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Finde dich, sei dir selber treu, lerne dich verstehen, folge deiner Stimme, nur so kannst du das Höchste erreichen – dieser Satz wird Bettina von Arnim zugeschrieben und steht in vielen Zitatkalendern. Belastbar nachweisen lässt er sich in ihrem Werk so nicht – aber die Pointe trifft, was sie in Die Günderode (1840) tatsächlich geschrieben hat: Selbstdenken ist der höchste Mut.
„Remember, happiness doesn’t depend upon who you are or what you have, it depends solely on what you think“ – dieser Satz wird im Zitatebetrieb häufig Andrew Carnegie zugeschrieben, dem Stahlindustriellen. Tatsächlich stammt er von Dale Carnegie, dem amerikanischen Bestsellerautor von How to Win Friends and Influence People (1936) und How to Stop Worrying and Start Living (1948).
„It is not the mountain we conquer but ourselves“ – diese populär Edmund Hillary zugeschriebene Zeile fasst zusammen, was Hillary in High Adventure (1955) über seinen Aufstieg auf den Mount Everest beschrieb. Am 29.
„And now that you don’t have to be perfect, you can be good“ – diesen Satz lässt John Steinbeck 1952 in East of Eden den Chinesen Lee zu Abra sagen, die sich daran abarbeitet, das idealisierte Bild zu sein, das ihr Freund Aron in ihr sehen will. Die kleine Verschiebung von „perfekt“ zu „gut“ ist die Befreiung der Figur.
„Sei präsent in allem, was du tust, denn die einzige Wirklichkeit ist das Jetzt“ – diese Zen-Weisheit hängt zu Hause in meinem Zitatkalender. Sie ist in dieser englischen Form modern, in ihrer Substanz aber alt: Dōgen Zenji hat sie um 1233 in Shōbōgenzō in andere Worte gefasst, Thich Nhat Hanh hat sie in unserer Zeit für den Westen übersetzt.
Vien dietro a me, e lascia dir le genti, schreibt Dante zwischen 1308 und 1320 in Purgatorio V, 13 – „komm nach mir und lass die Leute reden“. In der populären Verkürzung, die seit Jahrzehnten durch die Zitatkalender wandert, wird daraus: Folge deinem eigenen Weg, lass die Leute reden.
„To be alive—is Power— / Existence—in itself— / Without a further function— / Omnipotence—Enough—“ – so beginnt Emily Dickinsons Gedicht Nummer 677, geschrieben um 1862 in Amherst. Lebendig zu sein, schreibt sie, ist selbst schon Macht; die Existenz trägt ihre Erfüllung in sich, sie muss nicht zu etwas anderem werden.
Percy Bysshe Shelley schrieb 1816 in Mutability: „Nought may endure but Mutability.“ Heraklit hatte zweitausend Jahre vorher dasselbe gemeint, wenn auch ohne die populäre Formel vom „einzig Beständigen“, die später aus seiner Philosophie kristallisiert wurde.
Dasselbe Buch kann ein heiliges Sakrament sein – oder ein Stapel beschriebener Blätter mit Lederrücken. Was es ist, entscheidet nicht das Buch, sondern der Blick darauf. In Cajamarca, am 16. November 1532, wurde diese Differenz zum tödlichen Missverständnis. Dieselbe Mechanik wirkt heute in jedem Konflikt, der von zwei Seiten als „objektiv eindeutig“ empfunden wird.
Wir bemerken Veränderungen an Menschen, die wir gut kennen, häufig nicht. Daniel J. Simons und Daniel T. Levin haben das Phänomen 1998 als change blindness beschrieben – in einem heute klassischen Experiment ersetzte mitten im Gespräch eine andere Person den ursprünglichen Gesprächspartner, ohne dass es bemerkt wurde.