Große Gruppen gelten als schwer steuerbar – und werden doch meist als Bühne missbraucht: Das Management sendet, der Saal hört zu. Mein zweites Buch bei Springer Gabler dreht dieses Verhältnis um. Es zeigt, wie sich Arbeitstagungen im Großgruppen-Format partizipativ gestalten lassen, sodass echte Beteiligung entsteht und Ergebnisse von den Teilnehmenden getragen werden. Die Basis bilden etablierte Großgruppenmethoden – Future Search, Open Space, Real-Time Strategic Change, World Café, Appreciative Inquiry und Barcamp – eingebettet in ein konstruktivistisches Lernverständnis der Organisationsentwicklung.
Lange habe ich Tagungen erlebt, die eher einer Theatervorführung glichen als einem Ort der Arbeit: schöner Rahmen, prominente Redner, viel Applaus – und Wochen später erinnerten sich die Teilnehmenden an das Essen, selten an die Inhalte. Als ich begann, meine Tagungen anders anzulegen – weniger Folien, mehr Kleingruppen, eigene Leitfragen –, blieben die Feedbackbögen fast gleich. Was sich änderte, war der Transfer: Erarbeitete Lösungen wurden tatsächlich umgesetzt. Genau darum geht es in diesem Buch.
Warum klassische Tagungen verpuffen
Wahrnehmung und Lernen sind individuelle Prozesse. Was eine Teilnehmerin behält und umsetzt, lässt sich nicht durch Senden erzwingen – auch eine perfekt moderierte Frontalveranstaltung hat einen ungewissen Ausgang. Partizipation wirkt auf den ersten Blick riskanter, ist aber der ehrlichere Weg: Sie macht das Lernen sichtbar, statt es zu unterstellen.
Das Fundament: Beteiligung statt Belehrung
Bevor es um Methoden geht, kläre ich das Fundament: die Abgrenzung oft verwechselter Begriffe, die gruppendynamischen Effekte großer Gruppen und den Konstruktivismus als Lernverständnis – Menschen werden nicht belehrt, sondern in ihrer eigenen Sinngebung ermöglicht. Dazu kommen die Rollen- und Auftragsklärung, die Haltung, die die Methodik bestimmt, und die Narration als roter Faden, der einer Tagung Sinn stiftet. Psychologische Sicherheit ist dabei kein Beiwerk, sondern Voraussetzung dafür, dass Menschen sich überhaupt einbringen.
Die Methoden – Struktur, Einsatz, Grenzen
Den Kern bildet ein ausführlicher Methodenteil. Jede Methode wird mit Aufbau, Einsatzfeldern und Grenzen beschrieben:
- Future Search Conference (Zukunftskonferenz) – von Marvin Weisbord und Sandra Janoff entwickelt, um eine ganze „Systemwelt“ an einen Tisch zu holen.
- Open Space Technology – Harrison Owens Format der selbstorganisierten Themenmärkte.
- Real-Time Strategic Change (RTSC) – Strategie und Umsetzung in Echtzeit mit großen Gruppen.
- World Café – das von Juanita Brown und David Isaacs geprägte Gesprächsformat in wechselnden Runden.
- Appreciative Inquiry Summit – David Cooperriders stärkenorientierter Ansatz des Wandels.
- Barcamp – die offene „Un-Konferenz“ mit selbst gesetzter Agenda.
Ein eigenes Kapitel überträgt das Ganze auf hybride Großgruppen-Formate in drei Phasen – Kick-off, selbstgesteuertes Lernen, Abschluss –, denn virtuelle und gemischte Settings sind längst Alltag.
Für wen ich es geschrieben habe
Für alle, die Veranstaltungen mit vielen Menschen verantworten und wollen, dass am Ende nicht nur geredet, sondern gemeinsam etwas bewegt wurde: für Menschen in der Organisationsentwicklung, für Trainerinnen und Trainer, für Führungskräfte – für alle, die Wandel partizipativ gestalten.
Vielleicht ist die eigentliche Frage nicht, wie wir eine Großgruppe steuern, sondern wie viel wir ihr zutrauen.
📖 Stephanie Voss: Arbeitstagungen mit Großgruppen erfolgreich partizipativ gestalten. Grundlagen und konkrete Einsatzmöglichkeiten in der Organisationsentwicklung. Springer Gabler, Wiesbaden 2025. → https://tidd.ly/4clXpur (*Affiliate-Link)
Zusammenfassung: Das Buch beschreibt, wie partizipative Großgruppenmethoden – Future Search, Open Space, RTSC, World Café, Appreciative Inquiry und Barcamp – auf einem konstruktivistischen Lernverständnis aufbauen und Beteiligung in der Organisationsentwicklung ermöglichen. Wer Tagungen so gestaltet, ersetzt Unterhaltung durch Transfer: Ergebnisse werden erarbeitet statt verkündet – und deshalb umgesetzt.
Teil der Seite „Veröffentlichungen“ – Bücher und Beiträge von mir.


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