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Glück, das nicht beschwichtigt – Frankls Tragischer Optimismus und Morgensterns Stufen

Last updated on 15/06/2026

Christian Morgenstern formulierte in seinem aphoristischen Spätwerk Stufen eine Frage, die der heutigen Positive-Psychology-Welle Tiefe gibt: Liegt Glück nicht in jedem großen Augenblick – auch in den dunklen? Viktor Frankl, KZ-Überlebender und Begründer der Logotherapie, hat 1985 mit dem Konzept des Tragischen Optimismus eine differenzierte Antwort gegeben: Glück trotz Tragödie ist nicht das gleiche wie ihre Verleugnung. Susan David hat in Emotional Agility (2016) den Gegenbegriff geprägt – Toxic Positivity: der Druck, immer positiv sein zu müssen, beschämt diejenigen, die gerade trauern, hadern, leiden. Beide Stränge zusammen ergeben die einzig redliche Position: Glück ist möglich, aber es darf nicht beschwichtigen.

„Aber liegt nicht in jedem großen Augenblick, gleichviel ob er hell oder dunkel, richtig oder falsch, ein Glück?“ — Christian Morgenstern, Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen (postum 1918), Piper Verlag

Morgenstern hat den Satz nicht aus akademischer Distanz geschrieben. Er starb 1914 mit zweiundvierzig Jahren an Tuberkulose. Stufen entstand in den letzten fünf Lebensjahren – einer Zeit, in der er enger Schüler Rudolf Steiners war und sich der Anthroposophie zuwandte. Wer den Aphorismus liest, ohne diese biographische Lage zu kennen, hört eine schöne Frage. Wer sie kennt, hört eine Frage aus dem Sterben heraus – mit anderem Gewicht.

Frankls Tragischer Optimismus – Glück, das die Tragödie nicht vergisst

Viktor Frankl hat 1985 im Postscript zur englischen Ausgabe von …trotzdem Ja zum Leben sagen ein Konzept geprägt, das die Positive Psychology bis heute differenziert: den Tragischen Optimismus. Es ist die Fähigkeit, angesichts der „tragischen Trias“ der menschlichen Existenz – Schmerz, Schuld und Tod – dennoch dem Leben Ja zu sagen, ohne ihre Realität zu verleugnen (Frankl 1985).

Frankl unterscheidet damit explizit von dem, was er „cheap optimism“ nannte – billige, oberflächliche Positivität. Tragischer Optimismus heißt:

  • Leiden in eine Leistung verwandeln (so weit es geht), nicht: es schönreden.

  • Schuld als Möglichkeit zur Veränderung sehen (Reue als produktive Kraft), nicht: Schuld leugnen.

  • Vergänglichkeit als Aufforderung zu verantwortlichem Handeln deuten, nicht: über sie hinwegsehen.

Wichtig bei Frankl: Glück ist nicht das Ziel, sondern das Nebenprodukt. Wer es direkt anstrebt, verfehlt es. Wer Sinn findet, dem wächst Glück zu – auch in dunklen Momenten (vgl. Artikel zu Sinn in dieser Serie).

Susan David und die Toxic Positivity – wo Glück gefährlich wird

Die südafrikanisch-amerikanische Psychologin Susan David hat in Emotional Agility (2016) eine ergänzende Pointe gesetzt: Wer Glück zur Pflicht macht, beschämt diejenigen, die gerade nicht glücklich sein können. Der dauerhafte gesellschaftliche Druck „Stay positive!“ erzeugt nach Davids Forschung an der Harvard Medical School und in den Daten eines internationalen Online-Surveys mit über 70 000 Teilnehmenden einen Effekt, den sie als emotionale Starrheit bezeichnet: Menschen drücken negative Emotionen weg, weil sie ihnen verboten erscheinen – und werden dadurch weniger belastbar, nicht mehr.

Toxic Positivity ist die kulturelle Norm, die uns sagt:

  • Trauer dauert zu lange – komm darüber hinweg.

  • Sieh die positive Seite – sofort.

  • Wer leidet, hat etwas falsch gemacht oder denkt falsch.

Diese Norm produziert nicht Resilienz, sondern Schweigen. Sie produziert keine Verarbeitung, sondern Verdrängung. Und sie verschärft, was sie zu lindern vorgibt. Barbara Held, Psychologin am Bowdoin College, hatte das schon 2002 als „Tyranny of the Positive Attitude“ präzise beschrieben (Held 2002, Journal of Clinical Psychology).

Was die Forschung über positive Emotionen in Krisen weiß

Das heißt nicht, dass positive Emotionen in Krisen sinnlos wären – im Gegenteil. Barbara Fredrickson und Michele Tugade haben 2003 in einer Studie nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gezeigt, dass Menschen, die trotz und neben der Trauer positive Emotionen erleben konnten – Dankbarkeit, Verbundenheit, kurze Momente der Freude – schneller psychologische Ressourcen aufbauten (Fredrickson, Tugade et al. 2003, Journal of Personality and Social Psychology). Das ist nicht „positives Denken“, sondern coexistierendes Erleben: das Negative bleibt, das Positive entsteht daneben (vgl. Artikel zu Broaden-and-Build und Hoffnung).

Das ist genau Morgensterns und Frankls Punkt: Glück in dunklen Momenten ist nicht das Glück statt der Dunkelheit, sondern das Glück neben ihr. Eine Tasse warmer Tee am Krankenbett. Ein Gespräch mit jemandem, der versteht. Ein Lichtspiel auf der Wand, das man wahrnimmt. Das ersetzt nichts, was schwer ist – aber es ergänzt es.

Was bei schweren Belastungen wirklich hilft

Bei schwerer Krankheit, in Trauerprozessen, nach traumatischen Erfahrungen ist die wichtigste Forschungserkenntnis der letzten zwei Jahrzehnte: Beide Wahrheiten gleichzeitig halten. Sonja Lyubomirsky beschreibt das in The How of Happiness (2008) als „yes, and“-Haltung: Ja, das ist schwer – und es gibt heute auch etwas, das warm ist. Diese „Und“-Haltung ist nicht Verleugnung. Sie ist die feine Tugend, die niemand verlangen darf, aber die viele Menschen aus eigener Kraft entwickeln.

Wer sie nicht aufbringen kann – aus guten Gründen, in tiefem Leid, in akutem Trauma – braucht keine Aufforderung zum Glück. Er braucht Begleitung. Das ist die zweite, oft vergessene Wahrheit hinter Morgensterns Aphorismus: Manchmal ist das fremde Glück das, was uns durchträgt, wenn das eigene gerade nicht erreichbar ist.

Praxis: Die zweite Wahrheit nicht vergessen

Drei Schritte, die Frankls Tragischen Optimismus alltagstauglich machen:

  1. Die schwere Wahrheit anerkennen. Bevor Sie nach Glück suchen, benennen Sie, was schwer ist – konkret, ungeschminkt. Wer das überspringt, kommt nicht im Tragischen Optimismus an, sondern in der Toxic Positivity.

  2. Die zweite Wahrheit suchen. Was war heute trotzdem da? Nicht statt der Schwere – neben ihr. Eine warme Mahlzeit. Ein Anruf. Eine Beobachtung in der Natur. Es muss nicht groß sein.

  3. Begleitung zulassen. Wenn die zweite Wahrheit gerade nicht zu finden ist, brauchen Sie nicht mehr Selbstdisziplin. Sie brauchen einen Menschen, der die schwere Wahrheit aushält und mitträgt. Das ist nicht Schwäche – es ist die menschlichste Form der Krisenbewältigung.


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Morgenstern hat seinen Aphorismus mit einem Fragezeichen geschrieben, nicht mit einem Ausrufezeichen. Das ist die genauere Tonart. Glück in dunklen Momenten ist keine Behauptung, die man jemandem entgegenwerfen darf – es ist eine Frage, die jeder Mensch nur für sich selbst stellen und für sich selbst beantworten kann.

Vielleicht ist deshalb die Frage, die wir uns selbst stellen können, ohne andere damit zu beschämen, nicht „Wo ist mein Glück in diesem dunklen Moment?“ – sondern: Was war heute, neben dem Schweren, auch noch da?


Quellen

  • David, S. (2016): Emotional Agility. Get Unstuck, Embrace Change, and Thrive in Work and Life. Avery. — Dt.: Emotionale Beweglichkeit. Verstrickung überwinden, Veränderung wagen (2017). Unimedica.

  • Frankl, V. E. (1985 Postscript): Man’s Search for Meaning. Revised and Updated. Beacon Press. Dt. Ausgabe: …trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager (verschiedene Aktualauflagen). Kösel.

  • Fredrickson, B. L., Tugade, M. M., Waugh, C. E. & Larkin, G. R. (2003): What good are positive emotions in crises? A prospective study of resilience and emotions following the terrorist attacks on the United States on September 11th, 2001. Journal of Personality and Social Psychology, 84(2), 365–376. DOI: 10.1037/0022-3514.84.2.365

  • Held, B. S. (2002): The Tyranny of the Positive Attitude in America: Observation and Speculation. Journal of Clinical Psychology, 58(9), 965–991. DOI: 10.1002/jclp.10093

  • Lyubomirsky, S. (2008): The How of Happiness. A New Approach to Getting the Life You Want. Penguin. — Dt.: Glücklich sein. Warum Sie es in der Hand haben, zufrieden zu leben (2008). Campus.

  • Morgenstern, C. (1918, postum): Stufen. Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuch-Notizen. Piper Verlag, München.

  • Voss, S. (2023): Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen. Springer Gabler. tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link)

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Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.

Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung.

Published inInnere HaltungInnere HaltungMut tut gut