerkennen, der entstanden ist – für andere und für sich selbst

  3. Wiedergutmachung prüfen, wo sie möglich ist – innerlich oder äußerlich

  4. Sich selbst freilassen – die Selbstverurteilung loslassen, weil sie keinen weiteren Wert mehr stiftet

Frederic Luskin (Stanford University, Forgive for Good, 2003) ergänzt: Menschen, die sich selbst nicht vergeben, haben messbar höhere Cortisolwerte, schlechteren Schlaf und höheres Depressionsrisiko. Selbstverurteilung ist physiologisch teuer.

Was Worthington und Luskin gemeinsam zeigen: Selbstvergebung ist nicht Selbstverklärung. Sie ist eine reife Bewegung, die Verantwortung anerkennt und gleichzeitig die endlose Selbstanklage beendet, weil diese Anklage nichts wiedergutmacht – sondern nur die eigenen Ressourcen für Wiedergutmachung verbraucht.

Praxis: Eine RAIN-Übung (10 Minuten)

Statt einer Reflexions-Übung diesmal eine konkrete Achtsamkeits-Praxis nach Tara Brachs RAIN-Methode. Du kannst sie in dem Moment einsetzen, in dem Du Dich bei Selbstverurteilung ertappst – nach einem missglückten Gespräch, einem überstürzten E-Mail, einem Moment, in dem Du anders reagiert hast, als Du es Dir gewünscht hättest.

R – Recognize (2 Minuten): Setz Dich ruhig hin, schließ kurz die Augen oder fixiere einen Punkt. Frag Dich: Was empfinde ich gerade? Versuch, die Emotion zu benennen, möglichst konkret. Nicht „schlecht“ – sondern Scham, Wut auf mich, Enttäuschung, Frustration. Spür auch den Körper: Wo sitzt es? In der Brust? Im Bauch? Im Hals?

A – Allow (2 Minuten): Sag innerlich: Diese Emotion darf da sein. Nicht: Diese Emotion ist gut. Sondern: Ich kämpfe nicht mehr gegen die Tatsache, dass sie da ist. Atme ruhig. Wenn Du den Impuls verspürst, die Emotion wegzuschieben, bemerke den Impuls und lass ihn auch da sein.

I – Investigate (3 Minuten): Frag mit echter Neugier: Was wäre, wenn diese Emotion eine Geschichte zu erzählen hätte? Was würde sie sagen? Vielleicht: Ich habe Angst, nicht zu genügen. Oder: Ich habe das schon einmal erlebt, mit jemandem ganz anderen. Hör zu, ohne zu antworten. Diese Emotion kommt aus einem konkreten Ort in Dir – aus einer Erfahrung, einer Geschichte, einer alten Erwartung.

N – Nurture (3 Minuten): Frag Dich: Wie würde ich mit einem Menschen umgehen, der mir sehr nahesteht und gerade dieses Gefühl hätte? Wahrscheinlich würdest Du nicht sagen: Du übertreibst, das ist nicht so wichtig. Sondern: Das ist verständlich. Du hast viel auf dem Tisch. Es ist okay. Sag diese Worte zu Dir selbst – innerlich oder leise hörbar. Wenn es passend ist, leg eine Hand auf die Brust oder den Bauch – die physische Geste verstärkt die Wirkung (Riess et al. 2012 zur Selbstberuhigung).

Die ganze Praxis dauert 10 Minuten. Brachs Erfahrung – und die ihrer hunderttausend Hörer:innen ihrer Audio-Vorträge – ist, dass RAIN nach mehrmaliger Anwendung schneller wird. Was anfangs zehn Minuten braucht, kann nach einigen Wochen in zwei Minuten abgerufen werden – als kurzer innerer Anker im laufenden Tag.


Wie sich diese Form der inneren Selbstklärung in Berufsgesprächen niederschlägt – wenn man als Gesprächspartner:in selbst gerade an einer Selbstverurteilung kaut und trotzdem aufmerksam für das Gegenüber sein muss – ist eines der unterschwelligen Themen meines Buches Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)


Selma Lagerlöf, Marsha Linehan, Tara Brach, Kristin Neff, Everett Worthington, Frederic Luskin – aus einem Jahrhundert und vier Disziplinen kommt dieselbe Pointe: Selbstakzeptanz ist keine Schwäche, sondern eine reife Bewegung. Sie ist nicht das Ende der Entwicklung, sondern ihr Anfang. Solange wir mit der Forderung an uns selbst kämpfen, anders gewesen zu sein, als wir es waren, fehlt uns die Energie für das, was wirklich noch zu tun ist.

Wenn ein Mensch, den Du sehr liebst, Dir gerade erzählen würde, dass er sich für genau diese Reaktion verurteilt, die Du Dir gerade auch nicht verzeihst – was würdest Du ihm sagen? Und warum sagst Du es Dir selbst nicht?


Quellen

  • Brach, T. (2003): Radical Acceptance. Embracing Your Life with the Heart of a Buddha. Bantam. — Dt.: Mit dem Herzen eines Buddha. Wahre Akzeptanz und radikale Liebe (2019). Goldmann.

  • Linehan, M. M. (1993): Cognitive-Behavioral Treatment of Borderline Personality Disorder. Guilford. — Dt.: Dialektisch-behaviorale Therapie der Borderline-Persönlichkeitsstörung (1996). CIP-Medien.

  • Linehan, M. M. (2014): DBT Skills Training Manual. 2. Aufl. Guilford. — Dt.: DBT Skills-Manual (2016). Beltz.

  • Linehan, M. M. (2020): Building a Life Worth Living. A Memoir. Random House.

  • Luskin, F. (2003): Forgive for Good. A Proven Prescription for Health and Happiness. HarperOne.

  • Neff, K. D. (2003): The development and validation of a scale to measure self-compassion. Self and Identity, 2(3), 223–250. DOI: 10.1080/15298860309027

  • Riess, H., Kelley, J. M., Bailey, R. W., Dunn, E. J. & Phillips, M. (2012): Empathy training for resident physicians. Journal of General Internal Medicine, 27(10), 1280–1286. DOI: 10.1007/s11606-012-2063-z

  • Worthington, E. L. (2013): Moving Forward. Six Steps to Forgiving Yourself and Breaking Free from the Past. WaterBrook.

  • Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)

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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung.

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