Last updated on 30/08/2026
Chancen erscheinen selten laut und angekündigt – sie kommen leise, seitlich und zur falschen Zeit. Die Forschung zur Serendipität zeigt: Ob wir sie bemerken, ist kein Glücksfall, sondern eine trainierbare Wahrnehmungsleistung. Warten ist deshalb nicht das Gegenteil von Handeln, sondern eine eigene Kunst – die Kunst, vorbereitet offen zu bleiben.
„All things come round to him who will but wait.“ — Henry Wadsworth Longfellow, Tales of a Wayside Inn (1863)
Warten und Geduld gehören zu den größten Herausforderungen unserer beschleunigten Welt. Alte Redensarten wie „Eile mit Weile“ erinnern daran, dass Hast Gelegenheiten kostet. Aber Longfellows Zeile wird oft missverstanden: Es ist kein Versprechen an die Passiven. Warten heißt nicht stillsitzen – es heißt, offen, vertrauensvoll und neugierig zu bleiben, während die Dinge reifen. Genau dafür gibt es inzwischen Forschung.
Der vorbereitete Geist
Den Grundsatz hat Louis Pasteur schon 1854 in seiner Antrittsrede in Lille formuliert – und dieser Satz ist, anders als viele Berühmtheiten-Zitate, im Wortlaut dokumentiert: „Dans les champs de l’observation, le hasard ne favorise que les esprits préparés“ – auf dem Feld der Beobachtung begünstigt der Zufall nur den vorbereiteten Geist. Der Zufall liefert die Begegnung; ob daraus eine Chance wird, entscheidet die Vorbereitung dessen, der ihr begegnet.
Was die Serendipitäts-Forschung zeigt
Die Informationswissenschaftlerin Sanda Erdelez hat das Phänomen als Erste systematisch untersucht: das Information Encountering – die unerwartete Begegnung mit nützlicher Information, während man eigentlich etwas anderes sucht. Ihr Befund: Menschen unterscheiden sich darin erheblich. Manche sind „Super-Encounterer“, die ständig wertvolle Zufallsfunde machen – nicht weil ihnen mehr begegnet, sondern weil sie nebenläufige Aufmerksamkeit kultivieren und Funde aufheben, auch wenn sie gerade nicht passen (Erdelez 1999).
Christian Busch (NYU/LSE) hat daraus eine Handlungslehre gemacht: Serendipität ist für ihn kein Glück, sondern „smart luck“ – das Zusammentreffen von Zufall und vorbereitetem Handeln (Busch 2020). Zwei seiner Werkzeuge finde ich besonders alltagstauglich: Serendipitäts-Haken auslegen – in Gesprächen nicht nur die Rolle nennen, sondern offene Interessen und Projekte, an denen Zufälle andocken können – und Verbindungen ernst nehmen, die scheinbar nicht zum Plan gehören. Wer zu fest am Plan klebt, übersieht die Gelegenheit daneben (vgl. → Artikel „Die volle Tasse – Nan-in und die Wahrnehmungspsychologie“).
Geduld liefert dazu das Fundament: Sie ist die Fähigkeit, im Wartezustand handlungsfähig zu bleiben, statt vorschnell zu greifen (vertieft im → Artikel „Die drei Gesichter der Geduld – Schnitker, Mischel und gaman“). Und sie schützt vor dem Fehler, Reifezeiten als Stillstand zu deuten (vgl. → Artikel „Der Radwechsel – Brecht, Nancy Schlossberg und die Kunst des Übergangs“).
Was das praktisch bedeutet
Aus Erfahrung weiß ich: Die wertvollsten beruflichen Wendungen kamen bei den meisten Menschen, die ich begleitet habe, nicht aus dem Fünfjahresplan – sondern aus einem Nebensatz in einem Gespräch, das eigentlich ein anderes Thema hatte. Praktisch heißt vorbereitetes Warten: täglich an der eigenen Richtung arbeiten (damit der Geist weiß, wofür er vorbereitet ist), Augen und Ohren offen halten – und die kleinen Zufallsfunde notieren, statt sie zu verlieren.
Wie Gespräche zu Orten werden, an denen solche Zufälle andocken können – durch echtes Zuhören und neugierige Fragen –, vertiefe ich in meinem Buch Erfolgreiche Gespräche im Berufsalltag führen (Springer Gabler, 2023): 👉 tidd.ly/4vwIC98 (Affiliate-Link).
Praxis: Drei Haken in einer Woche
Eine soziale Übung nach Buschs Haken-Prinzip. Erzähle in dieser Woche drei verschiedenen Menschen – bewusst aus unterschiedlichen Kontexten – nicht nur, was Du tust, sondern was Dich gerade umtreibt: eine offene Frage, ein Projekt im Werden, ein Thema, das Du verstehen willst. Ein Satz genügt: „Ich beschäftige mich gerade mit X und suche noch Y.“ Notiere am Ende der Woche, was zurückkam – ein Hinweis, ein Name, ein Buch, ein Zufall. Haken fangen nichts, wenn sie im Boot bleiben.
KI im Lernalltag
Ein KI-Sprachmodell kann gezielten Zufall simulieren: Bitte es, Dein aktuelles Thema mit drei Feldern zu verbinden, die scheinbar nichts damit zu tun haben – „Was kann L&D von der Notaufnahme, vom Imkern und von der Stadtplanung lernen?“ Die meisten Verbindungen sind Spielerei, aber die eine brauchbare hättest Du allein selten gefunden. Wichtig bleibt der vorbereitete Geist: Die Auswahl, was trägt, kann Dir kein Modell abnehmen – und Fakten aus solchen Querverbindungen gehören geprüft, bevor Du sie weiterverwendest.
Zum Schluss
Denk an die größte Chance Deines bisherigen Berufslebens zurück: Stand sie in einem Plan – oder kam sie seitlich, während Du auf etwas anderes gewartet hast? Und wussten die Menschen um Dich herum damals, wofür Du offen warst?
Quellen:
- Longfellow, H. W. (1863): Tales of a Wayside Inn. Ticknor and Fields, Boston.
- Pasteur, L. (1854): Rede zur Eröffnung der Faculté des Sciences, Lille/Douai, 7. Dezember 1854. (Wortlaut dokumentiert, u. a. Wikisource.)
- Erdelez, S. (1999): Information encountering: It’s more than just bumping into information. Bulletin of the American Society for Information Science, 25(3), 26–29. DOI: 10.1002/bult.118
- Busch, C. (2020): The Serendipity Mindset: The Art and Science of Creating Good Luck. Riverhead, New York. (dt.: Erfolgsfaktor Zufall. Murmann.)
Die in diesem Beitrag formulierten Gedanken sind privat. Sie geben weder Position noch Praxis meines Arbeitgebers wieder, sondern reflektieren wissenschaftliche Literatur und persönliche Lernerfahrungen.
Teil der Serie „Mut tut gut“ – Cluster 2: Wahrnehmung & Deutung
Zusammenfassung: Warten ist keine Passivität, sondern nach der Serendipitäts-Forschung eine trainierbare Wahrnehmungsleistung – Sanda Erdelez‘ „Super-Encounterer“ kultivieren nebenläufige Aufmerksamkeit für Zufallsfunde, und Christian Buschs „smart luck“ verbindet Zufall mit vorbereitetem Handeln, ganz im Sinne von Pasteurs dokumentiertem Satz vom vorbereiteten Geist. Wer Haken auslegt, offene Interessen teilt und Zufallsfunde notiert, macht aus Wartezeiten Reifezeiten.

Sei der Erste der einen Kommentar abgibt