Last updated on 16/06/2026
Mut ist nicht das Gegenteil von Angst, sondern die Bereitschaft, ein lohnenswertes Risiko einzugehen. Die psychologische Forschung um Cynthia L. S. Pury (Clemson University) hat in den letzten zwei Jahrzehnten gezeigt: Mut hat drei Bestandteile – Freiwilligkeit, Risiko und ein wertvolles Ziel. Das Bemerkenswerte: Mut ist trainierbar, nicht angeboren. Und mutiges Handeln stärkt nachweislich Selbstwirksamkeit, baut Resilienz auf und ist die Eingangstür zu echtem Wachstum.
„Mut tut gut“ – mein persönliches Leitmotiv ist nicht zufällig gewählt. In über zwei Jahrzehnten L&D-Praxis habe ich gesehen, was Mut bewirkt: Menschen verlassen ihre Komfortzone, treten für Werte ein, übernehmen Verantwortung, vertrauen sich selbst. Und sie wachsen daran.
Was Mut wirklich ist – die wissenschaftliche Definition
In ihrem Standardwerk The Psychology of Courage: Modern Research on an Ancient Virtue (American Psychological Association, 2010) definieren Cynthia L. S. Pury & Shane J. Lopez Mut prägnant als „taking a worthwhile risk“.
Christopher R. Rate (2010) hat in derselben Quelle drei empirisch fundierte Komponenten herausgearbeitet:
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Freiwilligkeit – die Person handelt bewusst, nicht zufällig.
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Risiko – die Handlung birgt eine reale Gefahr (körperlich, sozial, beruflich, emotional).
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Wertvolles Ziel – das Ziel rechtfertigt das Risiko.
Wer ohne Wahl handelt, hat Glück gehabt. Wer ohne Risiko handelt, ist klug. Wer ohne wertvolles Ziel handelt, ist leichtsinnig. Erst die Verbindung aller drei macht eine Handlung mutig.
Verhältnismäßigkeit – das vergessene Kriterium
Pury & Starkey (2010) führten eine wichtige Unterscheidung ein: Die Verhältnismäßigkeit zwischen Risiko und Zielwert ist subjektiv. Daraus folgt der Unterschied zwischen „Personal Courage“ und „General Courage“ (Pury et al. 2007):
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Persönlicher Mut: Eine Handlung, die nur für diese eine Person riskant ist – z.B. spontan vor Fremden zu sprechen für eine zurückhaltende Person.
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Allgemeiner Mut: Eine Handlung, die jeder Mensch als mutig erkennen würde – z.B. öffentlich eine unpopuläre Position zu vertreten.
Beide Formen sind echter Mut. Aber sie brauchen unterschiedliche Vorbereitung und unterschiedliche Anerkennung.
Drei Mut-Übungen aus der Forschung
In meinen L&D-Trainings nutze ich drei wissenschaftlich fundierte Praktiken:
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Mut-Inventar (nach Norton & Weiss 2009): Eine Woche lang notieren, wann man Mut hatte – auch in kleinen Momenten. Das macht die eigene Mut-Geschichte sichtbar.
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Worthwhile-Risk-Frage (nach Pury): Vor einer schwierigen Entscheidung fragen: Ist das Ziel wertvoll genug, um dieses Risiko zu rechtfertigen? Wenn ja: handeln. Wenn nein: präzisieren oder neu denken.
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Mut-Mentor:in finden: Wer Mut entwickeln will, sucht sich eine Person, die ihn vorlebt. Mut ist sozial ansteckend – das hat Monica C. Worline (2010) in Organisationsstudien gezeigt.
Diese Praktiken verbinden sich direkt mit der Grit-Forschung von Angela Duckworth (Beharrlichkeit + Leidenschaft) und mit Fredricksons Broaden-and-Build-Theorie, über die ich beide in dieser Serie geschrieben habe: Mut weitet den Möglichkeitsraum.
Warum die Zukunft Mut braucht
In einer VUCA-Welt mit beschleunigtem Wandel, gesellschaftlicher Polarisierung und ethischen Herausforderungen wird Mut nicht weniger gebraucht, sondern mehr. Auch Veränderungsprozesse in Organisationen – über die ich in der Serie geschrieben habe – funktionieren nicht ohne mutige Menschen, die den Status Quo hinterfragen.
Mut ist nicht das Gegenteil von Angst. Mut ist, das wertvolle Ziel größer zu sehen als das Risiko – und trotzdem zu handeln. Mut tut gut, weil er wächst, indem man ihn lebt.
Wie Mut sich in konkreten beruflichen Gesprächen zeigt – im klaren „Nein“, im konstruktiven Widerspruch, im verletzlichen Eingeständnis – ist eines der Kernthemen von Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023). 👉 tidd.ly/4vwIC98
Quellen:
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Pury, C. L. S. & Lopez, S. J. (Hrsg., 2010): The Psychology of Courage: Modern Research on an Ancient Virtue. American Psychological Association.
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Pury, C. L. S. & Starkey, C. B. (2010): Is courage an accolade or a process? A fundamental question for courage research. In: Pury & Lopez (Hrsg.), 67–87.
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Rate, C. R. (2010): Defining the features of courage: A search for meaning. In: Pury & Lopez (Hrsg.).
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Pury, C. L. S., Kowalski, R. M. & Spearman, J. (2007): Distinctions between general and personal courage. Journal of Positive Psychology, 2(2), 99–114. DOI: 10.1080/17439760701237962
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Worline, M. C. (2010): Understanding the role of courage in social life. In: Pury & Lopez (Hrsg.), 209–229.
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Putman, D. (1997): Psychological courage. Philosophy, Psychiatry, & Psychology, 4(1), 1–11.
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Peterson, C. & Seligman, M. E. P. (2004): Character Strengths and Virtues: A Handbook and Classification. Oxford University Press.
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Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 1: Innere Haltung

