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Was du hältst, halte fest – Klara von Assisi und die Anatomie der Beharrlichkeit

Last updated on 16/06/2026

Klara von Assisi (1193/94–1253) verließ als 18-Jährige nachts ihr adeliges Elternhaus, ließ sich von Franziskus die Haare scheren und gründete einen radikal armen Frauenorden – gegen den Willen ihrer Familie, gegen kanonisches Recht und gegen vier Päpste, bis sie ihre eigene Ordensregel zwei Tage vor ihrem Tod bestätigt bekam. Ihr berühmter Satz an Agnes von Prag – „Was du hältst, halte fest. Was du tust, tu, und lass nicht ab davon.“ – ist kein frommer Spruch, sondern eine erstaunlich moderne Anleitung zu dem, was die Psychologie heute Grit, worthwhile risk und meaning-focused coping nennt. Drei Konzepte, ein Lebenswerk, achthundert Jahre Vorsprung.

Ich stutze immer kurz, wenn jemand mittelalterliche Frauen aus der Heiligen-Schublade holt, sie als Vorbild präsentiert und dann doch nur eine fromme Vignette malt. Klara verdient mehr. Ihr Lebenswerk lässt sich erstaunlich präzise mit der heutigen Forschung zu Beharrlichkeit, Mut und Sinn verbinden – und genau dieser Brückenschlag macht sie für Führungskräfte und L&D-Praxis interessant.

Wer war Klara wirklich?

Klara Offreduccio wurde um 1193/94 in einer der wohlhabendsten Adelsfamilien von Assisi geboren. Mit etwa achtzehn Jahren – in der Nacht zum Palmsonntag 1212 – verließ sie heimlich das Elternhaus, ließ sich von Franziskus in der Portiunkula-Kapelle einkleiden und entzog sich damit jeder von der Familie geplanten Heirat. Die juristische Brisanz: Mit der Tonsur war sie kanonisch geschützt – die Familie konnte sie nicht mehr zurückzwingen.

Anders als das Volkswissen oft behauptet, gründete Klara nicht „die Franziskaner“. Sie gründete einen davon unabhängigen, kontemplativen Frauenorden, die Pauperes Dominae („Arme Damen“), heute als Klarissen bekannt. Und sie kämpfte vier Jahrzehnte lang um eine Sache, die in ihrer Zeit für Frauen schlicht nicht vorgesehen war: das Privilegium paupertatis – das Recht, kein Eigentum zu besitzen, weder persönlich noch als Gemeinschaft. Päpste boten ihr immer wieder besseres Auskommen an. Klara lehnte ab.

Erst am 9. August 1253, zwei Tage vor ihrem Tod, bestätigte Papst Innozenz IV. ihre eigene Ordensregel – die Forma vitae sanctae Clarae. Es war die erste Ordensregel der Kirchengeschichte, die von einer Frau verfasst wurde.

Das Zitat – und woher es wirklich stammt

„Quod tenes, teneas, quod facis, facias, et non dimittas.“ Klara schreibt diesen Satz in ihrem zweiten Brief an Agnes von Prag, die Tochter des böhmischen Königs Ottokar I. (vgl. Mueller 2001, Verse 11–13). Agnes hatte eine glänzende Heirat mit Kaiser Friedrich II. ausgeschlagen und stattdessen in Prag ein Klarissen-Kloster gegründet. Sie schwankte zwischen päpstlichem Druck zur Lockerung der Armutsregel und ihrer eigenen Überzeugung.

Klaras Antwort war kein theologischer Traktat, sondern eine konkrete seelsorgerliche Stütze: Halt das fest, was du erkannt hast. Tu weiter, was du tust. Gib nicht nach. Im Folgevers ergänzt sie ein Bild, das mir besonders gefällt: „Mit raschem Schritt, leichtem Tritt, festen Füßen – so dass deine Schritte nicht einmal Staub aufwirbeln – gehe sicher, freudig und zügig den Pfad der klugen Glückseligkeit.“

Das ist nicht Verbissenheit. Das ist Leichtigkeit im Festhalten – ein Paradox, das die moderne Forschung erst wiederentdecken musste.

Drei Brücken zur heutigen Psychologie

Beharrlichkeit (Grit nach Duckworth). Angela Duckworth definiert Grit als „passion and perseverance for long-term goals“ und zeigt in einer Meta-Studie mit mehr als zwölftausend Teilnehmer:innen (Duckworth et al. 2007), dass Beharrlichkeit Erfolg besser vorhersagt als IQ oder Talent. Klaras vierzigjähriges Festhalten an einer einzigen Vision – trotz familiärer, kirchlicher und gesellschaftlicher Widerstände – ist ein historisches Lehrstück darin, was Grit über Jahrzehnte aussehen kann.

Mut als wertvolles Risiko (Pury). Cynthia L. S. Pury (Clemson University) hat Mut als „taking a worthwhile risk“ definiert – mit drei Komponenten: Freiwilligkeit, Risiko und wertvolles Ziel (Pury & Lopez 2010). Klara erfüllte alle drei in extremem Maß. Sie handelte freiwillig (kein Zwang, im Gegenteil – die Familie kämpfte zurück). Sie nahm reales Risiko in Kauf (sozialer Abstieg, juristische Konflikte, lebenslange Armut). Und sie verfolgte ein Ziel, das größer war als ihr persönlicher Vorteil – eine geschützte Lebensform für Frauen, die sonst Bedienstete, Sklavinnen oder verheiratete Eigentum geworden wären.

Sinn als Stresspuffer (Steger, Martela, Folkman). Frank Martela und Michael Steger (2016) haben Sinn-Erleben in drei Komponenten zerlegt: Kohärenz (mein Leben ergibt für mich Sinn), Bedeutsamkeit (mein Leben ist wertvoll), Zweck (ich habe Richtung). Susan Folkman (2008) nennt die daraus resultierende Bewältigungsstrategie meaning-focused coping. Klara verkörpert alle drei Dimensionen so dicht, dass selbst lange Krankheitsphasen, päpstlicher Gegenwind und materielle Entbehrung sie nicht aus der Spur warfen.

Was Klara nicht war – eine notwendige Klarstellung

Klara war keine Aussteigerin im modernen Sinn. Sie war eine Frau mit messerscharfem strategischem Verstand. Sie schrieb juristisch präzise Briefe an Päpste. Sie führte über vier Jahrzehnte ein wachsendes Kloster mit oft mehr als fünfzig Schwestern. Sie verhandelte mit drei Päpsten – Gregor IX., Innozenz IV. und zwischenzeitlich Alexander IV. – über ihre Regel. Wer „Beharrlichkeit“ mit „Sturheit“ verwechselt, übersieht, dass Klara genau wusste, wann sie nachgab (etwa bei den Reformen unter Gregor IX., die sie taktisch akzeptierte) und wann nicht (beim Privilegium paupertatis).

Das ist eine Lektion, die in Veränderungsprozessen in Organisationen oft fehlt: Beharrlichkeit ist nicht das Gegenteil von Anpassung. Sie ist die Fähigkeit, das eigene Wofür von den Wie-Fragen zu unterscheiden. Eng verwandt mit dem, worüber ich im Artikel zu Sinn und Coping geschrieben habe.

Drei Praxis-Hebel aus der Klara-Lektion

In meinen Erfahrungen nutze ich drei Fragen, die direkt aus Klaras Satz abgeleitet sind:

  • Was hältst du gerade fest – und warum eigentlich? Die Frage nach dem Wofür. Trennscharfe Antworten – nicht „weil man das halt so macht“ oder „weil ich es schon immer so wollte“. Sondern: Welcher Wert steht dahinter? Welche Veränderung in der Welt wird durch mein Festhalten kleiner oder größer?

  • Was tust du wirklich – und was nur, weil es im Kalender steht? Klaras Satz „Was du tust, tu“ enthält eine implizite Aufforderung: Mach es ganz oder lass es. Halbe Sachen sind Energie-Lecks. In meinen Workshops zur Meetingkultur (vgl. den Artikel zu Werten und Erinnert-Werden) hat sich gezeigt: Wer sich diese Frage einmal pro Woche stellt, streicht im Schnitt zwanzig bis dreißig Prozent seiner Termine.

  • Wo bist du dabei, müde zu werden – und was ist das Signal dahinter? „Lass nicht ab davon“ klingt nach Durchhalteparole, ist aber eine Diagnose-Frage. Müdigkeit kann zwei Dinge bedeuten: Entweder fehlt der Sinn-Anker (dann liegt die Arbeit am Wofür, nicht am Wie), oder das Risiko-Ziel-Verhältnis hat sich verschoben (dann braucht es eine neue Bewertung). Beides sind keine Charakter-, sondern Klärungsfragen.

Klaras Modernität – und ihre Grenzen

Klaras Lebenswerk lässt sich nicht eins zu eins in einen Karriereplan übersetzen, und das wäre auch übergriffig. Was bleibt, ist eine seltene Klarheit darüber, was Festhalten eigentlich heißt: nicht starr, nicht verbissen, nicht heroisch – sondern verbunden mit einem Wofür, das größer ist als die Tagesform. Das macht ihren Satz an Agnes zu einer der präzisesten Anleitungen zu Sinn-orientiertem Handeln, die ich kenne.

Wenn ich an Klara denke, frage ich mich oft: Welche Schwellen-Entscheidung in meinem Leben würde ich heute noch einmal so treffen wie damals – ohne das Risiko zu glätten und ohne das Ziel zu schrumpfen? Vielleicht ist genau diese Frage der Lackmustest dafür, ob wir gerade an etwas Wertvollem festhalten oder an einer alten Gewohnheit.

Wie sich diese Frage nach dem inneren Festhalten in konkreten beruflichen Gesprächen zeigt – im Konflikt, im Wertedialog, im Verhandeln eigener Grenzen – ist eines der Kernthemen von Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98

Quellen

  • Klara von Assisi (ca. 1234–1238): Zweiter Brief an Agnes von Prag, Verse 11–13. In: Mueller, J. (2001): Clare’s Letters to Agnes: Texts and Sources. St. Bonaventure University Press.

  • Armstrong, R. J. (Hrsg., 2006): Clare of Assisi – The Lady: Early Documents. Franciscan Institute Publications.

  • Grau, E. (Hrsg., 1988): Leben und Schriften der heiligen Klara von Assisi. Coelde, Werl. (Maßgebliche deutsche Ausgabe der Klara-Schriften)

  • Duckworth, A. L., Peterson, C., Matthews, M. D. & Kelly, D. R. (2007): Grit: Perseverance and passion for long-term goals. Journal of Personality and Social Psychology, 92(6), 1087–1101. DOI: 10.1037/0022-3514.92.6.1087

  • Pury, C. L. S. & Lopez, S. J. (Hrsg., 2010): The Psychology of Courage: Modern Research on an Ancient Virtue. American Psychological Association.

  • Martela, F. & Steger, M. F. (2016): The three meanings of meaning in life: Distinguishing coherence, purpose, and significance. The Journal of Positive Psychology, 11(5), 531–545. DOI: 10.1080/17439760.2015.1137623

  • Folkman, S. (2008): The case for positive emotions in the stress process. Anxiety, Stress & Coping, 21(1), 3–14. DOI: 10.1080/10615800701740457

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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

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