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Wenn Langeweile lehrt – Sandi Mann, das Default Mode Network und die Wissenschaft der produktiven Stille

Last updated on 15/06/2026

Was wie Untätigkeit aussieht, ist oft das Gegenteil. Sandi Mann (University of Central Lancashire) hat in einer einflussreichen Studie (Mann & Cadman 2014, Creativity Research Journal) gezeigt: Probandinnen und Probanden, die zuerst eine extrem langweilige Aufgabe absolvieren mussten – Telefonnummern aus einem Branchenbuch abschreiben –, waren in der anschließenden Kreativaufgabe signifikant origineller als die Kontrollgruppe. Marcus Raichles Forschung zum Default Mode Network (Raichle et al. 2001, PNAS) erklärt den Mechanismus: Wenn das Gehirn keine externe Aufgabe hat, schaltet ein Netzwerk an, das Erinnerungen, Selbstreflexion und mentale Zeitreisen verarbeitet – und dabei kreative Verknüpfungen herstellt, die unter aktiver Konzentration nicht möglich sind. Kalina Christoff und Jonathan Schooler haben gezeigt: Mind-wandering ist nicht die Pause vom Denken, sondern eine eigene Form des Denkens, in der Insights entstehen. Anthony Storr nannte das schon 1988 Solitude – die produktive Form des Alleinseins, die mit Einsamkeit nichts zu tun hat. Stille ist nicht das Gegenteil von Arbeit. Sie ist die Bedingung dafür, dass aus Arbeit etwas Neues entsteht.

„大音希聲 – Der größte Klang ist klanglos.“ — Laozi, Tao Te Ching, Kapitel 41 (ca. 6. Jh. v. Chr.)

In unserer Welt ist Stille selten geworden. Jede Sekunde, die nicht von Inputs gefüllt ist, fühlt sich wie eine Lücke an, die geschlossen werden muss – mit einem Blick aufs Handy, einem Podcast im Hintergrund, einer kurzen Mail zwischen zwei Aufgaben. Wir haben uns abgewöhnt, was Kinder noch selbstverständlich konnten: in der Stille zu sitzen und nichts zu tun. Die Forschung der letzten zwei Jahrzehnte zeigt, dass wir damit eine der wichtigsten kognitiven Ressourcen verlieren.

Sandi Mann: Wenn Langeweile kreativ macht

Sandi Mann (University of Central Lancashire) hat zusammen mit Rebekah Cadman einen klassischen Befund geliefert: Wer vor einer Kreativaufgabe absichtlich langweilig beschäftigt wird – konkret: das Abschreiben von Telefonnummern aus einem Branchenbuch –, produziert anschließend originellere und vielfältigere Lösungen als eine Kontrollgruppe, die direkt mit der Aufgabe begonnen hat (Mann & Cadman 2014). Manns Pointe: Langeweile ist nicht ein Zustand, den wir vermeiden sollten, sondern ein produktiver Ausgangspunkt. In ihr beginnt das Gehirn, intern zu wandern – und in diesem Wandern entstehen ungewöhnliche Verknüpfungen.

Teresa Belton (University of East Anglia) hat in ihrer Forschung zu Kindheit und Kreativität gezeigt, dass Kinder, die regelmäßig Zeit ohne strukturierte Beschäftigung haben, sowohl spielerisch als auch sprachlich kreativer werden (Belton & Priyadharshini 2007). Was Generationen vor uns als selbstverständlich akzeptierten – das Kind, das aus dem Fenster schaut und Wolken zählt –, ist in Kalendern mit Frühförderung, Musikschule und durchgetakteten Wochenenden weitgehend verschwunden. Die Folgen zeigen sich nicht sofort. Sie zeigen sich Jahrzehnte später, wenn diese Kinder als Erwachsene das Sitzen ohne Inputs als unerträglich erleben.

Default Mode Network: Was passiert, wenn nichts passiert

Marcus Raichle (Washington University in St. Louis) hat 2001 eine der wichtigsten neurowissenschaftlichen Entdeckungen der letzten Jahrzehnte gemacht: Es gibt ein Netzwerk im Gehirn, das exakt dann aktiv ist, wenn wir uns auf keine externe Aufgabe konzentrieren – das Default Mode Network (DMN). Es umfasst den medialen präfrontalen Cortex, den posterioren cingulären Cortex und den Precuneus. Wenn wir aufmerksam etwas tun, ist es leise. Sobald die Aufgabe endet, schaltet es an.

Frühe Annahmen hielten das DMN für eine Art Stand-by-Modus. Heute wissen wir: Es ist alles andere als das. Im DMN finden zentrale Prozesse statt – autobiografische Erinnerung, mentale Zeitreisen in Vergangenheit und Zukunft, Selbstreflexion, Verknüpfung weit entfernter semantischer Knoten. Es ist der neuronale Boden, auf dem Insights wachsen.

Kalina Christoff (University of British Columbia) und Jonathan Schooler (UC Santa Barbara) haben in einer Reihe von Studien gezeigt, dass Mind-wandering – das, was im Volksmund „Tagträumen“ heißt – mit DMN-Aktivität korreliert und mit Kreativität messbar zusammenhängt (Christoff et al. 2009, PNAS; Baird et al. 2012, Psychological Science). In Bairds Studie waren Personen, die nach einer Kreativaufgabe eine Inkubationsphase mit einer leichten Routine-Tätigkeit verbrachten, anschließend in 41% der Fälle erfolgreicher beim Lösen kreativer Probleme als die Kontrollgruppe. Die Stille hatte gearbeitet, ohne dass jemand etwas merkte.

Wallas, Csíkszentmihályi und die Architektur kreativer Prozesse

Graham Wallas, britischer Sozialpsychologe, hat schon 1926 in The Art of Thought ein Vier-Phasen-Modell kreativer Prozesse vorgelegt: Preparation (intensive Vorbereitung), Incubation (scheinbares Nichtstun), Illumination (der plötzliche Einfall) und Verification (kritische Prüfung). Sein Modell ist seither in vielen Studien validiert worden – mit dem zentralen Befund: Die Incubation-Phase lässt sich nicht beschleunigen. Wer sie überspringt, bekommt nicht früher zur Illumination, sondern gar nicht.

Mihály Csíkszentmihályi, der Begründer der Flow-Forschung, hat in Creativity. Flow and the Psychology of Discovery and Invention (1996) die Lebensläufe von 91 herausragenden Kreativen – Wissenschaftler:innen, Künstler:innen, Unternehmer:innen – analysiert. Sein Befund: Alle diese Menschen hatten strukturierte Phasen des Nichts-Tuns in ihrem Leben. Spaziergänge, Pausen, Phasen der bewussten Zurückgezogenheit. Was wie privates Hobby aussah, war kreatives Kerngeschäft.

Anthony Storr und die Solitude

Anthony Storr (1920–2001), britischer Psychiater, hat in Solitude. A Return to the Self (1988) eine wichtige Unterscheidung etabliert: zwischen Loneliness (schmerzhaftes Alleinsein, das wir nicht gewählt haben) und Solitude (produktives Alleinsein, das uns nährt). Storr hat gezeigt, dass die psychologische Tradition stark auf Beziehung fokussiert hat – auf Bindung, Empathie, Co-Regulation (vgl. Artikel zu Polyvagal-Theorie). Was dabei in den Hintergrund trat, ist die andere Seite: dass auch das bewusst gewählte Alleinsein eine zentrale psychische Ressource ist.

Jenny Odell hat in How to Do Nothing. Resisting the Attention Economy (2019) Storrs Gedanken in unsere Gegenwart geholt: In einer Aufmerksamkeitsökonomie, die jede Sekunde der Stille als Marktversagen behandelt, ist das bewusste Nichts-Tun ein politischer Akt. Wer sich Stille erlaubt, verweigert die Logik der permanenten Verwertbarkeit.

Praxis: Das wöchentliche Boredom Window (45 Minuten)

Statt einer Mikro-Übung diesmal ein fester wöchentlicher Termin – mit Dir selbst, ohne Inputs. Trag ihn in den Kalender ein wie ein Meeting. Eine Woche lang findet er statt. Bei der ersten Wiederholung wird es einfacher.

Vor dem Termin (5 Minuten Vorbereitung): Wähle einen Zeitraum von 45 Minuten, in dem Du allein sein kannst. Lege Handy, Laptop, Buch, Musik beiseite – am besten in einen anderen Raum. Ein Glas Wasser darf bleiben. Setze einen einzigen, sehr leisen Wecker auf 45 Minuten. Setze Dich an einen Ort, an dem Du nicht gestört wirst – am Fenster, im Garten, in einem ruhigen Café ohne Bildschirm.

Während der 45 Minuten: Tu nichts. Nicht im Sinne von „nichts Produktives“ – sondern: gar nichts. Schau aus dem Fenster. Beobachte die Bewegungen im Raum. Bemerke Deine eigenen Gedanken, ohne sie zu lenken. Wenn Du den Impuls verspürst, etwas zu tun – zum Handy zu greifen, eine Liste zu schreiben, irgendetwas „Sinnvolles“ anzufangen –, beobachte den Impuls. Lass ihn da sein. Tu es nicht. In den ersten zehn Minuten wird er stark sein. Nach zwanzig Minuten lässt er nach. Nach dreißig Minuten bist Du an einem Ort, an dem Du seit Monaten nicht mehr warst.

Direkt nach den 45 Minuten (5 Minuten Notiz): Schreibe in zwei oder drei Sätzen auf: Was ist in dieser Zeit aufgetaucht? Nicht: Was sollte ich daraus machen. Sondern: Welche Gedanken, Bilder, Erinnerungen, Fragen sind gekommen, die ich sonst nicht gehabt hätte? Häufig sind es genau diese, die in den nächsten Tagen reifen – und sich als unerwartet zentral erweisen.

Wer das vier Wochen lang konsequent tut, beobachtet zwei Dinge. Erstens: Die Qualität der Insights in den anderen 167 Stunden der Woche steigt. Zweitens: Der Widerstand gegen die 45 Minuten verschwindet nicht ganz – aber er verändert seine Tonart. Aus „Ich kann nicht stillsitzen“ wird „Ich erkenne, was in mir nicht stillsitzen will“. Das ist schon ein wesentlicher Teil der Insight selbst.


📖 Wie sich diese Art von strukturierter Stille im Berufsalltag – zwischen Meetings, Mails und Mitarbeitendengesprächen – verankern lässt, ist eines der unterschwelligen Themen meines Buches Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)


Mann, Belton, Raichle, Christoff, Schooler, Baird, Csíkszentmihályi, Storr, Odell – aus acht Jahrzehnten Forschung kommt dieselbe Beobachtung: Die scheinbar leere Zeit ist nicht leer. Sie ist eine eigene Form von Arbeit, die das Gehirn von sich aus tut, wenn wir es lassen. Bertrand Russell hat das schon 1932 in In Praise of Idleness formuliert: „Ein gewisses Maß an harmloser Freiheit von der Verpflichtung, nützlich zu sein, gehört zu den Bedingungen geistiger Produktivität.“

Wenn Du Dir morgen genau zwei Stunden ohne Inputs erlauben würdest – kein Handy, kein Gespräch, kein Buch –, was würdest Du danach an Dir bemerken, das in der vergangenen Woche zu kurz gekommen ist?


Quellen

  • Baird, B., Smallwood, J., Mrazek, M. D., Kam, J. W., Franklin, M. S. & Schooler, J. W. (2012): Inspired by Distraction: Mind Wandering Facilitates Creative Incubation. Psychological Science, 23(10), 1117–1122. DOI: 10.1177/0956797612446024

  • Belton, T. & Priyadharshini, E. (2007): Boredom and schooling: A cross-disciplinary exploration. Cambridge Journal of Education, 37(4), 579–595. DOI: 10.1080/03057640701706227

  • Christoff, K., Gordon, A. M., Smallwood, J., Smith, R. & Schooler, J. W. (2009): Experience sampling during fMRI reveals default network and executive system contributions to mind wandering. PNAS, 106(21), 8719–8724. DOI: 10.1073/pnas.0900234106

  • Csíkszentmihályi, M. (1996): Creativity. Flow and the Psychology of Discovery and Invention. HarperCollins. — Dt.: Kreativität. Wie Sie das Unmögliche schaffen und Ihre Grenzen überwinden (1997). Klett-Cotta.

  • Mann, S. & Cadman, R. (2014): Does Being Bored Make Us More Creative? Creativity Research Journal, 26(2), 165–173. DOI: 10.1080/10400419.2014.901073

  • Odell, J. (2019): How to Do Nothing. Resisting the Attention Economy. Melville House. — Dt.: Nichts-tun. Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen (2021). C.H. Beck.

  • Raichle, M. E., MacLeod, A. M., Snyder, A. Z., Powers, W. J., Gusnard, D. A. & Shulman, G. L. (2001): A default mode of brain function. PNAS, 98(2), 676–682. DOI: 10.1073/pnas.98.2.676

  • Russell, B. (1932): In Praise of Idleness. — Dt.: Lob des Müßiggangs (2002). dtv.

  • Storr, A. (1988): Solitude. A Return to the Self. Free Press. — Dt.: Das Alleinsein. Eine Rückkehr zum Selbst (1989). Klett-Cotta.

  • Wallas, G. (1926): The Art of Thought. Jonathan Cape.

  • Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)

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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung.

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